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Vortrag von Leander Bindewald beim fairventure-Kongress 2013

 

Leander Bindewald arbeitet seit Juli 2012 für die New Economic Foundation in London an dem Interreg-Projekt "Complementary Currencies in action" (http://communitycurrenciesinaction.eu/new-economics-foundation/). Er war einer der drei fairventure-Koordinatoren 2012 und referierte in Langenberg über komplementäre Währungsprojekte.

Die New Economics Foundation (http://www.neweconomics.org/) mit Sitz in London beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Komplementärwährungen und versucht herauszufinden, wo es sich für die Gesellschaft lohnt, solche Systeme zu verwenden. Leander Bindewald (www.criterical.net) ist Diplom Neurobiologe, studierte Philosphie und Wirtschaft und befasst sich seit 2009 intensiv mit Komplementärwährungen. Als selbständiger Prozessbegleiter und Berater war er in vielen Länder Europas, sowie in Nord- und Südamerika tätig und leitet seit Juli 2012 ein EU-gefördertes Projekt zur Unterstützung und Begleitung von Komplementärwährungen in England, Belgien, Holland und Frankreich (Info http://communitycurrenciesinaction.eu).

Eigene Werte, eigene Gelder - bringen diese einen Mehrwert für alle? Dieser Frage ging Leander Bindewald bei seinem fairventure-Vortrag 2013 nach. "Wir realisieren, dass eine jegliche Monokultur in einer durch Veränderung geprägten Welt keine Sicherheit bietet. Das gilt auch für unsere Finanzsysteme. Die Besinnung auf Vielfalt und Widerstandsfähigkeit bedeutet in der Wirtschaft nicht nur das Zusammenspiel von lokaler Produktion und globaler Vernetzung, sondern auch die Abbildung unserer Werte-Diversität in einer Vielzahl von Währungen."

Die Biene steht im Zentrum von Leander Bindewalds Schaubild um die Themen Werte - Geld - Welt. Analog zur natürlichen Biodiversität - Langenberg bildet aufgrund vieler biologisch und biodynamisch wirtschaftender Bauernhöfe einen Hotspot biologischer Landwirtschaft - entwarf er das Bild einer vielschichtigen Wirtschaft, die über die rein monetäre Bewertung den Handel(n)s hinausgeht.

Den drei laut Lehrbuch klassischen Geldfunktionen des Tausch-, Wertaufbewahrungs- und Bewertungsmittels ordnet er unterschiedliche Ebenen zu: Das Tauschmittel leite sich aus dem Mythos des Marktwertes ab und ist in der Wirtschaft angesiedelt. Die Wertaufbewahrungsfunktion stammt historisch aus dem Materialwert des Geldes ab und beinhaltet heute die gesamte Natur und das Geld als Bewertungsmaßstab findet sich in der Gesellschaft in Form der Repräsentation ideeller Werte wieder.

Komplementärwährungen heute finden sich in allen drei Kategorien: Als leistungsgedeckte Verrechnungssysteme mit und ohne Schwund für den Austausch von Waren und Dienstleistungen. Das Ziel der Wertaufbewahrung findet sich in Energiegedeckten Systemen wie Kilowattscheinen, aber auch neuen Goldwährungen, und  Bewertungskriterien finden sich bei einer "Liebeswährung" oder den Sternen bei E-Bay.

Bei der Kategorisierung teilt Leander Bindewald Komplementärwährungen in drei Sparten ein. Jene, die der Natur zugeordnet sind, belohnen ökologisches Verhalten. Um Soziales bemühen sich Zeitbanken und in der Wirtschaft  unterstützten Systeme wie der WIR-Franken in der Schweiz klein- und mittelständische Unternehmen. "Komplementärwährungen sind je nach Zweck in Gebrauch. Was Sinn macht, ist eine Frage der persönlichen Werte!", zieht Bindewald ein Resümee aus der bestehenden Vielfalt, die jedenfalls eines zeige: "Es gibt eine klare Tendenz dazu, dass nicht eine Währung alle unsere Werte abdecken kann."

"Monokulturen bringen Bienen um", vergleicht Bindewald das Geldsystem mit der Ökologie und weist auf die Bedeutung der Bienen für die Evolutionsfähigkeit des Ökosystems hin. "Die Welt ist ständig in Veränderung, sie ist nicht statisch, wir müssen uns daran anpassen." Der rasant wachsende Erfahrungsschatz aus lokalen, virtuellen, unternehmerischen und sozialen Währungsprojekten zeichne eine Richtung vor.

