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Tagung in Salzburg am 8. April 2011

  

Die Plakatausstellung "Neues Geld" sowie ein Büchertisch boten zusätzliche Informationen bei der Tagung "Das Geld im Dorf lassen" in Pfarrzentrum Maxglan.

Langenegg: Eine Vorarlberger Gemeinde macht Mut

"Wo der Euro hinrollt, dorf entfaltet er Wirkung", stellte Georg Moosbrugger, Bürgermeister der Vorarlberger Landgemeinde Langenegg einleitend zu seinem Impulsreferat fest, mit dem er den Weg seiner Gemeinde schilderte, die 2008 als erste in Vorarlberg Talente-Gutscheine als Regionalwährung einführte. Was allerdings nicht der erste, sondern einer der letzten Schritte im Laufe eines Bürgerbeteiligungsprozesses zur Dorferneuerung war. Die Basis für den Erfolg oder Misserfolg einer Regio-Initiative bildet ein Bewusstseinswandel: "Energie bewusst leben" laute die Devise. Moosbrugger: "Das heißt auch Verantwortung übernehmen, so der eigene Euro liegen bleibt, Wertschätzung für andere zu zeigen und sich selbst zu beteiligen."

In Langenegg startete der Prozess vor 15 Jahren, ausgelöst durch die Problemstellung, dass dem Dorf ein historisches Zentrum fehlt und der letzte Lebensmittel-Nahversorger vor dem Zusperren stand. Nach dem Motto "In der Krise steckt die Kraft zur Veränderung" ging die Gemeindeführung unter Beteiligung der Bevölkerung die Dorferneuerung an. Dazu gehörte die Schaffung von Arbeitsplätzen durch aktive Bodenpolitik und Unterstützung von Betrieben ebenso wie Bewusstseinsbildung:  "Wie können wir das Sozialkapital erhöhen?" bildete einen zentralen Ansatz in der Fragestellung, die in der Entscheidung mündete, dass man ein Dorfzentrum als Treffpunkt schaffen wolle. Dafür nahm die Gemeinde Geld in die Hand, errichtete nach ökologischen Grundsätzen ein neues Dorfzentrum mit Café, Kindergarten, Biomasse-Nahwärmeversorgung  und baute um eine Million Euro selbst einen Dorfladen.

"Gebäude allein sind zu wenig - es geht darum, Bewusstsein für die Struktur der Nähe zu bilden, um diese auch zu beleben", erläuterte Moosbrugger. Und das fokussierte sich in einer Zukunftskonferenz, aus der etliche Arbeitsgruppen mit aktiven Bürgern hervorgingen. Der Dorfladen als sozialer Brennpunkt war davon eine Maßnahme, um die sich die Arbeitsgruppe Nahversorgung kümmerte. Die Arbeitsgruppe Bürgerjournalisten, bestehend aus fünf Leuten, begann damit, das Dorfleben auf einer Website sichtbar zu machen: "Die Menschen informieren sich gegenseitig." Weiter Arbeitsgruppen beschäftigten sich mit den Themen Sozialkapital und Langenegger Talente.

Wobei Talent durchwegs in seiner Doppelsinnigkeit als Fähigkeiten und Zahlungsmittel des Talentetauschkreises Vorarlberg gesehen wurde. Wie können Menschen ihre Talente einbringen? Als Anreiz, im Dorfladen auch einzukaufen und den Euro im Ort zu halten, führte Langenegg die Euro-gedeckten Talent-Gutscheine als Regiogeld in der Gemeinde ein und weitete deren Einsatz auf die Auszahlung eigener Förderungen aus.

