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Bericht vom Wirtschaftsforum Finanzkultur, verfasst von Veronika Spielbichler

   

Günter Peham, Initiator von wertvollleben, bei der Begrüßung zum Wirtschaftsforum Finanzkultur. Bild Mitte: Mag. Otto Leodolter, Bild rechts: Moderator Gerhard Peham, Paul Fischer und Mag. Otto Leodolter.

„Die Freiheit ist der kostbarste Teil des Menschen“ – dieser Spruch des Ordensgründers Franz von Sales steht an der Wand der Turnhalle des Gymnasiums Prambachkirchen, in dem sich über 200 TagungsteilnehmerInnen einfanden. „Die Freiheit ist das wertvollste Gut des Menschen – und sie beginnt in uns. Freiheit zu leben ist eine Herausforderung“, erklärte Günter Peham, der die „wertevollleben SINN-Stiftung“ mit Gleichgesinnten gründete (www.wertevollleben.com), dazu motiviert aus der eigenen Lebenserfahrung. „Gegen die Finsternis hilft nicht Jammern, sondern nur das Lichteinschalten“, so Peham, fest von der Eigenverantwortung des Menschen überzeugt und davon, dass „eine neue Wertekultur der gelebten Liebe“ anstelle des von Angst getriebenen Systems heute Raum erhalten soll.

 

Aufmerksames Publikum im Turnsaal des Gymnasiums beim Vortrag von Heini Staudinger (Bild Mitte), rechts im Bild mit Mag. Otto Leodolter von der Fa. Löffler.

Ein internationaler Konzern setzt auf Fairness: Löffler Österreich

„Wissen Sie, was Sie anhaben? Und woher es kommt? Heute ist es fast nicht mehr möglich, die gesamte Wertschöpfungskette zu kennen“, eröffnete Mag. Otto Leodolter, Geschäftsführer des österreichischen Textilherstellers Löffler mit Sitz in Ried im Innkreis seinen Input, der das in der Nachkriegszeit gegründete und 1973 in die Fisher Group eingegliederte Unternehmen  vorstellte. Löffler fertigt funktionelle Sportbekleidung, beschäftigt damit 200 Menschen in Ried und exportiert 60 bis 70 Prozent der Ware vorwiegend nach Europa, wobei in Österreich 80 % der Wertschöpfung erfolgt.

„Von 100 Marken sind heute noch drei oder vier selbst Hersteller“, gab Leodolter einen Einblick in die internationale Struktur der Textil-Branche, die seit Jahrzehnten von der Auslagerung der Arbeitsplätze in Billiglohnländer geprägt ist. Löffler verlor von den 1950er bis zu den 1980er Jahren 80 Prozent seiner Arbeitsplätze. Heute fühlt sich das Unternehmen einer nachhaltigen Wertschöpfungskette verpflichtet, zu der auch die Arbeitsplätze in Österreich gehören. 70 % der Stoffe werden in Ried i.I. hergestellt, die Näharbeiten für jährlich 1,3 Millionen Stück Kleidung erfolgen teilweise in Oberösterreich und teilweise im benachbarten Tschechien. Löffler setze auf Näharbeiten auf höchstem Niveau und garantiert Öko-Tex-Standard: „Wir werden jetzt als erster Textilhersteller Österreichs nach dem Öko-Tex Standard 100 zertifiziert“, teilte Leodolter mit. Qualität, die ihren Preis hat und haben soll: „Als kritischer Konsument soll man bewusst nachdenken, unter welchen Bedingungen unsere Produkte erzeugt werden“, appellierte Leodolter und zeigte auf, wohin die „Geiz ist geil“-Mentalität führt – zu Lohndumping und unwürdigen Lebensbedingungen in jenen Ländern, in denen unsere Arbeits-, Sozial-  und Umweltstandards nicht gelten. „In Österreich liegen die Kosten pro Lohnminute bei 36, 37 Cent. In Tschechien bei 20 Cent. In Bulgarien bei 10 Cent, in China bei 1-2 Cent und in Bangladesch bei 0,3 Cent.“

