Bereits 2011 haben Christian Gelleri und Thomas Mayer eine Zweitwährung für Griechenland vorgeschlagen. Im März 2012 wurde ausführlich darüber berichtet. Seither konnten die griechischen Probleme nicht gelöst werden. Das Land steht immer noch vor der Staatspleite. Ein sogenannter »NEURO« könnte Schlimmstes vermeiden helfen.

csm_Expressgeld_Kreislauf_01_5aefecb459

Die Krise in Griechenland geht in ihr achtes Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2008, dem ersten Jahr der Rezession, bei etwa 23.200 Euro. Unter Berücksichtigung von Steuern und Abgaben kam ein Grieche durchschnittlich auf 1.000 Euro pro Monat. Im Zuge der Wirtschaftskrise sank das Bruttoinlandsprodukt bis 2014 auf nur noch 16.500 Euro und das verfügbare Einkommen auf etwa 700 Euro pro Monat. Wenn die Preise für die Güter im gleichen Maße gesunken wären, wäre das nicht weiter erwähnenswert. Ein Blick auf den Lebenshaltungsindex in Griechenland zeigt jedoch für den gleichen Zeitraum eine Erhöhung des Preisniveaus. Ein Deutscher hatte zum Vergleich im Jahr 2008 durchschnittlich etwa 1.500 Euro und kommt aktuell auf etwa 1.600 Euro pro Monat.

»Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.«

Was würde in Deutschland passieren, wenn das durchschnittliche Einkommen bei etwa gleichbleibenden Preisen auf 1.000 Euro absinken würde? Man muss weit zurückblicken, bis wir in Deutschland etwas Vergleichbares finden: die Wirtschaftskrise von 1929 bis 1933. In diesem Zeitraum sank das Brutto inlandsprodukt pro Kopf ebenfalls um ein Drittel. Ein großer Teil der Deutschen verlor nach vier Jahren die Geduld und wählte den Nationalsozialismus, der den Staat innerhalb von zwölf Jahren wirtschaftlich und moralisch völlig ruinierte. In Griechenland vertrauten die Menschen immerhin länger den etablierten Parteien, doch die Kräfteverhältnisse haben sich enorm verschoben und spätestens seit dem Einzug der Goldenen Morgenröte ins Parlament Anfang 2012 werden rechtsextreme Tendenzen immer sichtbarer. Das Wegbrechen von Einkommen hat bei den Menschen in Griechenland Spuren hinterlassen. Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr ernähren können und diese in Obhut eines SOS-Kinder- dorfs geben oder wenn kranke Menschen nicht mehr behandelt werden und viele an- dere Beispiele zeigen, dass ein Sinken des Einkommensniveaus um 30 Prozent mit zahllosen menschlichen Tragödien verbunden ist. Ende 2014 wählten die Griechen die linke Syriza an die Macht und setzten in die neue Regierung große Hoffnungen. Als Finanzminister bestimmte der neue Regierungschef Tsipras den Ökonomen Yanis Varoufakis. Das ist insofern bemerkenswert, als dieser im Februar 2014 in seinem Blog einen Vorschlag für eine Parallelwährung in Griechenland unterbreitet hat. Wie sieht dieser Vorschlag aus?

Varoufakis’ Vorschlag:

Ausgangspunkt ist für Varoufakis die Abwärtsentwicklung der griechischen Wirtschaft und deflationäre Tendenzen in der Eurozone seit 2013. Aus seiner Sicht sei die Geldmengenexpansion der Europäischen Zentralbank zu gering im Gegensatz zu den USA, die bereits seit 2008 sehr expansiv reagiert habe. Während die US-Notenbank Dollars gedruckt hätte, um in großen Mengen US-Staatsanleihen zu kaufen, hätte die Europäische Zentralbank nur zögerlich auf Wirtschafts- schwäche und fallende Preise reagiert. Der Süden Europas sei davon besonders betroffen. Varoufakis zieht einen interessanten Vergleich mit der Kryptowährung Bitcoin: Die Menge der Bitcoins ist absolut auf 21 Millionen begrenzt. Es besteht keine Möglichkeit, Wachstumsimpulse durch eine Erhöhung der Geldmenge zu erzielen. Ähnlich sei die Geldmenge in den südlichen Staaten Europas fixiert. Die Stärke einer Wirtschaftsregion ziehe Geld an, dieses fehle dann in einer anderen Region. Varoufakis blendet bei seiner Analyse jedoch aus, dass die Europäische Zentralbank die Geldmenge ähnlich stark erhöht hat wie die US-Notenbank. Von dieser Erhöhung ist in Italien, Spanien und Portugal nichts angekommen, sondern im Gegenteil, es ist sogar Geld abgeflossen. Am massivsten war der Abfluss jedoch in Griechenland. Eine noch stärkere Erhöhung der Euromenge hätte den Griechen daher auch nichts genützt. Trotz der ungenauen Analyse kommt Varoufakis zu einem richtigen Schluss, nämlich dass die Einführung einer Parallelwährung zu einer Stabilisierung der Geldflüsse beitragen könnte.

