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Auftakt zum 5. Regiogeld-Kongress von 3.-5. Mai 2013 in Traunstein

 

"Wir stehen auf regional" schallte zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung des 5. Regiogeld-Kongresses am 3. Mai 2013 durch den großen Rathaussaal in Traunstein - der Chor Giovedi Vocale unter der Leitung von Stephan Hadulla brachte dem Chiemgauer ein gebührendes Geburtstagsständchen mit eigens getexteten Liedern. Als "Lokalpatriot" outete sich auch der "Herr Chiemgauer" alias Richard Leitner (2. Bild v.l.) in seinem Sketch, der Zahlen und Fakten zum Chiemgauer unterhaltsam aufbereitete. Christian Gelleri gab dann in seinem Impulsvortrag einen tieferen Einblick, bevor unter der Moderation von Prof. Bernhard Zimmer am Podium mit Chiemgauer-Nutzern diskutiert wurde.

10 Jahre Chiemgauer - eine Erfolgsgeschichte

Als Schüler-Unternehmen der Freien Waldorfschule Chiemgau in Prien a. Chiemsee gründete der Wirtschaftslehrer Christian Gelleri gemeinsam mit sechs Schülerinnen den Chiemgauer als eurogedeckte Gutscheinwährung, der dank unermüdlichem Einsatz und viel ehrenamtlicher Arbeit zur Erfolgsgeschichte wurde. Heute akzeptieren über 600 Unternehmen das Regiogeld, das in Form von Gutscheinen sowie als elektronisches Karten-Zahlungsmittel etwa zwei bis dreimal schneller umläuft als der Euro. Nach der Freigeld-Idee Silvio Gesells ist der Chiemgauer mit einem Umlaufimpuls von 8 Prozent pro Jahr ausgestattet.

In Umlauf gelangt das Zahlungsmittel, das in den Landkreisen Traunstein und Rosenheim sowie im Mangfalltal zuhause ist, durch den eins zu eins-Eintausch von Euro in Chiemgauern. Rücktausch in Euro ist nur den Annahme-Stellen zu einer Umtauschgebühr von 5 % möglich, aus der 3 % an gemeinnützige Vereine gehen. Wem diese Fördermittel zufließen, entscheidet der Kunde beim Einwechseln in Chiemgauer - seit Bestehen der Regionalwährung wurden bereits fast 280.000 Chiemgauer Fördergelder ausgezahlt, im Jahr 2012 waren es 50.000 Chiemgauer.

Das Schülerunternehmen wurde vom Chiemgauer e.V. übernommen, der nachhaltiges Wirtschaften in der Region unterstützt. Die wirtschaftliche Abwicklung übernahm die Regios-Genossenschaft in Rosenheim. Als Motor blieb dem Regiogeld Christian Gelleri erhalten, der als Vorstandsvorsitzender mit seinem Team den Chiemgauer vom Gutscheingeld zum elektronischen Zahlungsmittel weiter entwickelte und das Know How auch anderen Regiogeld-Initiativen in Deutschland zur Verfügung stellt.

Christian Gelleri stellte in seinem Impulsvortrag Selbstverständnis und Ziele des Chiemgauers vor: "Wir bestimmen demokratisch unser Geld, geben dem Geld eine Heimat. Unser Geld bleibt im Fluss und fördert das Gespräch sowie regionales Handeln." Der Chiemgauer wolle Bewusstsein über Geld und Wirtschaft schaffen, umweltverträglich Wertschöpfung ermöglichen und möglichst viel Schenkgeld für Kultur, Bildung und Kunst bereitstellen. Als Chiemgauer-Fan outete sich Horst Köhler, den Christian Gelleri gern zitierte. Wer eine Regionalwährung wie den Chiemgauer nutze, wisse, wo "sein Geld die Nacht verbringt". Es komme der regionalen Wirtschaft zugute, deren Umwelt- und Sozialverträglichkeit viel leichter überblickt werden könne wie Fernbeziehungen. Zudem trage es zum Erhalt regionaler Spezialitäten bei - bei Lebensmitteln ebenso wie im Handwerk. Strukturen der Nähe vermeiden unnötige Transportkosten. Der Chiemgauer fördere gemeinwohlorientierte Projekte, schaffe Bewusstsein für regionale Wirtschaftskreisläufe und stärke das "Wir-Gefühl".

