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Fachgespräch am 7. Juli 2012 in Freilassing

Regionale Wertschöpfung durch Regionalgeld

Sie heißen Sterntaler oder Chiemgauer, Waldviertler oder Roland: Regionalwährungen sind im gesamten deutschen Sprachraum auf dem Vormarsch. Gerade in Zeiten der Euro-Krise erkennen immer mehr Menschen, dass das herkömmlich Geld an seine Grenzen stößt und immer häufiger seine eigentliche Funktion als Tauschmittel der Wirtschaft nicht mehr erfüllen kann. Grund genug für die Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Die Grünen, in einem Fachgespräch unter der Leitung und Moderation der Grünen-Landtagsabgeordneten Anne Franke der Frage nachzugehen, wie Regionalwährungen diese Lücke als Motor für die regionale Wirtschaft ausfüllen können.

Prof. Zimmer wies in seinem Eingangsreferat auf das Spannungsfeld zwischen dem ländlichen Raum und den Metropolregionen hin. Wenn der ländliche Raum seine auch für die Metropolen wichtige Funktion weiterhin erfüllen solle, führe an einer nachhaltigen Entwicklung und einer wirtschaftlichen Stärkung der ländlichen Räume kein Weg vorbei. Mit dem Slogan „aus der Region – für die Region“ würden zugleich wichtige Kriterien für eine nachhaltige Entwicklung beschrieben. Kurze Wege bedeuteten weniger Energie- und Rohstoffeinsatz. Wertschöpfung in der Region bedeute qualifizierte Arbeitsplätze in der Region und soziale Verankerung. Hier sei in der Vergangenheit zwar mit der Entwicklung bestimmter Marken schon einiges geschehen. Eine Regionalwährung, die den jeweiligen Nutzer aber quasi „zwinge“, sein Geld in der Region auszugeben, könne ein weiterer Hebel zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe sein. In der sozialen Genossenschaft „Regiostar e.G.“ werde dieser Weg mit dem Regionalgeld Sterntaler schon seit einiger Zeit erfolgreich beschritten. Dazu kämen inzwischen weitere Projekte im Bereich Energie und Gartenbau. Auch ein Tauschring sei mittlerweile erfolgreich aus der Taufe gehoben worden.

Veronika Spielbichler berichtete zunächst über die Geschichte des „Wörgler Freigeldes“, einer Komplemetärwährung mit ähnlicher Funktionsweise wie der Sterntaler. In den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts war es dem damaligen Bürgermeister von Wörgl, Michael Unterguggenberger, Namensgeber des heutigen Unterguggenberger-Institutes, mit Hilfe dieses Regionalgeldes gelungen, die Arbeitslosigkeit entgegen des damaligen Trends deutlich zu senken. Mit dem Wörgler Freigeld wurden gemeindliche Infrastrukturmassnahmen finanziert und so die örtliche Wirtschaft angekurbelt. Auf Drängen der Nationalbank wurde dieses interessante Experiment allerdings abrupt beendet. Heute griffen zahlreiche Regionalwährungen auch in Österreich auf diese Erfahrungen zurück und entwickelten diese Ideen auch weiter. So gebe es beispielsweise allein in Vorarlberg mehrere Regionalwährungen mit unterschiedlicher Funktionsweise. Gemeinsam sei allen Regionalgeldinitiativen der Gedanke des solidarischen Wirtschaftens. Nicht Gegeneinander, sondern Miteinander laute das Motto. Eine besondere Variante eines Regionalgeldes stellte Spielbichler mit dem Jugendprojekt I-MOTION vor. Dabei bekommen Jugendliche für soziale Dienstleistungen  Zeitwertkarten. Diese können sie dann bei der Stadt gegen Gutscheine eintauschen und bei Institutionen der Gemeinde, etwa dem Schwimmbad, aber auch bei örtlichen Unternehmen einlösen. Einen Ausblick gab Spielbichler auch auf die Geldarchitektur von morgen. Ihrer Ansicht nach werde es künftig eine Weltwährung, mehrere nationale und supranationale Währungen, und zahlreiche Regionalwährungen geben.

Christian Gelleri stellte die Entwicklung des Chiemgauer in den letzten Jahren dar. So ist der Umsatz von wenigen Tausend Euro im Jahr 2003 auf über sechs Millionen im Jahr 2011 gestiegen. Die Zahl der Verbraucher nahm im selben Zeitraum von 70 auf 2470 zu. Rund 600 Unternehmen beteiligen sich am Chiemgauer. Zahlreiche Verein profitieren vom Chiemgauer. Insgesamt wurden 2011 mehr als 50.000 Euro an 233 Vereine ausgeschüttet. Das „Erfolgsgeheimnis“ einer Regionalwährung für die regionale Wirtschaft liege an der wesentlich höheren Umlaufgeschwindigkeit gegenüber dem Euro. Der Chiemgauer laufe ungefähr viermal so schnell um wie der Euro. Dass das gegenwärtige Geldsystem an seine Grenzen stoße werde immer deutlicher. So machten Finanztransaktion für die Realwirtschaft nur mehr ein Prozent der weltweiten Finanztransaktionen aus. An einem einzigen Tag würden an den Finanzmärkten größere Finanzvolumina gehandelt als die Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik in einem Jahr betrage. Deshalb brauche die Geldpolitik einen Paradigmenwechsel. Die Umlaufgeschwindigkeit der Geldmengen an den Finanzmärkten müssten gebremst, dagegen die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in der Realwirtschaft erhöht werden. Zu dieser nötigen Entwicklung könnten Regionalwährungen einen wichtigen Beitrag leisten.

Abschließend berichtete Christiane Fischer-Urlbauer von ihren praktischen Erfahrungen mit dem Sterntaler. Das Regionalgeld sei ein Versprechen an ihre Kunden, die Wertschöpfung in der Region zu halten. Sie habe in den letzten Jahren ihre Lieferanten- und Geschäftsbeziehungen konsequent, wo dies möglich war, umgebaut. Dadurch habe sich der Anteil der regionalen Wertschöpfung deutlich erhöht. Mit dem Regionalgeld habe man die Möglichkeit, die wirtschaftliche Entwicklung in der Region aktiv mitzugestalten.

Quelle: Dieser Text basiert auf einer Presseaussendung von Bündnis90/Die Grünen
 
    


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