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Goldegger Herbstgespräche 2009: eigensinnig. eigenständig - radikal anders leben

Viele Gründe für ein Grundeinkommen

Grundsätzliche Überlegungen zu eigenständigem Denken und einen Umbau unserer Zukunft standen am Samstag Nachmittag bei den Goldegger Herbstgesprächen 2009 am Programm. Zunächst nannten die Referenten Gerald Häfner, Publizist, Vorstandssprecher von "Mehr Demokratie" und seit 2009 EU-Parlamentarier sowie die beiden   Mitbegründer der Initiative Grundeinkommen Daniel Häni aus Basel und Enno Schmidt aus Frankfurt wie auch TeilnehmerInnen aus dem Publikum viele Gründe für ein Grundeinkommen.

 

"Die heutige Ideologie geht davon aus, Macht über Menschen auszuüben. Die Realität ist anders - wir sind alle füreinander tätig", begründete Gerald Häfner (Bild links) seinen anderen Ansatz, Demokratie zu leben. Ein Ansatz, dessen logische Konsequenz das bedingungslose Grundeinkommen ist. Arbeitslosigkeit sei heute unnötig. Die Tragik liege neben dem mangelnden Einkommen in der Signalwirkung auf den Menschen - `wir brauchen dich nicht`. "Arbeit ist mehr als Geldverdienen. Arbeit ist seelische Gesundheit. Menschen auszuschließen ist unmenschlich", so Häfner.

Wir leben in Begriffsleichen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die heutige Wirtschaftswissenschaft bezieht sich immer noch auf die von Adam Smith erfundene unsichtbare Hand, derzufolge automatisch aus dem höchstmöglichen Eigennutz des Individuums automatisch der Wohlstand aller produzierr werde. "Die Menschen sind nicht so", meint Häfner und kann dafür weltweit durchgeführte Studien aufweisen: "Ich habe hier 10 Euro. Die erhalten Sie aber nur, wenn Sie mit Ihrem Nachbarn teilen. Ökonomisch gedacht können Sie Ihrem Nachbarn ja 50 Cent anbieten. Was wird geschehen? Die Einwilligung wird bei den allermeisten Menschen nur bei einem fairen Teil - also der Hälfte - gegeben." Bei Feldversuchen verhielten sich in der BRD 86 % der Menschen fair - ebenso in Canada. Auch bei weiteren Versuchen in über 40 Ländern der Welt kam immer das gleiche Ergebnis unterm Strich: "Die Menschen wollen eine faire Aufteilung. Die Wirtschaft baut aber nur auf Egoismus auf. Durch die Entfesselung der globalen Finanzmärkte hat das Geld ein Eigenleben entwickelt und die reale Wirtschaft und die Menschen zu einem Spielball gemacht."

In der Politik heute zählen die Interessen der Lobbyisten mehr als die der Menschen. Systemkorrekturen setzt Häfner bei der Neugestaltung der Demokratie ebenso an wie bei der Neubewertung der wirtschaftlichen Tätigkeiten der Menschen: "Die Bewertung des Einkommens als Äquivalent für eine Leistung ist heute eine große Lüge. Wir sollten die Verhältnisse frei und gerecht einrichten und allen Menschen ein existenzsicherndes Grundeinkommen für ein menschenwürdiges Leben garantieren."

Grundeinkommen als wirtschaftliches Bürgerrecht und Menschenrecht

"Wer hat heute die Oberhoheit über die Begriffe Arbeit, Demokratie und Wirtschaft?" fragte Enno Schmidt zum Einstieg in das BürgerInnengespräch zum Thema Grundeinkommen, das - so Schmidt - "das Thema des 21. Jahrhunderts wird." Lassen wir uns die Welt länger von neoliberalen "Vordenkern" erklären oder denken wir selbst? "Wirtschaft ist gelebte Nächstenliebe und die Idee des Grundeinkommens gibt es schon bei Aristoteles" - und um die weltweite Verflechtung dieses wirtschaftlichen füreinander tätig Seins sichtbar zu machen, bat Schmidt alle Zuhörerinnen, aufzustehen und auszuziehen, was nicht in Österreich produziert wurde.