Die Vorteile leuchten schnell ein -  Regionalwährungen sind aber deshalb längst nicht automatisch erfolgreich, ein so gut funktionierendes System wie der Chiemgauer ist keine Selbstverständlichkeit. Regiogeld-Initiativen in Schwung zu halten erfordert Kräfte und Ressourcen. "Es gibt auch Initiativen, die nach dem Start wieder aufgeben", merkte Gelleri an, der über sein engagiertes Team gleichermaßen glücklich ist wie über die positive Resonanz in der Bevölkerung. Dort liegen allerdings auch noch Entwicklungschancen: "Wenn alle Chiemgauer-Mitglieder den Chiemgauer nützen würden, könnten wir den Umsatz verdoppeln - und wenn der Chiemgauer noch konsequenter zum Einkaufen verwendet wird, kann der Umsatz auch verzehnfacht werden."

Bei der Ausweitung des Einsatzgebietes des Regiogeldes setzt der Chiemgauer auf Vereine ebenso wie auf Gemeinden und Unternehmen, die auf freiwilliger Basis auch Lohnanteile in der Regionalwährung auszahlen können. Gelleri appelliert, "kreativ mit dem Chiemgauer umzugehen. Wir haben es in der Hand, ob wir etwas ändern."

 

Am Podium diskutierten (v.l.) Susanne Zeisig, Geschäftsführerin der Freien Waldorfschule Rosenheim, die Unternehmerin und 2. Vorsitzende des Gewerbevereines Waging Bewegt e.V. Karin Wiedemann, Jürgen Wemhöner, Geschäftsführer des Sozialwerk Stephanskirchen, Dominik Sennes, Mitarbeiter der Leoquelle, Verbraucherin Martina Christoph vom Trachtenverein Inzell und Stefan Magg, Geschäftsführer von Biofair GmbH und der Metzgerei Magg.

Podiumsdiskussion: Chancen und Grenzen des Chiemgauers

Was halten Konsumenten, Unternehmer und geförderte Einrichtungen vom Chiemgauer? Wie läuft´s im Alltag? Und was kann getan werden, um den Regiogeld-Kreislauf weiter anzukurbeln? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion, die Prof. Bernhard Zimmer, Aufsichtsrat der RegioSTAR eG leitete.

"Ich kann im Ort an 29 Stellen mit dem Chiemgauer zahlen. So bleibt mein Geld in der Region", erklärte Martina Christoph, die mit dem Chiemgauer auch ihren Trachtenverein Inzell fördert. "Der Chiemgauer ist vergleichbar mit einem Gütesiegel - das schließt einiges aus", sieht Stefan Magg, Geschäftsführer der Biofair GmbH und der Metzgerei Magg den praktischen Nutzen. "Für Sozialeinrichtungen kommt auf diese Weise ein ganz schöner Betrag zusammen", schätzt Jürgen Wemhöner, Geschäftsführer des Sozialwerk Stephanskirchen den Chiemgauer.

"Vereine motivieren ihre Mitglieder, den Chiemgauer zu nützen. Wo kommen aber die 3 % her? Vom nicht gehaltenen Versprechen, den Chiemgauer wieder auszugeben", bohrte Zimmer nach. Die 3 % zahlt die Annahmestelle beim Rücktausch in Euro. "Wie sieht das der Gewerbebetrieb?" wollte Zimmer  wissen. "Es geht darum, den Zusammenhang zwischen Produzent und Konsument regional wieder herzustellen", meinte dazu Stefan Magg. Der Betrieb muss sich dazu ein Netzwerk suchen, bei ihm gehe der Rücktausch gegen Null. "Es geht darum, Bewusstsein fürs Geldwesen zu schaffen und dieses so zu gestalten, dass es gut ist. Die 3 % Kosten kommen ja der Gemeinschaft, dem Gemeinwohl zugute", zeigte sich Dominik Sennes, Mitarbeiter der St. Leonhards Vertriebs GmbH und Unternehmensberater verständnisvoll.

