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Macht Geld Sinn Energie-Kongressauftakt am 9. März 2013 in Köthen

   

Einen herzlichen Empfang bereitete Tobias Haase, Organisationsleiter des MGS3-Kongresses, den beiden I-MOTION-Mädels Lena (links) und Katharina (rechts) schon bei der Ankunft am Bahnhof in Köthen (Bild links) ein Magnet für gute Laune. Im Informationsbüro im Ratskeller der Fachhochschulstadt in Sachsen-Anhalt wechselte die Tiroler Delegation auch gleich Euro in die Köthener Regionalwährung Lutzetaler, die wieder anlässlich des Kongresses ausgegeben wurde und als Gutscheinwährung noch bis Juni 2013 von 27 Partnerbetrieben in Köthen als Zahlungsmittel akzeptiert wird.

     

Der Eröffnungstag des Macht Geld Sinn Energie-Kongresses in Köthen, Sachsen-Anhalt am Samstag, 9. März 2013, stand ganz im Zeichen der Jugend: Das Team von trommelzauber.de lud vormittags alle Kinder und Junggebliebenen zum Mittrommeln ein und versprühte afrikanische Lebensfreude. Bei Toms Speed-Dating lernten sich danach die bereits eingetroffenen KongressteilnehmerInnen kennen - die Gelegenheit nützten auch Kathrin und Lena, im Bild in der Mitte mit Global Change Now e.V.-Generalsekretär Tom Aslan. Bevor die beiden I-MOTION-Teilnehmerinnen das Wörgler Jugendprojekt I-MOTION, das seit 2005 von der Stadt Wörgl getragen wird, vorstellten, galt es noch technische Details der Präsentation abzuklären: Auch dabei erwies sich der kurz "Fuchs" genannte Medienprofi von GCN als versierter Ansprechpartner (3. Bild v.l.) und wurde seinem Spitznamen gerecht.

Macht Geld Sinn Energie - ein Kongress zu unseren Zukunftsfragen

Zum dritten Mal organisierte heuer von 9. bis 14. März 2013 das Aktivisten-Netzwerk Global Change Now e.V. eine Kongresswoche in Köthen in Sachsen-Anhalt, wo sich mit der Villa Creutz auch die Bundeszentrale der NGO befindet. Erstmals wurde dabei das Thema Energie ins Kongressprogramm aufgenommen, spielt es doch im notwendigen gesellschaftlichen Wandel und der Umgestaltung unseres Wirtschaftsystems hin zu nachhaltigeren, sozial und ökologisch verträglicheren Strukturen eine ebenso zentrale Rolle wie die Gestaltung des Geld- und Finanzsystems.

Wenn von Zukunft so viel die Rede ist, soll die Jugend auch das Wort zum Kongress-Auftakt erhalten - lautete die Devise. GCN lud dazu das Wörgler Jugendprojekt I-MOTION ebenso ein wie die von Felix Finkbeiner gegründete Kinder-Umweltorganisation Plant for the Planet. Die Auftaktveranstaltung in der zum Kongress-Saal umgebauten Heinz-Fricke-Sporthalle des Köthener Handballvereines bot zudem den Rahmen für die Präsentation des Omnibus für Direkte Demokratie, der Jugendliche Praktikumplätze anbietet.

Jugendprojekt I-MOTION in Wörgl: Taschengeld mit sozialem Mehrwert

Die Tiroler Stadt Wörgl startete 2003 einen Lokale Agenda21-Bürgerbeteiligungsprozess, in dessen Rahmen das Jugendprojekt I-MOTION über eineinhalb Jahre lang entwickelt wurde und von der Stadt Wörgl nun seit 2005 umgesetzt wird. Dabei erhalten Jugendliche die Möglichkeit, sich mit sinnvoller Freizeitbeschäftigung Taschengeld zu verdienen. Nicht in Euro, sondern zunächst in Zeitwertkarten, die sie dann bei der Stadt gegen Einkaufsgutscheine und Gutscheine für Freizeitangebote wie Kino, Fitnesscenter oder Erlebnisbad eintauschen.

Wie das konkret funktioniert, stellten die beiden langjährigen I-MOTION-Teilnehmerinnen Kathrin und Lena aus Wörgl selbst vor. "I-Motion bezieht sich in der Konzipierung auf das weltweitbeachtete Wörgler – Freigeldexperiment aus den 30er Jahren und ist eine lokale Währung", erklärte Kathrin, die für I-MOTION  als Babysitter im Einsatz ist und bei der Projektverwaltung mithilft.