Der widerspenstige Schuhproduzent: Heini Staudinger

Ähnlich wie in der Textilbranche verlief auch die Entwicklung in der Schuhproduktion, die bis auf wenige Ausnahmen aus Österreich ausgelagert wurden. Zu diesen Ausnahmen zählt die Waldviertler Schuhfabrik GEA, die ihr Überleben einem mutigen, schlauen Unternehmer  zu verdanken hat, der durch seinen Kampf à la David gegen Goliath im Clinch mit der Finanzmarktaufsicht seit Monaten für Schlagzeilen sorgt: Heini Staudinger. „Nur über einen fairen Preis leitet sich die Lebensfähigkeit eines Unternehmens ab“, eröffnete der streitbare Schuhproduzent sein Statement und machte seinem Ärger über das Hypo Alpe Adria Desaster Luft: „Das ist ist der exzessive Ausdruck davon, was Mainstream in unserer Gesellschaft geworden ist. Es ist Gang und Gäbe, dass man für den billigsten Preis maximal einkaufen will – für möglichst wenig Leistung möglichst viel abcashen.“

Und wo endet dieses perverse System der Ausbeutung? „Die Chinesen lagern die Schuhproduktion jetzt nach Äthiopien aus, weil da die Arbeitsstunde nur mehr 10 Cent kostet“, schildert Staudinger die profitgetriebenen Auswüchse unseres Wirtschaftssystems. „Wir sind gefangen in Obszönität. Um wenigsten die eigene Würde zu retten, müssen wir selber Grenzen ziehen“, lautet sein Fazit und dann schilderte er den steinigen, krisengepflasterten und schließlich höchst erfolgreichen Weg der GEA-Waldviertler Werkstätten GmbH, die Schuhe und Möbel herstellt.

Ende der 1990er Jahre schlitterte die Schuhfabrik in die Krise. „Sprich, das Geld war weg“, so Staudinger, der in der Krise „etwas ganz Wertvolles“ sah, um sich der eigenen Kräfte bewusst zu werden. „In der Krise heißt es zusammenhelfen – das ist in keinster Weise schrecklich.“  Als ihm 1999 von der Bank der Kreditrahmen trotz 40 % Umsatzplus und 5 Millionen Schilling Bilanzgewinn drastisch gekürzt wurde, war für Staudinger die Richtung klar: Raus aus der Bankenabhängigkeit. Er begann Freunde, Bekannte und später Kunden zu fragen, ob sie nicht bei ihm investieren wollen. „2003 waren wir schuldenfrei“, erklärte Staudinger. Und als 2008 Ergee in Konkurs ging und eine 4000 Quadratmeter große Halle zur Erweiterung der GEA-Werkstätten angekauft wurde, waren „500.000 Euro in null komma nix da“ – wieder als Leihgabe von Privatpersonen. Das muntere Treiben des rührigen Unternehmers rief dann die Finanzmarktaufsicht FMA auf den Plan, die Staudinger bezichtigte, illegale Bankgeschäfte zu tätigen. Wogegen sich dieser seither sehr medienwirksam zur Wehr setzt und mit der vertraglichen Änderung auf Nachrangdarlehen einen Weg gefunden hat, sich auch weiterhin Geld von Privatpersonen ausleihen zu können. „Ich lasse mich nicht abbringen und will, dass mein Ausweg ein Weg für alle wird“, sagt Staudinger, der der FMA vorwirft, bei der Hypo Alpe Adria geschlafen zu haben, als diese 18 Milliarden Euro versenkt habe: „Bei uns ging es um drei Millionen Euro“, und rechnet vor, dass mit 18 Milliarden Euro Steuergeld sofort 1,2 Millionen Arbeitsplätze in Österreich geschaffen werden könnten.

Zu den Lehren, die Staudinger aus der Krise seiner Schuhwerkstatt gezogen hat, zählte auch ein neuer Umgang mit Werbung: „Das Gefühl, Mangel zu erzeugen, gehört zum Know-How der Werbung von Billa & Co. Diese Werbung ist ein ganz destruktiver Faktor im Leben. Sie sagt – so wie´s jetzt ist, ist es nicht recht. Die Werbung vergällt das Leben“, sagt Staudinger und rückt das Nie-Genügen in Zusammenhang mit den vermehrt auftretenden psychischen Erkrankungen: „850.000 Menschen in Österreich nehmen Psychopharmaka, um diesen Wahnsinn noch auszuhalten.“ Es gehe darum, „nicht den billigsten Preis zu suchen, sondern den gerechten. In einem Produkt soll der Lohn stecken, den wir selbst gern hätten“, so Staudinger, der in seiner einzigartigen, humorvollen Art und Weise den ZuhörerInnen auch noch seine Unternehmensgrundsätze erläuterte:  „ 1. Geh scheiß die net an. 2. Bitte sei ned so deppad und als dritten die Liebe, was heißt Verantwortung zu übernehmen für das größere Ganze.“   Und ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach als Schlusswort dem Publikum mitgab:  „Die glücklichsten Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“ 

Von links: Paul J.Ettl, Tobias Plettenbacher und zwei seiner Präsentations-Grafiken (zum Vergrößern anklicken).

