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Regioverband und aktive Initiativen präsentierten sich an der Bauhaus-Uni
Die lebendigste neue Nebengeldbewegung der Welt ortete bei der internationalen Tagung Monetäre Regionalisierung an der Bauhaus Universtität Weimar der internationale Komplementärwährungsexperte Stephen de Meulenaere im deutschsprachigen Raum. Am 30. September 2006 stellte sich beim 4. Regiogeldkongress der im Frühjahr 2006 gegründete Regioverband e.V. sowie praktizierende Initiativen vor.

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Der Vorstand des Regioverbandes e.V. und VerbandsmitarbeiterInnen: v.l. Muriell Herrmann, Christian Gelleri, Franz Jansky, Ralf Becker, Annette Bickelmann und Franz Galler.

Der Regioverband e.V.

Bereits im Herbst 2003 wurde das Regionetzwerk gegründet, in dem sich bis zu 50 Regiogeldinitiativen virtuell trafen. Eine reine Mailinglist zur Vernetzung reichte also bald nicht mehr aus. So kam es am 8. Februar 2006 zur Gründungsversammlung des Regioverbandes e.V. Von den acht Gründungsinitiativen erweiterte sich der Mitgliederkreis auf mittlerweile über 30 Gruppen.

Der Verbandsvorstand besteht aus  Frank Jansky vom Urstromtaler, Franz Galler vom Sterntaler, Christian Geller vom Chiemgauer und Annette Bickelmann vom Pälzer. Der Verband erarbeitere Wertestandards, die Voraussetzung für die Aufnahme neuer Initiativen in den Verband sind. Die Leistungen des Verbandes bestehen aus Beratung und der Organisation von Vernetzungstreffen. Der Verband versteht sich auch als Interessensvertretung und Anlaufstelle für Begleitforschung zum Regiogeld. Die Mitgliedschaft für laufende Initiativen beträgt 20 Euro im Monat, für startende 15 Euro. Das nächste Verbandstreffen findet im Februar 2007 in Hagen statt. Weitere Infos auf der Website www.regiogeld.de

Mit 30. September 2006 wies der Regioverband auf 17 laufende Initiativen hin, weitere 26 seien in Vorbereitung. Ein einheitliches Reglement für Regiogeld existiert nicht. Die Initiativen unterscheiden sich in der Frage der Deckung der Gutscheine ebenso wie bei Frage, ob ein Wertverlust wie beim Schwundgeld eingebaut wird oder nicht.

Unterschiedliche Reglements bei der Deckung der Gutscheinsysteme

Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Euro-gedeckten Gutscheinsystemen wie Chiemgauer, Waldviertler oder Kirschblüte, leistungsgedeckten Systemen wie Urstromtaler oder Havelblüte sowie als dritte Kategorie kombinierte Systeme wie bei Sterntaler oder Volmetaler.

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Christian Gelleri vom Chiemgauer (links) und Falk Zientz von der GLS-Bank beim Workshop zum e-Chiemgauer

Testphase für e-Chiemgauer läuft

Die bislang erfolgreichste Regiogeld-Initiative ist der 2003 gestartete Chiemgauer mit 1580 Mitgliedern. Die 70.000 Chiemgauer, die derzeit in Umlauf sind, werden von 500 Unternehmen akzeptiert. "Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt jetzt bei der Einführung des e-Chiemgauers", berichtete Christian Gelleri. "In Wasserburg erklärte sich heuer im Sommer der Gewerbeverein mit 20 Unternehmen bereit, bei der Regiocard-Testphase mitzumachen."

Mit der Umstellung von Papiergutscheinen auf elektronische Abrechnung kommt der Verein dem Wunsch der Unternehmer nach. Die Abrechnung erfolgt über eigens aufgestellte Kartenlesegeräte. Die Konsumenten können mit der Regiocard, die sie kostenlos erhalten,  von ihrem Konto abbuchen. Die Unternehmen führen eigene Chiemgauer-Konten, auch die Partner-Banken. Nach der GLS-Bank stieg jetzt auch die Raiffeisenbank Rosenheim ein.

