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Veröffentlicht in Zukunft 4/2011

 

Beitrag für die „ZUKUNFT“ von Dr. Wolfgang Broer
 
Vor bald 75 Jahren starb der Wörgler Bürgermeister Michael Unterguggenberger. Sein Name ist untrennbar mit dem Währungsexperiment der Jahre 1932/33 in der Tiroler Marktgemeinde verbunden. Was damals der sozialdemokratische Gemeindevorsteher mit seiner Komplementärwährung, die „Schwundgeld“ genannt wurde, auf den Weg brachte - das fand nicht nur in Österreich, sondern weltweit große Beachtung. Auch heute noch gibt es zahlreiche Komplementärwährungssysteme in der ganzen Welt, die sich auf das Wörgler Experiment berufen.
 
Michael Unterguggenberger war nach Einschätzung der Zeitung „Wiener Tag“ in den Jahren 1932/33 neben Wiens Bürgermeister Karl Seitz der „bekannteste“ Gemeindevorsteher Österreichs. Das Wiener „12-Uhr-Blatt“ schrieb gar: „Wörgl hat plötzlich Weltbedeutung erlangt. Unterguggenberger ist im Begriff, eine geschichtliche Persönlichkeit zu werden.“ Daran besteht heute kein Zweifel mehr.  
Die historische Leistung Unterguggenbergers bestand darin, einen einzigen Gedanken aus dem umfangreichen Werk des deutschen Wirtschaftstheoretikers Silvio Gesell zu entlehnen und ihn der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wirklichkeit in seiner Gemeinde und den Rahmenbedingungen in Österreich anzupassen. Er machte aus einer Idee eine Tat.
In Gesells bereits 1911 erschienenem Werk „Die neuere Lehre vom Geld und Zins" hatte dieser seine zentrale These formuliert: "Die Währung kann nur dann fest sein, wenn die Geldnoten in ihrem Wert schwinden." Gesell definierte das Geld als bloß "gütertauschende Kraft" und nur diese soll ihm auch zukommen. Denn Geld habe eine entscheidende „Überlegenheit“ über Ware und Arbeit. Während sich beispielsweise der Besitzer eines „verderblichen Kartoffelberges“ beeilen muss, um seine Ware gegen das wertbeständige, universelle Zahlungsmittel Geld einzutauschen, kann der Geldbesitzer praktisch beliebig lange warten, bis er die Ware kauft. Sein Geld verdirbt ja nicht. Aber dieses „herkömmliche Geld“ taugt nichts, ja birgt laut Gesell sogar Gefahren: „Ein Geld, das gesetzmäßig in der Weise arbeitet, dass es sich zurückzieht, wenn es zu fehlen beginnt (=Deflation), und das in Masse auf dem Markt erscheint, wenn es dort schon übermäßig vertreten ist (=Inflation), kann nur dem Schwindel und Wucher dienen und muss als unbrauchbar bezeichnet werden.“ Daraus leitet Gesell seine Theorie vom sogenannten „Freigeld“ ab. Es sollte ein Geld sein, befreit vom Zins, von der Bindung an ein Edelmetall (Goldwährung) und von kapitalistischer Ausbeutung.  Das ist nur damit zu erreichen, so postuliert Gesell, dass es einem ständigen Wertverlust ausgesetzt wird.
Genau das begann der Sozialdemokrat Unterguggenberger umzusetzen, wobei er sich als politisch überaus flexibel zeigte, indem er alle politischen Parteien im Wörgler Gemeinderat, und sogar den Ortspfarrer  sowie den lokalen Heimwehrführer Georg Stawa einbinden konnte. Und das in einem gesamtösterreichischen Klima, das knapp eineinhalb Jahre später zum Bürgerkrieg vom Februar 1934 führte.
Nur durch diese gemeinsame politische Willensanstrengung, die hauptsächlich wohl Unterguggenbergers charismatischer Persönlichkeit zu danken ist, war es möglich, eine nur im Wörgler Gemeindegebiet geltende zweite Währung (offiziell hieß das „Arbeitswertbestätigungen“, populär verkürzt wurde es „Schwundgeld genannt) neben der offiziellen, also dem Schilling, einzuführen. Diese Zweitwährung in Wörgl, die zunächst nur an die Arbeiter der Arbeitsbeschaffungsprogramme und die Gemeindeangestellten ausgegeben wurde, verlor monatlich 1 Prozent an Wert (Gesell hatte übrigens nur 1 Promille pro Woche vorgeschlagen). Um diesem Wertverlust zu entgehen, gaben die Menschen in Wörgl verständlicherweise dieses „Schwundgeld“ rasch wieder aus. Wirtschaft und Gewerbe beglichen eifrig ihre Steuern mit dem sich entwertenden Geld. Mit einem Mal also ließen die Menschen das Geld rasch zirkulieren, anstatt es wie zuvor – wegen hohen Zinsertrages (damals bis zu 10,5%) oder aus Angst vor noch schlechteren Zeiten – zu horten und damit der Volkswirtschaft zu entziehen.
Das so träge Geld, das im übrigen Österreich buchstäblich in Strohsäcken und im Sparstrumpf faul herumlungerte, bekam also in Wörgl plötzlich Beine und lernte wieder laufen. Mit erstaunlichen Folgen: Wörgl konnte Arbeitsbeschaffungsprogramme finanzieren, mit denen vor allem die touristische und Gemeinde-Infrastruktur verbessert wurde. Das Resultat: Die Zahl der Arbeitslosen ging während der Zeit des Währungsexperimentes in Wörgl, von Juli 1932 bis September 1933, um 25 Prozent zurück. Das hätte, auf Österreich umgelegt, eine Verringerung der Arbeitslosen um ca. 100.000 bewirkt. Tatsächlich stieg in Österreich aber die Arbeitslosigkeit in ganz Österreich von 1932 bis 1933 um 20 Prozent.
Aber die Arbeitswertscheine (vulgo Schwundgeld) zeitigten auch für das Gemeindebudget und das Steueraufkommen positive Folgen: Die Eingänge aus den Gemeindesteuern erhöhten sich von 56.341 im Jahre 1931 auf 75.093 Schilling im Jahre 1932. 
Und die Steuerrückstände, weit mehr als 120.000 Schilling, stiegen nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Es konnten vielmehr 79.410 Schil­ling davon im Jahr 1932 eingebracht werden. Während manche Gemeinden in Österreich damals Bankrott erklären musste, konnte Wörgl Ende 1932 ein ordentliches Budget erstellen.