Die Ausgabe der Talentgutscheine im Wert von 1, 5, 10 und 50 Euro erfolgte über die Raiffeisenbank und das Postlädele. Die Gemeindebürger können Monats-Abos von bis zu 300 Euro in Regiogeld beziehen und erhalten dadurch beim Einkauf im Dorfladen 5 % Rabatt. "2008 betrug die Abo-Summe 3.000 Euro, jetzt liegen wir bei 10.500 Euro, wobei sich 20 % der Haushalte beteiligen", erklärte Moosbrugger und informierte über weitere Erfahrungswerte: "Die Gutscheine werden im Ort durchschnittlich vier Mal eingesetzt, derzeit machen 15 Betriebe mit." Und das System wachse weiter. Die Gemeinde zahlt eigene Förderungen von rum 30.000 Euro jährlich, zum Beispiel für Solaranlagen, in Talent aus und akzeptiert Gebühren und Steuern in der Zweitwährung: "Damit wird aus einer Euro-Einbahnstraße ein Geld-Kreisverkehr." Während das Lebensmittelgeschäft früher einen Umsatz von 300.000 Euro verzeichnete, liegt der des Dorfladens jetzt bei einer Million Euro. Bisher wurden Talent-Gutscheine im Wert von 150.000 Euro ausgegeben, wobei derzeit die 2. Auflage zirkuliert.

Moosbrugger sieht aber auch die Grenzen des Wachstums und zielt garnicht darauf ab, dass 100 % der Bewohner mitmachen. Sein Fazit: "Noch wichtiger ist die Bewusstseinsarbeit und die Botschaft `ich bin ein Teil des Ganzen`. Die Regionalwährung ist für ein Instrument, dass bei geringem Aufwand einen hohen Lenkungseffekt hat." Das Wichtigste sei, "die Menschen mit ins Boot zu holen - dann kann man etwas bewegen. Es geht darum, die Talente zu aktivieren, die Menschen aus dem Ruhestand zu holen und sie zu beteiligen."

Dass Langenegg dabei auf dem richtigen Weg ist, zeigen zahlreiche internationale und nationale Auszeichnungen unter den Aspekten Energie, Baukultur, Tourismus und Gemeindeentwicklung - seit 2001 erhielt die Gemeinde 30 Preise, darunter den European Energy Award und den Europäischen Dorferneuerungspreis.

  

Bürgermeister Georg Moosbrugger beim Eröffnungs-Referat (Bild links und Mitte). Bild rechts: Workshopleiter Tobias Plettenbacher von TIMEsozial.

Workshops: Regionalwährungen in der Praxis

"Neues Geld in der Praxis - gemeinsam neue Wege gehen" bot DI Tobias Plettenbacher, Initiator des Wirtschaftsnetzwerkes und Zeitbankmodells TIMESOZIAL in Oberösterreich (www.timesozial) in seinem Workshop an, in dem er die breite Palette von Komplementärwährungen und ihre Einsatzgebiete vorstellte. Wer sich für das Langenegger Modell (www.langenegg.at)  weiter interessierte, konnte bei Georg Moosbrugger Fragen stellen und auf weitere Details der Regionalwährung eingehen. Wie eine Gemeinde eine Regionalwährung in der Jugendarbeit einsetzen kann, schilderte Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Institutes Wörgl und Leiterin der LA21-Projektgruppe zur Entwicklung der Wörgler Jugendkomplementärwährung I-MOTION (www.i-motion-woergl.at), die seit 2005 mit Zeitgutscheinen Jugendliche für ihr Engagement belohnt.

Euro in der Region zu halten sieht Thomas Fuchs, über 40 Jahre selbst im Bankgeschäft und Verfechter des Raiffeisen-Genossenschaftsprinzipes, auch als Aufgabe der Regionalbanken. Thomas Fuchs (www.gold-fuchs.com) ist Mitbegründer des Primärbankenvereines (Raiffeisenbanken, Sparkassen, Volksbanken) und entwickelte ein Kredit-Spar-Modell mit Zinsen nahe Null Prozent und meint: "Nullzinsmodell und Geldschöpfung sind heute die Chance für regionale Banken", was er in seinem Workshop den TeilnehmerInnen genauer erläuterte. "Visionen für eine Regionalentwicklung im Tennengau" erarbeitete KR DI Eva Maria Habersatter-Lindner, Architektin, Baumeisterin und Obfrau der Wirtschaftskammer Tennengau in ihrem Workshop. 

