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Goldegger Herbstgespräche 2009: "Eigensinnig. Eigenständig - radikal anders leben!"

Energiewende: Lichtblicke zur Energieversorgung

"Mit eigener Energie in eine andere Zukunft - Lichtblicke, wie es gehen kann" - Statements dazu bot der dritte Tag der Goldegger Herbstgespräche am Sonntag, 8. November 2009. Als ersten Schritt von der Theorie zur Praxis überdachten auch die Tagungsorganisatoren die Mobilität der Gäste und boten als Alternative zum Auto vom Erdgas-betriebenen Shuttlebus bis zu elektrisch betriebenen Fahrzeugen die Möglichkeit, diese Verkehrsmittel selbst in Anspruch zu nehmen und zu testen.

Die neu definierte Autonomie geht über die Energieversorgung. Diese neu zu gestalten, dafür plädierte einleitend Cyriak Schwaighofer. Die Energieversorgung werde DIE Frage der Zukunft für die Überlebensfähigkeit und Unabhängigkeit der Menschen. Der Umstieg auf regionale, erneuerbare Energieträger helfe nicht nur die Versorgungssicherheit zu gewährleisten, sondern wirke auch dem Klimawandel entgegen und lege eine Basis für eine lebenswerte Welt nach uns. Und gemessen an den Auswirkungen des Klimawandels "verblasst die aktuelle Finanzkrise".

Ist die Politik Motor oder Bremse der Energiewende?

Dieser Frage ging Josef Plank nach, der von 2000 bis 2009 niederösterreichischer Landesrat für Land- und Forstwirtschaft, Wasser- und Energiewirtschaft mit dem Schwerpunkt erneuerbare Energien war und derzeit als Geschäftsführer der Raiffeisentochter RENERGIE arbeitet, um erneuerbare Energien als neues Geschäftsfeld aufzubauen.

"Die Politik ist das Abbild einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion", stellte er einleitend zum Vorwurf des Politikversagens fest. Der Klimawandel als brisantes Thema werde weder in der Bevölkerung noch in der Politik als dringlicher Handlungsbedarf wahr genommen. Es zeige sich, dass der Mensch immer erst dann reagiere, wenn er persönlich betroffen ist. Dabei brauche es "auf jeder Ebene ein radikales Umdenken und Agieren", ist Plan überzeugt. "Wenn alle Menschen auf dem Planeten unseren Lebensstil annehmen würden, brauchen wir 3 bis 5 Planeten" - und im Rohstoffbereich sei die Energieversorgung der erste Bereich, der zusammenbreche. "80 % der Energie weltweit wird immer noch aus fossilen Energieträgern gewonnen, Tendenz steigend. In China eröffnet alle sechs Wochen ein neues Kohlekraftwerk."

In punkto Energiepolitik spricht sich der ehemalige Politiker klar für eine Subventionswirtschaft für erneuerbare Energie aus. Die Gegner, die heute laut dagegen argumentieren, hätten ihre Kraftwerke zu Zeiten staatlich geregelter Strompreise und damit indirekt auch gefördert (nämlich durch ausreichend hoch festgelegte Preise) errichtet. Josef Plank argumentierte auch dafür, in den technischen Fortschritt laufend zu investieren und nicht darauf zu warten, dass andere Weiterentwicklungen vorantreiben: "Wir brauchen die Erfahrungswerte, auch wenn der technische Fortschritt in kurzer Zeit mehr Effizienz verspricht", so Plank. Mit Zuwarten komme man nicht weiter.

Plank spricht sich auch für die dezentrale Energieversorgung aus und nimmt damit in Kauf, dass die Energiedienstleistung anspruchsvoller wird. Für die Versorgungssicherheit seien mehr Speichermöglichkeiten bei der Nutzung erneuerbarer Energien nötig. "Wenn in der Nordsee der Wind weht, glühen bis Mitteleuropa die Stromleitungen. Um solche Spitzen auszugleichen, könnten wir in dieser Zeit unsere Elektroautos zum Aufladen ans Netz hängen." Wobei man derzeit auf diese Weise so billig wie sonst nirgens tanken kann: "Zu Spitzenzeiten wird dieser Strom an der Leipziger Strombörse verschenkt, teilweise erhalten Abnehmer sogar Geld." Strom zum Autofahren - und die Sonne zur Kühlung: Mit entsprechender, heute bereits vorhandener Technik lasse sich der Energiebedarf in heißen Ländern durch Kühlsysteme schon heute drastisch reduzieren.

