Kommentare (0)

Vortrag mit Diskussion am 17. Jänner 2012 in Wörgl mit Gernot Jochum-Müller über Zeitvorsorge

    

Das Thema Altersvorsorge bewegt - das zeigte sich am großen Publikumsinteresse am Vortrag "Verantwortung für Generationen", zu dem Wörgls Bürgermeisterin Hedi Wechner begrüßte und gleich zu zwei weiteren Veranstaltungen zum Thema einlud: Am Freitag, 10. Februar 2012, findet im Tagugnshaus Wörgl von 14 bis 17 Uhr unter dem Motto "Und a jeds Leben is anders" die Auftaktveranstaltung zum Themenschwerpunkt Lebensqualität im Alter (Info hier) statt, gefolgt vom "Talk um 4" im Tagungshaus Wörgl am 27. März 2012 ab 16 Uhr zum Thema "Wohnen im Alter" (Info hier).

Verantwortung für Generationen - Zeitvorsorge-Modelle in der Praxis

Unsere Gesellschaft steht vor der Herausforderung, bei steigender Lebenserwartung die Versorgung und menschenwürdige Betreuung alter Menschen sicherzustellen. "Dieser Wandel, den wir jetzt gerade erleben, verlangt Beziehungen und soziale Verantwortung neu zu denken. Ein Vorsorgemodell auf Zeitbasis vernetzt dabei professionelle Dienstleister und soziale Netzwerke vor Ort. Daraus entstehen neue Beziehungsgeflechte die helfen sollen, die gemeinschaftliche  Verantwortung zu tragen", lautet die Philosophie, die dem ergänzenden Vorsorgemodell der Zeitvorsorge zugrunde liegt.

Was auf den ersten Blick ganz simpel aussieht, steht bei der praktischen Umsetzung vor einigen Hindernissen. "Wir befassen uns seit 2004 mit dem Thema Zeitvorsorge", erklärte Gernot Jochum-Müller einleitend die Vorgeschichte, die im Interreg-Projekt "Gemeinschaft Vorsorge Nahrversorgung" mündete.

Die Idee ist einfach: Eine Person leistet in ihrem Umfeld Betreuungsdienste und bekommt dafür kein Geld, sondern die Zeit gut geschrieben. Diese Zeitguthaben können dann später für selbst benötigte Betreuungsdienste verwendet werden. Was einem einfachen Zeittausch oder Zeitsparen im Weg steht, sind gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wobei Gernot Jochum-Müller hier vier Haupthindernisse aufspürt: unser Rechtsverständnis, "das zwischenmenschliche Verbindlichkeit an monetäre Entschädigung knüpft". Auswirkung sei, dass steuerrechtliche und sozialversicherungsrechtliche Regelungen aus der Arbeitswelt öfters nicht in den zwischenmenschlichen Bereich passen.

Ein weiteres Hindernis sei die Ökonomisierung von immer mehr Lebensbereichen, was noch mehr Wettbewerbsdruck, Formalisierung und Administration zur Folge habe. Das dritte Hindernis sei unser heutiges Verständnis von Geld, dem ein anderer Geldbegriff entgegensteht: "Geld ist, was eine Gemeinschaft als solches vereinbart." Die vierte Hürde bestehe im Ethik-Begriff unserer Zeit. 

 

Zeitvorsorge für Vorarlberg 

Erste Erfahrungen mit Zeitvorsorge sammelte der Vorarlberger Talente-Tauschkreis mit dem Projekt Evergreen in Kooperation von fünf Gemeinden im Leiblachtal mit dem dortigen Sozialsprengel im Jahr 2005. Vor allem die Generation 55+ wurde mit dem Pilotprojekt angesprochen. Da in Deutschland und der Schweiz die Bevölkerung ebenso altert und nach Alternativen zur Heimbetreuung gesucht wird, fanden sich weitere Partner. Drei konkrete Modelle gingen unter anderem aus dem Interreg-Projekt "Gemeinschaft Vorsorge Nahversorgung" hervor, die Umsetzung ist in Vorbereitung.