Was die Beteiligung der Unternehmen generell betrifft, meinte Karin Wiedemann, Unternehmerin und 2. Vorsitzende des Gewerbevereins Waging Bewegt e.V.: "Da ist noch viel Luft nach oben! Ich freu mich über jeden, der mitmacht." "Regionales Wirtschaften und der Chiemgauer muss immer wieder zum Thema gemacht werden, von allein läuft das nicht - sonst verschwindet er", weiß Susanne Zeisig, Geschäftsführerin der Freien Waldorfschule Rosenheim, der das größte Förderprojekt des Chiemgauers zugute kommt: "In den vergangenen 10 Jahren haben wir rund 24.000 Euro Chiemgauer aus der Vereinsunterstützung erhalten und konnten damit die naturwissenschaftliche Abteilung neu ausstatten."

Von charmant bis dreist waren schließlich die Vorschläge, den Chiemgauer weiter zu forcieren. Vor allem sei eines wichtig - dass Kunden ihn immer wieder an der Kasse anbringen wollen, Unternehmer darauf ansprechen. Das rät auch Martina: "Und lästig sein, lästig sein, lästig sein!" In der Praxis bewähre sich auch, Mischpreise zu vereinbaren und dabei Quoten für den Chiemgauer-Anteil auszuweisen.

Chiemgauer als Tourismus-Attraktion

Nicht ganz im Sinn der regionalen Zirkulation, aber durchaus ein Erfolg für den Chiemgauer ist dessen "guter Auftritt" in der Tourismusbranche: "Die Gäste sind sehr motiviert, den Chiemgauer zu verwenden - und viele nehmen ihn als Souvenir mit", berichtet Karin Wiedemann aus Waging, wo die Tourismus-Infostelle auch Chiemgauer-Ausgabestelle im Ort ist. Chiemgauer liegen mittlerweile als Sammlerobjekte auch im Archiv der Deutschen Bundesbank. Die vielfach grafisch schön gestalteten Regiogelder sind auch anderswo Sammelobjekte. "Der Regio ist ein Alleinstellungsmerkmal einer Region. Mit dem Euro geht Identität verloren, mit dem Chiemgauer kommt sie zurück", meint Bernhard Zimmer.

Regiogelder haben sich bislang auch als uninteressant für Geldfälscher, ja selbst für Diebe erwiesen: "Als in unserer Schule eingebrochen wurde, blieben die Chiemgauer in der Kasse liegen", berichtete Susanne Zeisig und Georg Moosbrugger, Bürgermeister der Vorarlberger Gemeinde Langenegg (www.langenegg.at) konnte dazu auch eine Begebenheit beisteuern: "Bei einem Einbruch im Gemeindeamt wurde unsere Handkasse geklaut. Da waren 1700 Langenegger Talente drin - was macht der Dieb jetzt damit?" Viel wird er damit nicht anfangen können - und selbst wenn er sie ausgibt und dabei nicht auffliegt, bleibt der Umsatz im Ort...  

 

 

Christian Gelleri bedankte sich beim Eröffnungsabend beim Chiemgauer-Team vom Chiemgauer e.V., das seit einem halben Jahr unter der Leitung von Elke Mathe und Christophe Levannier den Kongress vorbereitet hat  und tatkräftig bei der Umsetzung half (Bild links). Bild Mitte: Bürgermeister Georg Moosbrugger aus Langenegg (rechts) forciert seit 2008 in seiner Gemeinde Regiogeld. Bild rechts: So wie diese beiden Vertreter des Leipziger Lindentalers (http://lindentaler.org/), der die Idee des Regiogeldes mit der Ausschüttung eines Grundeinkommens kombiniert, reisten an den drei Tagen rund 350 Teilnehmer aus der gesamten Bundesrepublik, der Schweiz, Großbritannien, Österreich, Luxemburg, China, Ungarn und Japan an.

Am Sonntag, 5. Mai 2013, brach nach Kongress-Ende noch eine Delegation zu einer Exkursion nach Wörgl auf, wo sie ein Nachmittag auf den Spuren des historischen Wörgler Freigeldes und zu aktuellen Initiativen in Wörgl führte - mehr dazu hier...

Weitere Bilder vom Regiogeld-Kongress-Eröffnungsabend hier...

Info zum Chiemgauer: www.chiemgauer.info

 

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