Angeregt durch die Debatte um die Kryptowährung Bitcoins entwickelt Varoufakis das Konzept der »FT-Coins«. FT steht für Future Taxes, also zukünftige Steuereinnahmen. Es geht also um die Schöpfung von Geld aus der Erwartung zukünftiger Steuereinnahmen. Varoufakis ist sich bewusst, dass das Bezah- len von Steuern in Griechenland nicht besonders beliebt ist, daher versucht er es mit einem Anreiz: »Du bezahlst, sagen wir, 1.000 Euro für 1 FT-Coin des Finanzministeriums von Spanien, Griechenland, Italien, Irland etc. Dieser Vorgang ist mit folgender Vereinbarung verbunden: Der FT-Coin kann entwe- der jederzeit wieder in 1.000 Euro eingelöst werden oder er bewirkt nach zwei Jahren eine Steuergutschrift in Höhe von 1.500 Euro. Jeder FT-Coin trägt einen Zeitstempel, der gewährleistet, dass der Nachlass frühestens nach zwei Jahren wirksam wird. Nach Einlösung von FT-Coins können wieder neue FT- Coins emittiert werden. Dabei wird sicher gestellt, dass die gesamte Menge an FT-Coins nicht mehr als zum Beispiel 10% des griechischen Bruttoinlandsprodukt beträgt.«

Das Konzept offenbart viel von dem Denken von Varoufakis. Die jederzeitige Garantie, den FT-Coin ohne Abschlag in Euro einlösen zu können, geht von einer hohen Vertrauenswürdigkeit aus. Würde diese Vertrauenswürdigkeit in der Praxis getestet, würden also viele Teilnehmer die FT-Coins tatsächlich in Euro einlösen wollen, würde man möglicherweise feststellen, dass gar nicht so viel Liquidität vorhanden ist. Die zweite Annahme ist, dass der 50%-ige Bonus die Bereitschaft zum Steuerzahlen erhöht. Die Gefahr ist jedoch, dass diejenigen, die noch Steuern zahlen, den Rabatt von einem Drittel mitnehmen und dass diejenigen, die heute keine Steuern entrich weitergehen ten, das auch in Zukunft nicht tun werden.

Das würde den Staatshaushalt also möglicherweise weiter schmälern. Die dritte Problematik ist der Anreiz zum Geldhorten, und zwar für diejenigen, die in Bälde Steuern bezahlen müssen. Der Parallelwährungsvorschlag von Varoufakis krankt also an mehreren Problemen:
1. Bei einem angeknacksten Vertrauen wird die geschöpfte Parallelwährung in Windeseile zurückgetauscht.
2. Der Bonus kommt zwar den ehrlichen Steuerzahlern zugute, aber wenn die Bereitschaft zum Steuerzahlen nicht insgesamt deutlich ansteigt, wird ein armer Staat durch den FT-Coin noch ärmer. Das erhöht die Pleitewahrscheinlichkeit und die Tendenz, den FT-Coin lieber gleich in Euro zu wechseln.
3. Der FT-Coin tendiert zu einer langsamen Geldumlaufgeschwindigkeit, weil er aufgrund der Steuergutschrift ungern weitergegeben wird. An diesem Vorschlag lässt sich gut sehen, dass eine Parallelwährung kein Selbstläufer ist. Es kommt sehr auf die Konzeption an. Eine schlechte Konzeption kann die angestrebte Wirkung nicht nur außer Kraft setzen, sondern sogar bewirken, dass das Ganze nach hinten losgeht. In der Fachsprache spricht man von einem negativen Geldschöpfungsmultiplikator, wenn das in Umlauf gesetzte Geld zu einer Verringerung der Wirtschaftsleistung führt. In diesem Fall würde die Goethe’sche Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft, genau umgedreht. Können wir nicht vielleicht auch das Gute wollen und dann das Gute schaffen?