Gemeinwohl-Ökonomie – ein Wirtschaftsmodell zum Wohl der Gemeinschaft

Wirtschaftlichen Erfolg nicht nur am monetären Profit messen, sondern mit anderen Maßstäben – dafür plädiert Paul J. Ettl, der beim Wirtschaftsforum Finanzkultur die Gemeinwohl-Ökonomie und deren Instrument, die Gemeinwohl-Bilanz vorstellte. Ein Schlüsselerlebnis brachte den Software-Entwickler zum Umdenken: „2006 erweiterten wir in unserer Firma die Hardware und wurden dafür von der Bank sehr gelobt. Im Folgejahr investierten wir dieselbe Summe in die Weiterbildung unserer Mitarbeiter, was die Bank dann veranlasste nachzufragen, warum es uns jetzt so schlecht gehe! Diese Ausgaben wurden sofort als gewinnmindernd eingestuft. In der Bilanz scheinen nur Investitionen in Maschinen auf, nicht in Menschen!“ schildert Ettl den Grund, weshalb er sich für Alternativen zu interessieren begann und die Lösung in Christian Felbers Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie gefunden hat: „Es geht darum, menschliche Werte darzustellen und zu belohnen.“ Die Gemeinwohl-Matrix macht das gesellschaftliche, soziale und ökologische Engagement eines Betriebes oder einer Kommune sichtbar. Ein Anreizmodell, das die öffentliche Hand bei der Auftragsvergabe berücksichtigen könne. Und Ettl rät den Konsumenten, bei den Firmen aktiv nachzufragen, ob eine Gemeinwohlbilanz vorliege.

 

Von links: Carsten Schmitz, Bernd Hückstädt, Gerhard Peham, Hansjörg Stützle.

Wie Geld funktioniert und verteilt…

DI Tobias Plettenbacher, Buchautor, Landschaftsökologe und Initiator des Nachbarschaftshilfe-Vereines  „Wir Gemeinsam“ in Oberösterreich (www.wirgemeinsam.net)  erklärte in seinem Vortrag die Funktionsweise von Geld, Zinseszinssystem und die - aus der darin enthaltenen mathematischen Exponentialfunktion   - entstehende Dynamik in der Vermögensverteilung, die von Jahr zu Jahr immer schneller Geld von unten nach oben zu den großen Vermögen hin transportiert und zur Verarmung des Mittelstandes auch in unseren Breiten führt.

Wirtschaftliche Selbsthilfe: Wörgler Freigeld damals und komplementäre Systeme heute

In Wörgl bewirkte während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre Freigeld als Zweitwährung einen regionalen Wirtschaftsaufschwung. Mithilfe der Regionalwährung wurde ein Infrastrukturbauprogramm von der Gemeinde durchgeführt, das Arbeitsplätze und Werte schuf und erhielt. Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Institutes in Wörgl, ging einerseits auf das historische Geldexperiment ein und zeigte anhand praktischer Beispiele, wo Komplementärwährungen, neue Finanzierungsformen mittels Bürgerbeteilgung sowie die neue Commons- und Sharing-Kultur heute als sinnvolle Instrumente der Regionalentwicklung und zur Gestaltung der Gesellschaft eingesetzt werden können. 

 

Links im Bild Prof. DDr. Wolfgang Berger beim Vortrag, 2.v.l. Günter Peham, 3.v.l. Andrea vom wertvollleben-Organisationsteam. Bild rechts: Heini Staudinger während der Pause, umringt von interessierten ZuhörerInnen.

 

GLS – Geld als soziales Gestaltungsmittel

„Banken müssen keine Bankster sein“ – unter diesem Titel stellte Diplom-Betriebswirt (FH) Carsten Schmitz  die GLS Gemeinschaftsbank eG vor, die ihren Sitz und ihr Filialnetz in Deutschland hat. Die Gemeinschaftsbank für Geben, Leihen und Schenken GLS wurde 1961 als Treuhandverein gegründet und hat antroposophische Wurzeln. Die Bank, die Geld als soziales Gestaltungsmittel betrachtet und Mitglied im Institute for Social Banking ist, engagiert sich in den Bereichen Energie, Ernährung, Gesundheit, Bildung und Wohnen und weist eine Bilanzsumme von 3,2 Milliarden Euro aus.