"Wir buchen den Kapitalismus vom Konto ab"

Die GLS-Bank geht mit Sparguthaben schon seit 30 Jahren anders um als andere Banken. Und so waren bei ihr auch als erstes Finanzdienstleistungen in Regiogeld möglich. Beim e-Chiemgauer kann die beim Papiergeld vierteljährlich zu entrichtende Gebühr tagweise exakt berechnet werden: Der Regionalbeitrag besteht aus einem Umlaufimpuls von 0,022 Prozent am Tag. Pro Transaktion fällt zudem eine geringe Buchungsgebühr an. Die Unternehmer leisten einen monatlichen Beitrag zur Finanzierung des Systems. "Der Chiemgauer ist nicht billig, aber er lohnt sich", ist Christian Gelleri überzeugt.

Während für Kunden vorerst noch keine Giro-Funktion vorgesehen ist, erhalten die mitmachenden Unternehmen einen Überziehungsrahmen von 1000 Euro. Statt 14 % Überziehungszins werden 8,5 % verrechnet. Um der quartalsmäßigen Entwertung zu entgehen, besteht für Unternehmen zudem die Möglichkeit, ihre Chiemgauer auf zinslosen Sparkonten zu parken. Ob sich das Reglement bewährt, wird die Testphase zeigen. Die vielfach kritisch bewertete Bindung an den Euro wird dadurch noch weiter verstärkt.

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Susanne Thomas vom Berliner (links), Falk Münchbach und Frank Schepke vom Kannwas mit Frank Jansky vom Urstromtaler (Bild Mitte von links), rechts Rolf Merten vom Regio im Oberland


Euro-gedeckt arbeitet der Kannwas in Norddeutschland ebenso wie der Berliner, den im September dieses Jahres 186 Unternehmer akzeptierten. Als Regionalwährung für bürgerschaftliches Engagement versteht sich die Kirschblüte in Witzenhausen.

Thumb Franz Galler vom Sterntaler

Weg von der Eurodeckung: der Sterntaler machte den Anfang

Als erste Initiative wagte der Sterntaler im Berchtesgadener Land einen schrittweisen Ausstieg aus der Eurodeckung. Das regionale Gutscheinsystem entstand aus einem Tauschkreis heraus. "Wir waren die ersten, die Zeit und Geld mit einem Schein verbunden haben", erklärte Franz Galler und fügte auch gleich die Beweggründe dazu: "Euro-gedeckte Scheine stehen nur Menschen zur Verfügung, die schon Euros haben." Man wolle aber auch für jene Menschen ein Tauschmittel anbieten, die es sich nicht in Euro leisten, dafür aber sehr wohl eine Leistung erbringen können.

Durch die räumliche Nähe zum Chiemgauer bekommt der Sterntaler als erster die "Schnittstellen"-Problematik bei Regionalwährungen zu spüren: "Der Sterntaler hat eine Rücktauschgebühr bei der Einwechslung in Euro von 10 %, der Chiemgauer nur 5 %. Wir stellen fest, dass es Tendenzen gibt, Sterntaler in Chiemgauer umzuwechseln, um sich damit Gebühren zu sparen", schilderte Franz Galler und meinte scherzhaft: "Vielleicht sind wir dann die ersten, die die Tobinsteuer einführen!"

Die Reglements sind hier auf engem Raum unterschiedlich: Beim Chiemgauer beträgt die jährliche Umlaufgebühr 8 % (durch quartalsmäßiges Markenaufkleben zu entrichten), beim Sterntaler 12 %. Beim Sterntaler machen 170 Unternehmen mit. Diese tragen zur Kostendeckung mit 100 Euro beim Einstieg ins System und weiteren Monatsbeiträgen von 5 Euro bei, erhalten im Gegenzug dafür  Werbefläche auf den Gutscheinen.