»Mit der Parallelwährung wird die Geldmenge pro Kopf um 2.000 NEURO erhöht.«

Kehren wir zur Diagnose des Patienten zurück. Offensichtlich ist, dass es dem griechischen Patienten schlecht geht. Die Wirtschaftsleistung ist um ein Drittel gesunken. Fabriken stehen still, Arbeitskräfte sitzen zu Hause und die Jugend hat die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit im eigenen Land oder der Entwurzelung durch Wegzug. Liegt es etwa an den Löhnen oder der Struktur? 2013 war Griechenland die Nr. 1 in punkto Reformen und Reduzierung von Lohnstückkosten (Studie des Lisbon Council). Dennoch kam die Wirtschaft auch nach fünf Jahren Krise nicht in Schwung. In den Medien hieß es, dass die Reformen weitergehen müssten und dass die Einschnitte noch nicht tief genug seien. Wenn aber die Lohnstückkosten innerhalb von zwei Jahren von 2011 bis 2013 im Vergleich zur Eurozone um 15% gesunken sind, dann haben die Probleme in Griechenland nicht mehr allzu viel mit den angeblich zu hohen Lohnkosten zu tun, sondern es besteht eine tiefgreifende Vertrauenskrise. Dies erkennt man sehr gut an den Geldflüssen.

Zwischen 2009 und 2014 wurde die Geldmenge in der Eurozone pro Einwohner um 5.600 Euro pro Kopf erhöht. In Deutschland blieb von dieser Erhöhung überdurchschnittlich viel hängen, nämlich 6.700 Euro pro Kopf. In Griechenland blieb von dieser Erhöhung gar nichts. Es gab sogar einen gravierenden Geldabfluss in Höhe von 2.900 Euro pro Person. Die »Freizügigkeit« des Euro wirkte sich einerseits für Deutschland positiv aus, für Griechenland ist der Euro dagegen ein einziges Desaster. Aus der deutschen Perspektive können wir mit der aktuellen Lage im Euro-Raum gelassen umgehen. Die deutsche Wirtschaft profitiert weiterhin von den Geldzuflüssen und die eingegangenen Kreditbürgschaften für die südeuropäischen Staaten führen derzeit (noch) nicht zu Zahlungsverpflichtungen für den deutschen Staat.

Die Begrenzung des Geldabflusses müsste für Griechenland die allerhöchste Priorität haben.

Eine Parallelwährung muss daher mit einer Abflussbremse ausgestattet sein. Bei dem ersten Vorschlag zum Neuro (vgl. Gelleri/Mayer 2011 »Expressgeld für Griechenland« sowie Gelleri 2012 »NEURO für Griechenland« unter www.expressgeld.de) wurde eine Rücktauschgebühr in Höhe von 10 Prozent für den Tausch der Parallelwährung in Euro vorgeschlagen. Dieser Vorschlag ist sinnvoll für krisengeschüttelte Länder wie Italien, Spanien und Portugal, die noch genügend Euro-Reserven vorhalten können. Dies war auch noch in Griechenland in den Jahren 2011 und 2012 der Fall. Mittlerweile ist die wirtschaftliche und politische Situation so akut, dass der ursprüngliche Vorschlag modifiziert werden muss, bis sich die Lage stabilisiert. Es sei auch angemerkt, dass der Eindruck besteht, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Nehmen wir aber fiktiv an, dass sich die griechische Notenbank, die griechische Regierung, die Europäische Zentralbank und die Europartner auf folgenden Plan einigen:

1.Die griechische Notenbank erhält die Erlaubnis, eine Parallelwährung in Höhe von zwölf Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts heraus zu geben. Das entspricht etwa einem Wert von 22 Milliarden Euro.

2.Die Parallelwährung erhält den Namen NEURO, der neue Euro für Griechenland.

3. Die Parallelwährung wird rein elektronisch herausgegeben und ist nicht umtauschbar in Euro. Es gibt kein Bargeld.

4.Der griechische Staat garantiert die Annahme von NEURO für Zahlungen von Steuern, Abgaben und Leistungen 1 zu 1 zum Euro. Der offizielle Wert eines NEURO beträgt 1 Euro.

5.Der Handel von NEURO ist erlaubt. Der Wechselkurs entwickelt sich nach Angebot und Nachfrage. Für jeden Handel ist eine Transaktionssteuer in Höhe von 3% zu entrichten.

 

6.Der NEURO wird …

Hier zum Originalbeitrag:
monneta.org/news