"Das Einkommen heute ist eine Marktfrage. Erst ein Grundeinkommen ändert die Bewertung, weil sich die Wertschätzung ändert", ist Enno Schmidt überzeugt und ging auf drei gängige Argumente dagegen ein: "Wer arbeitet dann noch? wird immer wieder gefragt. Umfragen zeigen, dass 80 % der Menschen gleich weiterarbeiten würden - allerdings mit weniger Stress und mehr Qualität. Nur 20 % wissen noch nicht, wie sich verhalten würden, wobei 10 % angeben, erst einmal richtig auszuschlafen." Die zweite Frage betrifft die Finanzierung. Unser heutiges Sozialabgabensystem entspreche einer Feudalherrschaft und würde umgewandelt in ein bedingungsloses Grundeinkommen als wirtschaftliches Bürgerrecht. Wobei die Grundeinkommensinitiative in der Schweiz das Grundeinkommen in die bestehenden Einkünfte einrechnen würde. So vielfältig wie die Gründe für ein Grundeinkommen sind derzeit auch die Finanzierungsvorschläge.

Den dritten wichtigen Aspekt sieht Schmidt in der Frage der persönlichen Freiheit. Angst vor mehr Freiheit? Jedenfalls hätte man dann "keine Ausreden mehr", sich für persönlich wichtige Anliegen zu engagieren. "Damit würde mehr Dynamik in die Wirtschaft und ein Kulturimpuls in die Gesellschaft kommen", sind die Grundeinkommens-Befürworter überzeugt, die in der der Umsetzung des bedingunglosen Grundeinkommens die Fortsetzung der Menschenrechte sehen.

Zu den Argumenten aus dem Publikum zählte, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen in einer Wirtschaft mit Privateigentum am Boden eine Möglichkeit darstellt, alle Menschen an den Ressourcen des Planeten zu beteiligen.

Zehn Gebote zur Zähmung des Kapitalismus

Ein Mann, der u.a. als Projektleiter für Nukleartechnik bei Schoeller-Bleckmann, Generaldirektor von Simmering-Graz-Pauker und Brown Boveri Austria sowie als selbständiger Unternehmer in den oberen Etagen des Wirtschaftsystems mitwirkte, steht nach lebenslanger Berufserfahrung dem Kapitalismus kritisch gegenüber und formulierte in seinem Buch "Die Perestroika des Kapitalismus" zehn Gebote zur Zähmung desselben.

"Wie kommt man zum Zweifel am bestehenden System?" - mit dieser Frage leitete Klaus Woltron seinen Beitrag bei den Goldegger Herbstgesprächen ein. Bedenklich stimmen ihn drei Megatrends: Zum Einen das seit einigen Jahrzehnten sprunghafte Bevölkerungswachstum auf dem Planeten. Zum Zweiten der bereits spürbare Klimawandel. Schon jetzt sei absehbar, dass aufgrund der menschlichen Aktivitäten ein riesiges Reparaturprogramm an der Natur notwendig wird. Als dritte beunruhigende Entwicklung sieht Woltron die ausufernde Spekulation an den Finanzmärkten mit regelmäßig auftretenden Krisen, die immer heftiger werden, und stellte fest: "Das dicke Ende kommt noch."

Was also tun? Ist der Kapitalismus überhaupt noch zu retten? Ja, meint Woltron und empfiehlt folgendes Sanierungsprogramm:
1. Dematerialisation der Wirtschaft
2. Subsidiarität
3. Sanktionsfähige internationale Regeln im Sozial- und Umweltbereich
4. Reduktion der Kapitalmarktvolatilität und Spekulationsintensität
5. Entwicklungshilfe-System in Richtung Selbständigkeit
6. Steuerung des weltweiten Ressourcenverbrauches über Ressourcenzertifikate
7. Gezielte Förderung sozialer und ökologischer Wertvorstellungen
8. Einführung sanktionsfähiger Codes of Conduct in Kapitalgesellschaften
9. Investitionstätigkeit in nachhaltig  geführte Kapitalgesellschaften
10. Harmonische Nachführung der Einkommenskurve

Text und Fotos: Veronika Spielbichler/Unterguggenberger Institut

 

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