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Vortrag von Gernot Jochum-Müller am 21. März 2014 in Salzburg

Im Rahmen des österreichischen Vernetzungstreffens der Tauschsysteme hielt Gernot Jochum-Müller, Unternehmensberater und Komplementärwährungsexperte aus Vorarlberg einen Vortrag über aktuelle österreichische und internationale Entwicklungen bei Regionalwährungen.

"Das Thema Komplementärwährung ist in Europa jetzt etwa 20 Jahre alt", so Jochum-Müller. Zu den europäischen Trends: Gr0ße Projekte wie "Digipay 4 growth" von der internationalen Social Trade Organisation STRO mit Sitz in den Niederlanden und CCIA - Community Currencies in action, getragen von der New Economy Foundation NEF in London machen EU-Gelder locker. Immer mehr Gemeinden und Regionen befassen sich mit komplementären Währungen. "Um Nachbarschaftshilfe und Betreuungsdienste nach Wegfall der Pflegestufe 1 zu forcieren, wurde in der Steiermark mit Unterstützung des Landes die Zeitbank Zeithilfsnetzwerk gegründet und St. Gallen in der Schweiz gründete eine Stiftung, um gemeinsam mit der Sozialversicherung ein Betreuungsmodell für Senioren auf die Beine stellen, wobei die Stadt die Einlösbarkeit der Zeitgutschriften garantiert. In Bayern boomen die Seniorengenossenschaften", so Gernot Jochum-Müller, "Und Bartersysteme waren noch nie so stark wie jetzt."

"Mittlerweile gibt es professionelle Servicepartner und Berater, die im Thema fit sind. Das Wissen über rechtliche Belange steigt deutlich an. Neu ist das rechtliche Vorgehen gegen "schwarze Schafe". Die europäische Zahlungsmittelrichtlinie (2009 erlassen) führt dazu, dass die Finanzmarktaufsicht von sich aus kontrolliert und Regelverstöße schnell und hart ahndet. Neu ist auch das Interesse von Investoren an einzelnen Systemen", erklärt der Vorarlberger Unternehmer und Mitbegründer des Talente-Tauschkreises Vorarlberg sowie Motor für Innovationen im Regionalentwicklungsbereich.

Beispiele aus Europa

In der Lombardei in Italien startete analog zum Schweizer WIR-System "Lombardia". Regionalwährungen als Mittel zur Unterstützung der Regionalwirtschaft etablierten sich in Spanien (Catalania) und England, wo sie besonders in Bristol und Brixton populär sind. Gent in Belgien setzt mit einer Regionalwährung Gartenprojekte unter Einbeziehung von Migranten um und in der Schweiz setzt die Sozialversicherung auf den Aufbau einer 4. Vorsorgesäule unter Nutzung der Zeit als Währung. Das größte und erfolgreichste System besteht derzeit auf Sardinien - der Sardex habe dort binnen zweier Jahre die Wirtschaft auf den Kopf gestellt.  In Aufbau befinden sich auch Zeitbanken in Südtirol, wo diese Systeme seit Ende der 1990er Jahre bereits aufgrund ihrer positiven gesellschaftlichen Auswirkung auf die Sozialstruktur steuerfrei gestellt sind.

Zwei große Trends: Euro-orientierte Systeme und Geld ohne Schulden

"Noch nie war die Vielfalt und Spannweite der Modelle so groß wie jetzt, da ist sehr viel in Bewegung", analysiert Jochum-Müller, wobei zwei Trends erkennbar sind: Einerseits Systeme, die sich am Euro und am bestehenden System orientieren bzw. angebunden sind sowie Gelder, die ohne Minuskonten entstehen - etwa Zeitbanken - in Österreich die Zeitbanken 55+ oder das Zeithilfsnetz in der Steiermark. Euro-orientiert sind Regionalwährungen wie Chiemgauer, Sterntaler oder Gemeindewährungen wie die Langenegger Talente, die derzeit von 15 Betrieben in dem Vorarlberger Dorf akzeptiert werden. Der Dorfladen macht mittlerweile 15 % seines Umsatzes in Talent, was jährlich rund 170.000 Euro ausmacht, und Langenegg akzeptiert Steuern und Abgaben in der Zweitwährung. Euro-orientiert sich auch Bartersysteme - hier entwickelt STRO derzeit Modelle, die bald starten werden.

Zulauf verzeichnen auch "nicht-Geld-Modelle", die organisiert schenken. Bei diesen Modellen bleiben die Kreisläufe offen. "Beliebt sind Schenktage. Vormittags werden die Sachen gebracht, nachmittags abgeholt und jeder darf nehmen, soviel man tragen kann", schildert Jochum-Müller das einfache Konzept. "Die Systemvielfalt nimmt zu in Österreich, wobei man darauf abzielt, attraktiver und einfacher zu werden."

Mit der Zunahme von Initiativen stellt sich auch ein neues Phänomen ein: Konkurrenz bzw. ein Nebeneinander von Projekten. So breitet sich "Wir gemeinsam" aus Oberösterreich in die Nachbarländer aus und die Vorarlberger Allmenda Social Business e.G. ist Träger der neuen Regionalwährung in Neukirchen an der Vöckla in Oberösterreich und bietet sich als Servicepartner für Regionalwährungen in ganz Österreich an (Info hier).

Bei der verwendeten Software Cyclos wird die Open Source-Anwendung aufgelassen, weil immer mehr Banken die Software verwenden und kommerzialisieren - was nicht im Sinne der Erfinder war. So werden künftig je nach Nutzer Lizenzen vergeben, wobei die Tauschsysteme weiterhin diese Lizenz kostenlos erhalten sollen. Und noch ein weiterer Trend zeichnet sich ab: "Konzerne werden in die Märkte mit eigenen Zahlungsmitteln einsteigen."

 

 

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