Gradido – Wirtschafts-Bionik zum Wohle aller

Eine neue Volkswirtschaftslehre will Bernd Hückstädt mit der Gradido-Akademie begründen, die „die natürliche Ökonomie des Lebens abbildet und die Bionik ins Wirtschaftsleben integriert“, erklärt der Schöpfer der Lebensgeld-Idee und zitiert die drei für ihr maßgeblichen Naturgesetze: „In der Natur ist alles positiv, es gibt keine negativen Zahlen wie in unserer Mathematik. Es herrscht das Gesetz des Ausgleiches – die Natur gleich Niveauunterschiede immer aus. Und in der Natur besteht der Kreislauf aus Werden und Vergehen.“  Um nun dreifaches Wohl – für den Einzelnen, die Gemeinschaft und die Umwelt zu erreichen, solle für alle drei Bereiche Lebensgeld geschöpft  und in Umlauf gebracht werden. „Gradido ist ein neues Geld, das schuld- und steuerfrei funktioniert“, erklärte Hückstädt, weitere Infos dazu gibt es online auf http://gradido-de.blogspot.co.at/

Der tieferliegende Grund der Schuldenkrise: fehlende Fairness beim Austausch

Ursachenforschung betreibt Hansjörg Stützle von WertVoll Leben, Uhldingen-Mühlhofen am Bodensee, der den tieferliegenden Gründen der Schuldenkrise nachgeht und an der Basis das Defizit des fehlenden fairen und ausgeglichenen Austausches diagnostiziert. Durch das bestehende Wirtschaftssystem sei der der Mensch auf billig ist gut konditioniert. Doch das kann nicht gut gehen. „Rabatte wirken wie Drogen“, zitierte Stützle neueste Erkenntnisse aus der Psychologie und sieht in dieser Mentalität die Ursache für Ausbeutung und eine ungesunde Anspruchsmentalität.

Geld, das sich nicht von selbst vermehrt

„Es geht auch ohne Krise – wenn Geld sich nicht mehr von selbst vermehrt“, ist Prof. DDr. Wolfgang Berger überzeugt, der sich neben seiner beruflichen Tätigkeit im Business Reframing Institut mit Geldtheorie und Silvio Gesells Thesen befasste. Berger sieht in „fließendem Geld“ einen Lösungsansatz und schilderte in seinem Vortrag die Geldwirtschaft und das Leben im Mittelalter während der Brakteatenzeit von 1150 bis 1450.

Am Marktplatz: Das globalisierungskritische Netzwerk ATTAC, das offene Technologielabor Otelo, das Mode-Label Fairytale und Gerhard Zwingler vom Nets.werk (v.l.)

Marktplatz der guten Ideen…

Bevor eine abschließende Podiumsdiskussion mit allen Teilnehmern das Wirtschaftsforum beschloss, bot sich in den Pausen ausreichend Zeit und Gelegenheit, an Infoständen sich mit Infomaterial einzudecken und mit Austellern zu vernetzen. Darunter waren u.a. Die Mulitkraft Produktions-und HandelsgmbH ( Effektiven Mikroorganismen), der Verein zur Förderung der Gemeinwohlökonomie(www.gemeinwohl-oekonomie.org), Attac Linz, das Projekt Bank für Gemeinwohl (www.mitgruenden.at), das NETs.werk Nachhaltig leben, Steyr (SonnenZeit – www.netswerk.at), das Bio-Faire-Mode-Label „Fairytale“ – Fair Fashion in Eferding (www.fairytale-fashion.at), der Kreditopferverein (www.kreditopferhilfe.net), ip.consult GmbH Ried (systemisches Coaching), Die Schatzsucher (Ganzheitliche Unternehmensaktivierung Gunak) Smile-plus (Spritsparen mit Kraftstoffzusatz, www.spritsparen.eu.com), das Netzwerk Otelo – Offene Technologielabore in Vorchdorf (www.otelo.or.at) und die Solidar-Werkstatt Österreich (www.solidarwerkstatt.at). Für Aufzeichnung und Live-Übertragung der Veranstaltung sorgte Okitalk.

Weitere Bilder vom Wirtschaftsforum Finanzkultur hier in der Galerie...

Video-Mitschnitt vom Vortrag von Veronika Spielbichler:
https://www.youtube.com/playlist?list=PLLmiN68H1vlo9GPpTaMkSKPFGdgaLNRth

Video-Mitschnitte aller Referenten:
https://www.youtube.com/watch?v=nPNje7-Ts7w&index=7&list=PLLmiN68H1vlo9GPpTaMkSKPFGdgaLNRth


 

 

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