"I-MOTION beabsichtigt eine Stärkung des Gemeinschaftssinnes durch sinnvolle Freizeitbeschäftigung", sagt Lena, sie arbeitete über Jahre in der Stadtbücherei Wörgl mit und gibt Senioren Nachhilfe am Computer. "Jugendliche können verschiedene Beschäftigungsmöglichkeiten ausführen. Pro Stunde bekommen die I-MOTION Jugendlichen 1 Zeitwertkarte im Wert von € 2,50. Allerdings dürfen sie nicht mehr als zwei Stunden pro Tag tätig sein." Die Anzahl der Zeitwertkarten ist verhandelbar, was in der Praxis auch vorkommt.

Die Beschäftigungsfelder bei I-MOTION reichen von der Mithilfe in Einrichtungen wie dem Seniorenheim oder dem Kinderhaus Miteinander über Flyer verteilen für Veranstaltungen bis hin zur Mithilfe bei Vereins- und Stadtmarketing-Aktivitäten und umfassen Nachbarschaftsdienste von der Haustierpflege im Urlaub bis zur Mithilfe in Haushalt und Garten oder bei Hausaufgaben. Beliebt sind Computerkurse, bei denen die Kids Senioren unterweisen. Für den Einsatz im Nachbarschaftsdienst können die Zeitwertkarten von Privatpersonen bei der Stadt erworben werden. Die Jugendlichen sind über die Stadt im Rahmen ihrer I-MOTION-Tätigkeit Haftpflicht-versichert.

"I-MOTION bringt Jung und Alt zusammen und Jugendliche in Kontakt mit sozialen Einrichtungen", erklären Lena und Kathrin. Statt Vereinsamung hinterm Bildschirm mitmachen in einer Gemeinschaft. Diese wird auch durch gemeinsame Ausflüge und Aktivitäten wie Parties oder Sportveranstaltungen gestärkt. Die Jugendlichen werden zu Kreativität und Eigenverantwortung animiert und lernen sich an Spielregeln wie Verlässlichkeit zu halten und im Team zu arbeiten. "Eine Sommerparty wird auch gleich zu einem Gemeinschaftsprojekt. Die I-MOTION Kids organisieren für viele Jugendliche ein Volleyballturnier mit anschließender Grillparty. Ob Moderation, Schiedsrichter, Sponsoring, Dekoration oder Musik, die I-MOTION Kids führen Regie", zeigte Kathrin anhand eines Beispiels praktisch auf.

I-MOTION wurde nach anfänglich jährlicher Projektverlängerung 2009 als fixer Bestandteil der städtischen Jugendarbeit eingegliedert und ist heute in der operativen Umsetzung im 2012 gegründeten Verein für Jugend, Integration und Gemeinwesenarbeit eingebettet. Der Verein erhält von der Stadtgemeinde Wörgl und vom Land Tirol finanzielle Unterstützung und kann somit den Personalaufwand von 10 Stunden pro Woche und Projektkosten decken.

"Jedes Jahr melden sich ca. 40 neue Jugendliche bei I-MOTION an. Seit Bestehen hat I-MOTION rund 800 Ausweise an die Jugendlichen  ausgestellt. Da sich die persönliche Situation der jungen Menschen ständig ändert, wie z.B. Eintritt in eine höhere Schule oder der Beginn einer Lehrzeit verlassen die Jugendlichen I-MOTION auch wieder", erklärt Kathrin, die ihre Schulausbildung abgeschlossen hat. "Kontinuierlich sind immer 40 bis 50 I-MOTION Kids aktiv. Vom Projektstart bis Ende 2012 wurden insgesamt 12.266 Zeitwertkarten in Gutscheinen umgetauscht. Das heißt, es sind bis dato ca. 12.500 I-MOTION Stunden in einer Stadt mit 13000 Einwohnern in sinnvoller Freizeitbeschäftigung mit sozialem Mehrwert verrichtet worden", zog Lena abschließend Bilanz.