Das Grundsätzliche zum Wesen des Geldes entdeckte er auf der klassischen britischen Pfundnote: "Geld ist ein Versprechen - nicht Gold und Silber. Geld ist gemünztes Vertrauen." Seine Schlussfolgerung daraus: "Wo wir im Vertrauen wirtschaften, brauchen wir gar kein Geld." Und in diesem Sinne ermutigte er dazu, sich an das fairventure-Motto zu erinnern und möglichst viel "Vertrauen zu wagen."

Bitcoins - was steckt dahinter?

Komplementärwährungen sind nicht automatisch gemeinwohlorientiert. Welche Ziele und Werte hinter der virtuellen Komplementärwährung Bitcoin (siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Bitcoin) stecken, damit befasste sich eine Themenoase mit Leander Bindewald und Jürgen Godau, der als Mathematiker in der IT-Branche tätig ist.

Wer der Erfinder von Bitcoin ist, liegt ebenso im Dunkeln wie der Zweck, der dazu führte. Bitcoins sind virtuelles Geld, das ohne Bank dezentral von einem Computernetzwerk in Umlauf wird und die Funktionen von Bargeld und Überweisung vereint. Das System unterliegt keiner Kontrolle, ist aber mit 21 Millionen Bitcoins nach oben hin gedeckelt.

"Bitcoin ist keine auf Werte oder Gemeinschaft zielgerichtete Komplementärwährung", erläuterte Bindewald. Es sei ein unhierarchisches Netzwerk, das anonyme, sichere Zahlungstransaktionen ermöglicht. Bitcoins werden als virtuelle Währung auf Online-Börsen gehandelt und seit 2010 als Zahlungsmittel verwendet und von immer mehr Unternehmen akzeptiert, wobei der Wert im Markt ausgehandelt wird. Die erste Transaktion mit Bitcoin war der Kauf von zwei Pizzas um 10.000 Bitcoin. "Heute wird ein Bitcoin um 250 Dollar gehandelt", berichtete Bindewald. Bitcoins werden von einem Computer in regelmäßiger Abfolge ausgeschüttet und sind in der Menge limitiert. "Die eingebaute Deflation ist ein genialer Trick, der Nachfrage schafft", so Bindewald. Was dazu führt, dass Bitcoin sich als Spekulations- und Wertaufbewahrungsmittel profilieren und in diese wie in Gold ein Wert hineininterpretiert wird.

Fälschungssicherheit war bei der Programmierung der Bitcoins ein großes Anliegen. Es wird vermutet, das das Lösen von Problemen der Bankensoftware Ausgangspunkt für die Schaffung des virtuellen Geldsystems war. "Der Trick an Bitcoin ist die Kryptrografie - eine technische Möglichkeit, Nachrichten sicher zu machen. Damit soll verhindert werden, dass Bitcoins kopiert werden", erklärte Jürgen Godau. Je länger das System läuft, umso mehr Rechnerleistung würde für eine Fälschung von Bitcoins benötigt. Wer beim "Schöpfen" der virtuellen Währung mitmachen will, brauche hohe Rechnerleistungen, die dazu aufgewendet wird, das System zu stützen und zu überprüfen. Adäquate Rechner anzuschaffen und zu betreiben kostet reales Geld. Dafür werden neu geschaffene Bitcoins dann wie bei einer Lotterie unter jenen verlost, die sich mit ihrer Rechenleistung am Netzwerk beteiligen. Je mehr Rechnerleistung, desto größer die Change auf einen Gewinn. Dies werde landläufig, aber missverständlicherweise als "mining" in Sinne von schürfen oder fördern bezeichnet. Bestehende Bitcoins werden als internationales anonymes Zahlungsmittel gehandelt und gegen Währungen wie Dollar oder Euro ge- und verkauft. Bitcoins würden derzeit mehr als Spekulationsobjekt denn als Zahlungsmittel verwendet.

Aufgrund des weltweit unkontrollierten Geldflusses steht Bitcoin in Verdacht, für illegale Geschäfte wie Drogen-, Menschen- und Waffenhandel verwendet zu werden. "In den USA werden Bitcoin-Geschäfte jetzt gesetzlich reguliert, auch hinsichtlich der Steuer", teilte Leander Bindewald zur aktuellen Entwicklung mit.

Ob Bitcoins das Resultat eines Programmierer-Experimentes, das sich verselbständigt hat, oder Ergebnis einer gezielten Strategie ist, kann abschließend schwerlich geklärt werden. Fest steht jedoch, dass Bitcoin das Gegenteil einer gemeinnützigen, gemeinwohlorientierten Komplementärwährungen ist.

Text überarbeitet von Leander Bindewald im August 2013

 

 

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