Thumb Helmut Reinhardt vom Volmetaler

Lebensfreude mit dem neuen "Schein-Geld" in Hagen: Der Volmetaler

Mit viel Engagement und Kreativität geht in Hagen in Nordrhein-Westfalen der Weinhändler Helmut Reinhardt daran, eine lokale Währung zu etablieren: Am 8. Oktober 2005 startete der Volmetaler - benannt nach einem kleinen Fluss - als Euro-gedecktes Regiogeld. "Heuer gaben wir 35.000 Euro als Gogo-Edition heraus. Dafür gibt es keine Euro-Deckung mehr, die Unternehmen stehen dafür mit ihren Leistungen gerade", erklärte Helmut Reinhardt, der durch witzige Marketing-Ideen den Volmetaler zum Sympathieträger für Regionalwirtschaft macht. Helmut Reinhardt: "Es ist nicht wichtig, dass die Leute wissen, wie Geld funktioniert. Wichtig ist, dass sie es benützen!" WDR-Bericht zum Volmetaler - hier anklicken.

Leistungsgedeckte Systeme

"Beim Urstromtaler machen derzeit 154 Unternehmen mit, 30.000 Urstromtaler sind ausgegeben", berichtete Annika Pietsch aus Magdeburg. Die Urstromtaler können nicht in Euro eingewechselt werden, für ihren Wert stehen die Teilnehmer gerade. Mit 1. September 2006 startete die Initiative eine Kooperation mit der neuen Thüringer Landmark, die gerade rechtzeitig zum Regiogeldkongress in Weimar ausgegeben wurde. Um für die lokale Währung zu werben, geht die Urstromtaler-Regioinitiative jetzt mit einem Stand auf regionale Märkte.

Thumb Andreas Skrypietz von der Brod€inheit

Im Geist von Raiffeisen formiert sich auch im Westerwald eine neue Regiogeld-Initiative: die Westerwälder "Brod€inheit". "Raiffeisen hatte auch einen Brotverein gegründet - nicht Almosen, sondern Leistung hilft", erklärt Andreas Skrypietz vom Westerwälder Initiativen- und Betriebe-Netz

Leistungsgedeckt zirkuliert seit Juni dieses Jahres auch die Havelblüte in Potsdam, die Uwe Kellermann beim Regiokongress vorstellte.

Initiativen in Österreich beim Regioverband

Aus Österreich sind drei Initiativen Mitglied beim Regioverband: Der Waldviertler, der Styrrion und der Vorarlberger Tauschkreis, der heuer zum 10-Jahres-Jubiläum erstmals Talente-Gutscheine im Wert von 10 Euro ausgibt.

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Am Podium: Ralf Becker, Prof. Margrit Kennedy, Stephen de Meulenaere, Dr. Gerhard Rösl, Henning Osmers,
Dr. Peter North und Prof. Roger Lee (v.l.)


Podiumsdiskussion

Zum Abschluss des ersten Kongresstages stand nach den Workshops am Nachmittag eine Podiumsdiskussion mit der Politik am Programm, an der sich nur Grüne Politiker beteiligten - alle anderen Parteien waren auch eingeladen, sandten aber keine/n VertreterIn. Der Diskussion stellten sich Hans-Josef Fell und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt.

"Erstmals sind die 400 reichsten Amerikaner alle Milliardäre mit Vermögen über 1,1 Milliarden Euro", leitete Hans-Josef Fell sein Impulsreferat ein. Man dürfe aber nicht den Fehler machen, dafür eine Ursache und nur eine Lösung zu suchen. In einer globalisierten Welt seien die Warenkreisläufe in der Region nicht mehr intakt, was auch auf die Energieversorgung zutreffe. "BP wies 2005 einen Reingewinn von 22 Milliarden Euro aus", gab Fell zu denken und räumte Regionalwährungen genau in diesen Branchen - in der Lebensmittelversorgung mit Bioprodukten sowie in der Energieversorgung gute Chancen ein.

Die Grüne Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt interessierte sich vor allem für die Frage, ob und wie man in den gegebenen Strukturen Regiogeld mit einer Grundsicherung verbinden könne.

Prof. Margrit Kennedy unterstützt die Regiogeld-Idee seit Jahren und ist überzeugt von Zweck und Nutzen des Regiogeldes. Sie wünschte sich die Einbindung der Gemeinden. Die derzeitigen Regiogeld-Initiativen sind auf Vereinsbasis organisiert, wobei Überlegungen laufen, ab einer gewissen Größe die Rechtsform der Genossenschaft zu wählen.


Infos zu Dollar-Milliardären - hier...

















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