Bei der Umsetzung komme den Gemeinden ebenso eine zentrale Rolle zu wie der Steuergesetzgebung, wobei sich Plank für eine zusätzliche Besteuerung des Ressourcenverbrauches ausspricht. In der Überzeugungsarbeit setzt Plank übrigens nicht auf die "Verzichtslehre" - "damit sind wir bisher gescheitert" - sondern auf den Wettbewerb in der Problemlösung. Wobei die Energieversorgung nicht die einzige Herausforderung an die Politik darstelle: "Wir müssen unser Wirtschaftssystem neu definieren. Ein jährliches Wachstum von 2 bis 3 % geht nicht. Da werden gewaltige Umbrüche notwendig."

Die Schönauer Stromrebellen

Die Stromversorgung in die eigenen Hände genommen hat eine Bürgerinitiative in der kleinen Schwarzwald-Gemeinde Bad Schönau. Nach dem Supergau in Tschernobyl 1986 reifte der Beschluss, auf Atomstrom zu verzichten und das eigene Konsumverhalten in Richtung erneuerbare Energie zu verändern. Als der regionale Strom-Monopolanbieter davon nichts wissen wollte, gründeten die Bürger ihr eigenes Stromversorgungsunternehmen und brachten dazu nebst zwei gewonnen Bürgerentscheiden einige Millionen D-Mark auf. Seit 1997 liefern die Stromrebellen nun Ökostrom - zunächst ins eigene Netz und mittlerweile an 100.000 Kunden im gesamten Bundesgebiet. Die Schönauer vermeiden jegliche Verquickung mit Atomstrom-Konzernen und treiben den Atom-Ausstieg weiter voran, indem sie Bürgerkraftwerke aktiv unterstützen. Mit einem Förderprogramm für Fotovoltaik-Anlagen und Blockheizkraftwerke mit erneuerbaren Energieträgern forcieren sie den Umstieg - weit über 1.000 solcher Anlagen sind bereits entstanden. Das erklärte Ziel der engagierten Stromerzeuger ist das Abschalten aller Atomkraftwerke, die Umstellung der Energiewirtschaft auf erneuerbare Energieträger sowie mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Scheibbs: "Planvoll in die Autonomie"

Wie der Umstieg im persönlichen Energieverbrauch zu mehr Unabhängigkeit führt, zeigte nach dem Film Raimund Holzer aus Scheibbs im Mostviertel auf - einerseits anhand der Energiepolitik der Gemeinde, die er seit fünf Jahren als Stadtrat für Umwelt und Energie entscheidend mitprägt, und andererseits anhand seiner eigenen Wohnung: Das vor zwei Jahren gebaute Passivenergie-Erdhaus versorgt sich großteils selbst mit Energie, wodurch Raimund Holzer die Betriebskosten für Strom, Heizung und Warmwasser auf 23 bis 25 Euro monatlich senken konnte und neun Monate im Jahr Energie-autark lebt - ohne Verbrennungsofen, mithilfe einer Wärmepumpe und der Sonnenenergie.

Die Stadt Scheibbs erstellte als erste in Niederösterreich in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Wieselburg einen professionellen Energieplan. Dieser erhob detailiert die Ist-Situation und entwarf Szenarien für die Erreichung der Energie-Unabhängigkeit.  Die Maßnahmen betreffen Effizienzsteigerung bei den gemeindeeigenen Klein-Wasserkraftwerken ebenso wie Förderungen, beispielsweise für Elektrofahrzeuge, Wärmedämmungen bei Gebäuden sowie Solarenergieförderungen.

Das Energie-Wunder von Güssing

Die Energiewende in Güssing gilt mittlerweile europaweit als Paradebeispiel für einen gelungenen Ausstieg aus fossilen Energieträgern. "Güssing für alle?" - diese Frage stellten die Goldegger in den Raum und ließen sie von Güssings Bürgermeister Peter Vadasz beantworten. Als er 1992 sein Amt antrat, übernahm er eine existenzgefährdete Gemeinde in einer strukturschwachen Region, die von Abwanderung bedroht war. "Unser Problem war der Geldabfluss. 1991 verließen nur für Energie 6,2 Millionen Euro unsere Stadt. Heute produzieren wir Energie im Gegenwert von 13 Millionen Euro und sind zu 99 % energieautark", erklärte Vadasz.