  

In Workshops wurden Themen vertieft - v.l. Thomas Fuchs, Eva Maria Habersatter-Lindner (3.v.l.) und Veronika Spielbichler (Bildmitte).

Raum für Erfahrungsaustausch und Diskussion

Nach den Workshops blieb bis zur Diskussion "Auf dem Weg zu einer Salzburger Regionalwährung" am Abend Zeit für gegenseitiges Kennenlernen und Erfahrungsaustausch, die durch die köstliche Bewirtung durch Mitglieder des Talente-Tauschkreises Salzburg "versüßt" wurde. Dabei konnten die TagungsteilnehmerInnen gleich die Benützung einer Regionalwährung ausprobieren: Kuchen, Brötchen und Kaffee gab´s für Zeitwertscheine, die seit 2010 vom Tauschkreisverbund Ostösterreich verwendet werden.

    

Ein Dankeschön nochmal an alle fleißigen HelferInnen des Talentetauschkreises Salzburg, hier im Bild rechts mit TKK-Leiter Fritz Keller, die das Buffet bei der Tagung sowie beim österreichweiten Tauschsystem-Vernetzungstreffen am folgenden Tag organisierten!

   

Großes Publikumsinteresse bei der Diskussion "Auf dem Weg zu einer Salzburger Regionalwährung" mit KR DI Eva Maria Habersatter-Lindner, DI Tobias Plettenbacher, Moderatorin Veronika Spielbichler, Bürgermeister Georg Moosbrugger und Thomas Fuchs (Bild Mitte von links), wobei die zwei freien Podiums-Sessel wahlweise vom Publikum für Fragen und Beiträge genutzt wurden wie hier im Bild rechts von Fritz Keller, Organisationsleiter der Tagung und derzeit auch Leiter des Talente-Tauschkreises Salzburg sowie aktives Mitglied der Salzburger Regio-Arbeitsgruppe.

"Auf dem Weg zu einer Salzburger Regionalwährung"

Mit einem kurzen Rückblick auf die Workshops und Experten-Tipps für die Salzburger Regio-Arbeitsgruppe startete die Diskussion "Auf dem Weg zu einer Salzburger Regionalwährung". Mag. Hermann Signitzer und Fritz Keller skizzierten kurz den Werdegang der Regionalwährungsinitiative. "Unser Wunsch war, rasch ein praktikables System zu finden", so Keller. Zunächst sah man sich bestehende Modelle an, stellte dann aber fest, dass diese zu kopieren nicht die Lösung ist. So lauteten auch die Tipps aus der Eröffnungsrunde, sich der Frage des Bedarfes und der Bürgerbeteiligung noch eingehender zu widmen. "Die Regionalwährung ist nur das Werkzeug - vorher muss man wissen, wozu es gebraucht wird", brachte es Tobias Plettenbacher auf den Punkt.

Die Regionalwährung allein löst auch nicht alle Probleme. "Es geht nicht nur um Geld, auch um Austausch und Beziehungen. Die Begeisterung muss von den Menschen kommen", lautete das Fazit von Eva Maria Habersatter-Lindner und Bgm. Georg Moosbrugger erinnerte an die Herangehensweise in Langenegg, wo man entdeckte: "Unsere Schwäche ist auch unsere Stärke."

Praxisbezogen auch der Tipp von Raiffeisen-Banker Thomas Fuchs, der in der Einführung eines zinslosen Moduls im Bankgeschäft einen Weg aus der Schulden-Zinsenfalle als ergänzendes Werkzeug sieht und dahingehende Gespräche mit Genossenschaftsbanken anregte. Beim Euro setzt auch die Idee der Regionalwert-AG (Info: http://www.regionalwert-ag.de/) an, die Tobias in die Diskussion einbrachte.

Wo ist der Bedarf in Salzburg?