Die Zeitwertkarten dienen als "soziales Bindemittel", als Kommunikationsmittel: Über die Zeitgutscheine kommen die Projektteilnehmer in Kontakt. Kennt man einander besser, wird auch wieder auf das Hilfsmittel verzichtet. Die Komplementärwährung beförderte zudem das Thema Jugend in der öffentlichen Wahrnehmung: Bei Start der LA21-Projektgruppe verfügte die Stadt über keinerlei Jugendeinrichtungen. Acht Jahre später kann Wörgl auf eine landesweit vorbildliche Jugendarbeit verweisen: Mobile Jugendarbeit, Streetwork, Jugendzentrum, Jugendberatung für den Bezirk Kufstein, ein eigener Jugendkoordinator und ein laufender Jugendbeteiligungsprozess unter dem Motto "Lerne deine Stadt kennen und deine Stadt wird dich kennenlernen". Weitere Infos gibt´s auf www.i-motion-woergl.at.

 

Felix Finkbeiner hielt als 9jähriger vor seiner Klasse ein Schulreferat zum Thema "Klimakrise" und legte damit den Grundstein für seine außergewöhnliche und einzigartige Karriere: "Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen!" lautete damals seine Botschaft, die auf derart positive Resonanz fiel, dass er heute als 15jähriger an der Spitze einer weltweit aktiven Umweltorganisation steht und UN-Kinderbotschafter für Klimagerechtigkeit ist. Druckfrisch legte Felix Finkbeiner nach seinem aufrüttelnden Referat in Köthen seine an Stéphane Essels "Empört euch"-Aufruf angelehnte eigene Streitschrift "Alles würde gut" vor, die Felix auch gern signierte - immer mit dem Sprüchlein "Stop talking. Start planting".

Plant for the planet: Bäume für mehr Klimagerechtigkeit

Inspiriert zu seiner Idee wurde Felix Finkbeiner von der afrikanischen Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai, die mit Frauen in 30 Jahren über 30 Millionen Bäume in Afrika pflanzte. Seinem Aufruf, es ihr gleich zu tun, folgten mittlerweile tausende Kinder aus über 100 Ländern. Bei der Kinder- und Jugendinitiative Plant-for-the-planet zeigen einander die jugendlichen TeilnehmerInnen in Ein-Tages-Workshops, wie man Bäume pflanzt und die Zukunft in die eigene Hand nimmt.

Felix Finkbeiner begeisterte mit seiner Botschaft, die über das Pflanzen von Bäumen hinausreicht, Menschen jeden Alters, baute mithilfe der Unterstützung vieler die Umweltorganisation Plant-for-the-planet auf und hielt eine Rede vor den Vereinten Nationen, die 2011 die "Billion Tree Campaign" mit mittlerweile 12,6 Milliarden gepflanzten Bäumen an die Kinder übergaben und sie damit zu den "offiziellen Baumzählern der Welt" machten.

Bei der weltweiten Kampagne "Stop talking. Start planting" halten Kinder prominenten Erwachsenen die Hand vor den Mund, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, das aus einem 3-Punkte-Plan besteht: Bis 2020 tausend Milliarden Bäume pflanzen, die fossilen Energieträger ab 2050 in der Erde lassen und Armut durch Klimagerechtigkeit zu bekämpfen.

Die Plant-for-the-Planet Initiative wird durch zwei jeweils 14-köpfige demokratisch gewählte Kinder- und Jugendvorstände geleitet, deren Sitzverteilung der Weltbevölkerung entspricht. Sie wird von einem Sekretariat und einer Stiftung unterstützt. Weitere Infos dazu im Internet auf plant-for-the-planet.org

Zu den Anliegen von Felix Finkbeiner gehört, dass Kinder auch mehr politische Mitgestaltungsmöglichkeiten erhalten: "Ich bin jetzt 15 und darf erst in drei Jahren wählen. Dabei bin ich seit sechs Jahren politisch aktiv! Es sollte die Möglichkeit geben, dass sich politisch aktive Kinder und Jugendliche fürs Wählen eintragen lassen können."

Nicht nur mitreden - aufs aktive Tun kommt es an, weiß der engagierte junge, schon sehr erwachsen wirkende Umweltaktivist, der sich seine kindliche Leidenschaft für Schokolade bewahrte und sich mit seinem Anliegen auch an die Schokoladen-Industrie wandte. Im ersten Anlauf blitzte er ab - doch jetzt gibt´s "Die gute Schokolade" im Handel, die fair produziert bei einem Preis von einem Euro pro Tafel 20 Cent für die Umweltorganisation bringt, die damit Bäume pflanzt: 200.000 sind es mittlerweile. Händler und Hersteller verzichten auf ihren Gewinn und spenden ihn der Kinder und Jugendstiftung Plant-for-the-planet.
 