"Es geht nicht um Pflegeleistungen, sondern um Betreuungsdienste", betont Gernot Jochum-Müller. Die drei vorgestellten Modelle sind  Zeitvorsorge-Projekte für das Bundesland Vorarlberg, für die Stadt St. Gallen sowie ein Modell auf Vereinsbasis.

Gernot Jochum-Müller, von Beruf Unternehmensberater und Organisationsentwickler, machte eingangs klar, welche Erwartungshaltungen und Voraussetzungen die Basis bilden. Komplementäre Ökonomie wie ergänzende Zeitvorsorgesysteme sind zwischen der bestehenden Geldökonomie und einer Schenkökonomie mit unbezahlten Diensten, Leistungen und Ehrenamt angesiedelt. Je nach eingeschlagenem Weg unterscheiden sich der Grad der gemeinschaftlichen Verbindlichkeit und der monetären Besicherung.  

"Wichtig bei der Entwicklung unseres Modelles war es, dass das Konzept landesweit umsetzbar ist", erklärt Jochum-Müller und zeigt sich dabei froh über die Unterstützung seitens der Landesregierung. Um die Zielgruppe zu erreichen, ist eine Steuerbefreiung der Zeitguthaben ein wichtiges Anliegen. "Wir haben dafür fast alle Hürden genommen, nur mehr die Verhandlungen mit der Krankenkasse sind noch nicht abgeschlossen", berichtet er über den aktuellen Stand.

In Vorarlberg bieten 52 Vereine Mobile Haushaltshilfsdienste an, die landesweit in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen sind. Die "Mohis" sollen auch Partner der Zeitvorsorge werden. Derzeit erbringen sie jährlich über 500.000 Stunden Betreuungsleistungen bei jährlichen Steigerungsraten von 10 %, wobei diese Dienste von geringfügig Beschäftigten, euen Selbständigen und freien Dienstnehmern zu einem Stundensatz von etwa 9 Euro erbracht werden.

"Die Zeitvorsorge soll nun als genossenschaftliches Modell ein weiterer Baustein werden, wobei als Zahlungsmittel die Stunde verwendet wird. Die Erfahrung aus dem Evergreen-Pilotprojekt hat gezeigt, dass die Leute diese Arbeit nicht für Geld machen, da sie den Aufwand mit dem Finanzamt und der Sozialversicherung scheuen. Ohne monetäre Entschädigung erreichen wir die Zielgruppe 55+ mit einem unkomplizierten Zeitanspar-Modell", so Jochum-Müller.

In der Startphase werden Betreuungsdienste nur in Euro verrechnet, die ausführenden Personen aber in Zeit bezahlt, wobei sie jährlich maximal 750 Stunden leisten können. Die Zeitgutschriften können später für den eigenen Bedarf verwendet oder weitergegeben werden. Eine Auszahlung in Euro gibt es nicht, die Guthaben können auch nicht vererbt werden.

Die Stundensätze werden zu 100 % als Besicherung in einem Solidartopf hinterlegt, der von der Genossenschaft  in der Region investiert wird. Bei einer Perspektive von 10 bis 15 Jahren kommen da rund 5 Millionen Euro im Risikotopf zusammen. Mit den Rücklagen stellt man auch sicher, dass die Leistung auch dann erbracht werden kann, wenn sich keine Personen mehr finden sollten, die für Zeit die Dienste erbringen.

Das Vorarlberger Modell will bestehende Strukturen, aber auch soziale Netzwerke in der Nachbarschaft und über Generationen hinweg stärken. 5 bis 10 % der Leistungen könnten im Rahmen der Zeitvorsorge erbracht werden, lautet die Annahme. Begleitend dazu soll die gesamte Bevölkerung durch Veranstaltungen für das Thema sensibilisiert werden.