So wurde durch die Einführung des Schwundgeldes ein sich selbst verstärkender Kreislauf zur Gesundung einer kranken Ökonomie in Gang gesetzt. Das Wörgler Experiment funktionierte aber deshalb so erstaunlich gut, weil es unter den Bedingungen der Deflationspolitik ausgeführt wurde, die damals von der österreichischen Regierung, teils aus Überzeugung, teils auch über den Druck von außen (Völkerbund, internationale Banken) betrieben wurde. Diese deflationistische Wirtschaftspolitik hatte freilich verheerende soziale Folgen und hat zur Ausschaltung des Parlamentes im März 1933 und zum Bürgerkrieg im Februar 1934 einen sehr wesentlichen Beitrag geleistet, worüber sich die Historiker heute weitgehend einig sind.
Unterguggenberger, der sich von an Anfang im Klaren ist, dass „die Großkopferten mir das hier verbieten werden“, kämpft 18 Monate lang unermüdlich für seine Idee. Er spielt sogar mit dem Gedanken einen „Freistaat Wörgl“ als Währungslabor unter dem Mandat des Völkerbundes auszurufen. Er, der Sozialdemokrat, knüpft auch intensive Kontakte zu Heimwehrführern (etwa zu dem Wiener Emil Fey und dem Tiroler Richard Steidle), er trägt seine Ideen auch an den damaligen Justizminister Schuschnigg und den steirischen Landeshauptmann Rintelen heran. Unterguggenberger hat zudem zwar keine offene, aber eine stillschweigende Unterstützung durch die Innsbrucker Landesregierung unter dem christlichsozialen Landeshauptmann Stumpf; die hintertreibt etwa die Aufforderungen des Finanzministeriums, „sofort den Unsinn“  in Wörgl zu beenden, indem sie den Aktenlauf bewusst verlangsamt und sogar mangelhafte Bescheide ausstellt.
Das Wörgler Experiment schafft es, dank des von Unterguggenberger heftig bearbeiteten Emil Fey, sogar in den Ministerrat, wo die Idee aber mehrheitlich auf Ablehnung stößt. Allerdings nicht bei Regierungschef Dollfuß, der unter anderem erklärt: “Aus den Ausführungen des Bundesministers für Finanzen, dass sich das Schwundgeld nur im Rahmen eines engen Kreises, aber nicht beim Staat verwirklichen lässt, kann man noch nicht den Schluss ableiten, dass die Idee an sich unbrauchbar ist. Wenn kleine Gebiete mit einer Doppelwährung arbeiten können, ohne dadurch eine Gefährdung der Staatswährung herbeizuführen, so sollte ihnen hierzu die Möglichkeit geboten werden, sobald festgestellt ist, innerhalb welcher Grenzen und unter welchen Voraussetzungen ihnen die Bewilligung erteilt werden kann.“ Faktum bleibt aber, dass die Sektion (damals Department) 16 des Kanzleramtes weiterhin Bescheide und Anweisungen für ein Verbot des Schwundgeldes erlässt. 
Das Wörgler Experiment aber gewinnt 1933 im Ausland (in fast allen europäischen Ländern und den USA wird darüber berichtet), aber auch im Inland immer mehr an Attraktivität und Zustimmung. Komplementäre Währungssysteme werden 1933 etwa durch die Gemeinden St. Pölten und Lilienfeld, Kirchbichl und Liezen eingeführt. Schließlich sind es an die 200 Gemeinden in Österreich, die ähnliche Währungsexperimente wie in Wörgl durchführen wollen.
Da zieht die Regierung unter  Dollfuß dann aber doch die Notbremse. Über das Betreiben des Finanzministeriums und vor allem der Nationalbank unter deren Präsidenten Viktor Kienböck, wird das Wörgler Experiment vom Verwaltungsgerichtshof am 18. November 1933 unter Hinweis auf das Banknotenprivileg schlussendlich verboten. Die Arbeitswertbestätigungen werden alle eingezogen, die Arbeitsbeschaffungsprogramme laufen aus, die Umsätze der Geschäftsleute in Wörgl sinken wieder, ebenso die Steuereinnahmen. Es ist vorbei mit dem „Wunder von Wörgl“. In einem Brief klagt Unterguggenberger: „Hier ist die Not nicht von Gott gesandt, sondern durch Gesetze und menschliche Verwirrung verordnet worden.“
Im Februar 1934 kommt es auch in Wörgl zu Kämpfen zwischen sozialdemokratischen Arbeitern und Schutzbündlern auf der einen und Gendarmerie und Heimwehren auf der anderen Seite. Unterguggenberger kann zwischen den Kämpfenden vermitteln, so dass es zu keinem größeren Blutvergießen kommt. Das Dollfuß-Regime dankt es ihm schlecht: Er wird unter Hausarrest gestellt und als Bürgermeister abgelöst.
Was Unterguggenberger angetrieben hat, das war vor allem sein soziales Gewissen und seine Sorge um den „kleinen Mann“. Insofern ist er immer Sozialdemokrat geblieben, auch wenn er wirtschaftspolitisch mit dem Marxismus wenig anzufangen wusste und sich fast fanatisch auf Gesells Freiwirtschaft eingeschworen hatte.
Auf der Jahresversammlung des Schweizer Freiwirtschaftsbundes hat Unterguggenberger 1933 vor tausend Zuhörern gesagt: „Wir Menschen machen uns das Leben so schwer. Wir bauen uns einen Berg von Paragraphen und Gesetzen auf, und dann bekommt dieser Berg plötzlich Eigenleben und er verschüttet die Lebensmöglichkeiten der Menschen. Wir haben uns gerade durch das Geldwesen und durch Paragraphen den Zugang zum Leben vermauert.“
Unterguggenberger mag da an sein Vorbild Silvio Gesell gedacht haben, der – als dieser 1919 in München als ehemaliges Mitglied der gestürzten bayrischen Räteregierung vor Gericht stand – erklärte: „Ich wenigstens halte es für selbstverständliche Bürgerpflicht, dass jeder in entscheidungsschweren Zeiten dort eingreift, wo er glaubt Unheil, Schaden, Verbrechen, Amtsanmaßung und dergleichen verhindern zu können, unbeschadet der Möglichkeit, dass man ihn darob selbst der Amtsanmaßung und der Beihilfe zum Hochverrat anklage. Zuerst kommt die Erfüllung dieser Pflicht und dann die Überlegung, ob die Handlung uns Lob oder Tadel einbringen wird.“[2]
 