Der Umstieg rentiert sich für die Gemeinde ebenso wie für die Bürger. "Heute ist unsere Fernwärme um ein Viertel billiger als fossile Energie. Un wöchentlich kommen 600 bis 1000 Leute nach Güssing, um sich unseren Weg vor Ort anzusehen", so Vadasz. Die Konzentration auf erneuerbare Energie brachte 1.100 neue Arbeitsplätze in die 4.300 Einwohner zählende Gemeinde, deren europäisches Forschungszentrum weltweit Beachtung findet und Großkonzerne wie BP anzieht.

"Güssing produziert aus Sonne, Wald und Landwirtschaft heute Strom, Wärme, synthetisches Erdgas und synthetische Treibstoffe", schilderte Vadasz und erläuterte die einzelnen Bereiche. Spitzentechnologie liefern neben dem Forschungszentrum auch Unternehmen wie Solon, die in Güssing Fotovoltaik-Anlagen produzieren. Güssing nutzt Dachflächen für die Warmwasserproduktion. Und mit Sonnenenergie wird hier nicht nur geheizt, sondern auch gekühlt. Vadasz: "Unser Technologiezentrum wird mit Fernwärme gekühlt."

Effizienzsteigerung sei ebenso das Gebot der Stunde wie die Dezentralisierung der Energieerzeugung und die Forcierung neuer Technologien wie der Holzvergasung. "Darin liegt die Zukunft", ist Vadasz überzeugt und findet es "öbszön, dass Erdgas über tausende Kilometer zu uns transportiert wird während tausende Tonnen erneuerbare Energie um uns herum ungenutzt verrotten." Die Frage der Nutzung erneuerbarer Energie sei nicht eine Frage der politischen Partei, sondern der Intelligenz.

Zu den technologischen Spitzenprodukten Güssings zählt die Herstellung synthetischen Erdgases: "In unserer Methanisierungsanlage stellen wir derzeit 100 Kubikmeter reinstes Erdgas pro Stunde her." Mit der Fischer-Tropsch-Methode werden hochwertige Kraftstoffe gewonnen, die in Benzin und Diesel umgewandelt werden können. "BP interessiert sich für unseren synthetischen Diesel - dieser hat nur ein Drittel des Partikelausstoßes von herkömmlichem Diesel."

Eine Steigerung der Energie-Effizienz siehtt Vadasz in Pyrotherm-Technologien, die sowohl Wärme als auch Kraft zur Energiegewinnung nutzen. Zusammengearbeitet wird auch bei der Entwicklung der Brennstoffzelle.

Eine besondere Bedeutung komme in der Energieversorgung künftig der Landwirtschaft zu, wobei die Güssinger nicht nur Holz, sondern ebenso gut Gras und Klee als Biomasse-Rohstoff verwenden. "Wir produzieren mehr als wir verbrauchen. Regionale Lösungen sind ohne zusätzlichen Naturverbrauch durch die Bio-Vergasung möglich", so Vadasz.

Die wichtigsten Politiker zur Realisierung der Energiewende seien die Bürgermeister. "Die Tragödie heute ist, dass viele Politiker in Aufsichtsräten der Energiekonzerne sitzen und deshalb nicht aktiv werden. Eine Entwirrung von Politik und Wirtschaft würde uns entscheidend weiterhelfen", so Vadasz, der anregt, österreichweit nach dem Investitionsprogramm für Abwasserreinigung der Gemeinden eine zur Umstellung auf Energie-Selbstversorgung zu starten. "Wir wollen nicht länger am Gängelband von Großkonzernen hängen und willkürlichen Preiserhöhungen ausgeliefert sein. Ein hoher Selbstversorgungsgrad bringt Geld in die Region und bietet ein zusätzliches Standbein in der Landwirtschaft", ist Vadasz überzeugt und forderte oberste Priorität für die Forschung: "Die Zukunft unserer Energieversorgung liegt in der Vergasung von Biomasse." 

   

Bei einer abschießenden Podiumsdiskussion am Sonntag stellten sich die Referenten den Fragen des Publikums - hier im Bild v.l. Josef Plank, Raimund Holzer, Peter Vadasz und Moderator Günther Marchner.

Text und Fotos: Veronika Spielbichler/Unterguggenberger Institut

Die Geschichte der Schönauer Stromrebellen auf ihrem Weg von der Bürgerinitiative für eine atomenergiefreie Zukunft zum ökologischen Stromversorgungsunternehmen - der Film im Internet auf youtube:

 

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