Den "Omnibus für direkte Demokratie in Deutschland" mit seinen bisherigen Stationen auf dem Weg zur Volksabstimmung stellten Omnibus-Fahrer Werner Küppers und Brigitte Krenkers, Initiatorin des ersten Omnibus, vor. Nach dem Kongressauftakt in der Sporthalle besuchten Lena und Kathrin den doppelstöckigen Bus, der während des Kongresses in Köthen Station machte, und erfuhren vom Angebot für Jugendiche, im Omnibus mitzufahren und ein Schülerpraktikum zu absolvieren. 

Auf dem Weg zur Direkten Demokratie...

Der Omnibus für Direkte Demokratie in Deutschland ist eine Bürgerinitiative, die sich seit 1987 für die Verwirklichung der Volksabstimmung auf allen politischen Ebenen einsetzt. Den Impuls dazu lieferte die Arbeit des Künstlers Joseph Beuys, der 1971 die Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung mit einem Büro in Düsseldorf gründete.

Beuys legendären Ausspruch, dass "jeder Mensch ein Künstler ist", interpretiert Werner Küppers als "Gestaltungsverantwortung - die Stimme ist das Werkzeug der Volksabstimmung", die Arbeit des Omnibusses könne als Stimmschule gesehen werden. Aktuell läuft die Kampagne für die bundesweite Volksabstimmung.

Der Omnibus sei "die Universität des Lebens, in der wir miteinander lernen", erklärte Brigitte Krenkers. Man sei unterwegs, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten. "Als Akteur, nicht als Zuschauer", konkretisiert sie und zeigte anhand der erfolgreichen Abzocker-Volksabstimmung in der Schweiz, dass sich Engagement lohnen kann. Bei der Macht-Frage landet man schnell beim Geld - und so bildete sich in den 1990er Jahren in den Reihen der Direkte-Demokratie-Freunde ein Geld-Arbeitskreis, der die Vorarbeit zum Chiemgauer leistete. "Der Omnibus ist ein Verbindungs- und Vernetzungsinstrument", so Küppers, "und die Direkte Demokratie ist das Werkzeug, um auch die Geldfrage zu lösen." Weitere Info auf  www.omnibus.org

Leben mit der Energiewende

Nachdem im Nachmittagsprogramm das Kinder-Musical "Bank of Love" krankheitsbedingt abgesagt werden musste, lieferte der Dokumentarfilm "Leben mit der Energiewende" (hier auf http://www.youtube.com/watch?v=VzX8Aa0YmTU online) von Frank Farenski einen tiefen Einblick in die Auswirkungen der politisch forcierten Energiewende in Deutschland, der den Strommarkt unter die Lupe nimmt und mit Konzern-Märchen aufräumt. Innovative Energieunternehmer kommen darin ebenso zu Wort wie Politiker. Das Open-Source-Projekt macht klar, dass eine bezahlbare Stromversorgung aus erneuerbaren Rohstoffen nur dezentral möglich ist.

   

Köthens Oberbürgermeister Kurt-Jürgen Zander kam zur Kongresseröffnung und hoffte, sich in Zeiten, in denen man überlege, "ob erst der Tierpark oder die Bücherei geschlossen werde", Anregungen für die Stadt zu holen. (Bild links). Der erste Kongresstag klang abends in der Villa Creutz mit Klaviermusik und Liedern von Dinah Pfaus gemütlich aus. Gemeinsam mit Roland Pfaus produzierte sie 2012 den Dokumentarfilm Polypoly - Geld für alle -Info auf: http://www.polypoly-der-film.com

Das Wetter und etliche Erkrankungen bildeten keineswegs gute Rahmenbedingungen für den MGS3-Kongress, der von Montag bis Donnerstag ein dichtes Vortrags-, Diskussions- und Kulturprogramm bot, zu dem weitere Berichte noch folgen. Ein Wintereinbruch sorgte für Schneechaos und der Ausfall von ReferentInnen stellte das Team vor Herausforderungen. Das hoch gesteckte Ziel hinsichtlich der Besucherzahlen wurde nicht erreicht, aber dafür zeigte das GCN-Team, dass es in der organisatorischen Ausrichtung und medientechnischen Begleitung absolute Stärken hat: Von den bundesweit tätigen rund 80 Aktivistinnen arbeiteten bei der Kongresswoche 44 ehrenamtlich mit und verstärkten das GCN-Kernteam vor Ort. 

Weitere Fotos vom Eröffnungstag beim MGS3-Kongress hier in der Galerie...

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