Bücher zum Thema
 
Wolfgang Broer: Schwundgeld. Michael Unterguggenberger und das Wörgler Währungsexperiment 1932/33. Studienverlag Wien-Innsbruck-Bozen 2007, 398 Seiten, Euro 34,90
Dieses Buch verarbeitet fast 2500 Seiten bisher unbekannter Dokumente, unter anderem die gesamte Korrespondenz des Wörgler Bürgermeisters.
Gebhard Ottacher: Der Welt ein Zeichen geben. Das Freigeld-Experiment von Wörg 1932/33, Gauke Verlag, 86 Seiten, 12,90 Euro, Kiel 2007
Fritz Schwarz: Das Experiment von Wörgl. Ein Weg aus der Wirtschaftskrise. Synergia-Verlag, Darmstadt 2006
Weiterführende Informationen gibt es vor allem auch beim Unterguggenberger-Institut in Wörgl, http://www.unterguggenberger.org/
 


[1] Das Jahr 1934: 12. Februar. Protokoll des Symposiums in Wien am 5, Februar 1974 (hrsg. von Ludwig Jedlicka und Rudolf Neck), Wien 1975, S. 98
[2] Zitiert nach Freiwirtschaft. Österreichische Freiwirtschaftliche Zeitung, 5. Dezember 1936

 

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