St. Gallen holt "das Dorf in die Stadt zurück"

Eine andere Ausgangsbasis für Zeitvorsorge besteht in der Schweizer Stadt St. Gallen.  Es werden im Verhältnis zu Vorarlberg sehr intensiv stationäre Angebote forciert. Aufgrund einer anderen Werthaltung gehen in der Schweiz  tatsächlich viele Menschen früher in ein Heim als das bei uns der Fall ist. "Im Vergleich zu Vorarlberg ist  dort der Anteil an Ambulanter Betreuungsintensität sehr viel geringer", erläutert Gernot Jochum-Müller den Hintergrund. Da stationäre Betreuung hohe Kosten verursache, wolle man nun auch in der Schweiz den ambulanten Bereich ausbauen.

"Die Stadt St. Gallen will sich das Dorf in die Stadt zurückholen. Zur Umsetzung des Zeitvorsorgemodells soll eine Stiftung gegründet werden. Im Rahmen der Konzepterstellung wurde eine Risikoberechnung erstellt, auf deren Basis die Stadt eine Garantie für die Einlösbarkeit der Zeitgutschriften übernimmt. Deshalb muss die Stundengutschrift nicht monetär hinterlegt werden. Das St. Gallener Modell hat bereits grünes Licht vom Stadtrat und soll im Februar dem Stadtparlament vorgelegt werden", erklärt Jochum-Müller.

Vereinsmodell in Memmingen

Auf Vereinsbasis will in Memmingen eine Initiative Zeitvorsorge mit vermehrtem Augenmerk auf Demenzhilfe aufbauen. Auch hier ist die monetäre Besicherung der Zeitguthaben ein Thema: Kalkuliert wird mit 10 Euro pro Stunde. Aufgrund der gesetzlichen Freigrenzen gelten in Deutschland Stundensätze bis zu 8 Euro und ein Jahreseinkommen daraus von über 2.000 Euro als Ehrenamt. Eine weitere interessante Variante bietet der Verein NUZ in Pfronten an. Dort werden für 10 Euro je Stunde Sponsoren gesucht", zeigt Gernot Jochum-Müller eine weitere Variante auf.  

Rege Diskussion nach dem Vortrag

Durch die bereits volle Auslastung des Seniorenheimes steht auch die Stadt Wörgl vor der Aufgabe, Pflege und Betreuung für ältere Menschen sicherzustellen. Der erforderliche Erweiterungsbau wurde aus Kostengründen aufgrund der Finanzlage der Stadt vorerst verschoben, was zum Bekenntnis des Gemeinderates zum Ausbau mobiler ambulanter Strukturen führte. Die bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen dem städtischen Seniorenheim und dem auf Vereinsbasis organisierten Gesundheits- und Sozialsprengel wird dafür weiter ausgebaut. Eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitarbeitern der Institutionen, erarbeitete dazu Vorschläge. Neben einem Personalpool beschloss der Gemeinderat u.a. die Installierung eines Freiwilligen-Managements. Ein Zeitvorsorge-Modell kann hier als hilfreicher Anreiz dienen, Freiwillige fürs Mitmachen zu motivieren.

Die einstündige rege Diskussion nach dem Vortrag beinhaltete Fragen zum Thema ebenso wie Statements aus Alltagserfahrungen, wobei auch hier die Frage nach der Sicherheit unter dem Aspekt "wer garantiert mir, dass ich für meine Stundenguthaben in Zukunft auch eine Leistung erhalte?" gestellt wurde. "Dass Geld nur scheinbar sicher ist, wissen wir spätestens seit 2008", erklärte Gernot Jochum-Müller seinen Standpunkt. "Wir haben viel von unseren Projektpartnern in Equador gelernt. Dort weiß man, dass die einzige Sicherheit eine gelebte Gemeinschaft ist." 

 

Nicht angemeldet.