"Ich merke den Verlust der Region - mit dem Handwerk geht auch soviel Know How verloren. Derzeit wird versucht, den Geldabfluss mit Tourismus zu kompensieren. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel", sieht Liesi Löcker von der Salzburger Regiogeld-Arbeitsgruppe als Ansatz und Hermann Signitzer will die regionale Versorgung mit Lebensmitteln stärken und die Urproduktion von Lebensmitteln wieder ankurbeln. Außerdem sei man dabei, die Talente-Tauschkreis-Idee weiterzutragen: "2010 wurden zwei neue Tauschkreise in Mattsee und Neumarkt gestartet."

Beim  Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten anzusetzen wünscht sich auch Eva Maria Habersatter-Lindner, während Diskussionsteilnehmer Cyriak Schwaighofer auf einen weiteren Aspekt hinwies: "Wie wir gehört haben, knüpft Langenegg an eine Notlage an. Neben der materiellen Not gibt es aber einen zweiten Beweggrund: die emotionale Not. Heute fehlt vielfach die Nähe, das Gemeinsame - das gilt es zu fördern. Eine Regionalwährung bringt auch mehr Autonomie und Demokratie. Dazu gehört ebenso die Energieversorgung zu dezentralisieren und die Mobilität im Ort, ein Schritt zurück in überschaubare Dimensionen."

"Geldwirtschaft ist auch Ausdruck von Lebenskultur. Das stört mich", lautete eine weitere Wortmeldung aus dem Publikum, die das Unbehagen mit der Definition von Erwerbsarbeit aus Künstler-Sicht ausdrückte: "Mein Wunsch ist ein Überdenken des Arbeitsbegriffes. Die Erwerbsarbeit heute respektiert nur einen Teil der geleisteten Arbeit. Arbeit muss umfassender gedacht werden." Wie hier neue Formen der Arbeit in eine Kulturdebatte einfließen können bildet einen ebenso spannenden Ansatz wie der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens, das Tobias Plettenbacher mit dem Technologie-Schub unserer Gesellschaft rechtfertigt: "Ein Arbeiter produziert heute dreieinhalb Mal mehr als in den 1960er Jahren. Der Gewinn aus der Maschinenproduktion landete aber nicht bei den Arbeitern, sondern bei den reichsten 10 % der Bevölkerung."

Aufgrund des Ausdrucks von Lebenskultur wurden auch kritische Stimmen zum Prinzip eurogedeckte Regionalwährung laut. Die Euro-gebundene Regionalwährung also als Übergangslösung? "Die Eurobindung ist nicht das Ziel, das liegt in der 2. Etappe, im zins- und bargeldlos tauschen und in der Erhöhung der Eigenvorsorge", meldete sich dazu Langeneggs Bgm. Georg Moosbrugger, der im Blickpunkt der Nachhaltigkeit auch eine Senkung des Energiebedarfes im Auge und dazu ein Energieleitbild der Gemeinde hat: "Ziel wäre eine 2000 Watt-Gesellschaft, mehr gibt unsere Erde nicht her. Derzeit liegen wir bei einem Durchschnittsverbrauch von 6000 Watt."

Und noch ein Tipp aus Vorarlberg: "Wir erwarten die Änderungen immer von oben - aber sie müssen von unten kommen, wir selbst sind gefordert!"  Eine "Denkgenossenschaft" regte Thomas Fuchs an. In Zukunft wird es vermehrt darum gehen, dem Geld einen Stempel aufzudrücken: Soll es zentrale Strukturen wie Großkonzerne stärken oder dezentrale, regionale Gemeinschaften? Das Ziel ist nicht "eine perfekte Lösung", sondern aus der Vielfalt der Systeme den größtmöglichen Nutzen für die Gemeinschaft zu ziehen.

Wer sich noch eingehender über das Modell Langenegg interessiert: Die Gemeindeentwicklung Salzburg organisiert am 27.und 28. Mai 2011 eine Exkursion nach Langenegg unter dem Motto "energie bewusst leben" - weitere Info: www.gemeindeentwicklung.at

Weitere Bilder von der Tagung sowie vom Treffen der Österreichischen Tauschsysteme hier in der Galerie...

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