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Goldegger Herbstgespräche 2009: "Eigensinnig. Eigenständig - radikal anders leben!"

"Es gibt viele Wege, aber keine fertigen Konzepte" - mit dieser Feststellung eröffnete Moderator Günther Marchner den ersten Themenbereich "Über Lebenskunst & Kunst der Politik" am Freitag Nachmittag und bat als erste Anna Gamma, Zen-Lehrerin und Leiterin des Lassalle-Institutes in der Schweiz aufs Podium (Bild links).

Lebenskunst

Mit sehr persönlichen Einblicken in ihr eigenes Leben ging Anna Gamma neuen Wegen im Leben, der Frage was den Anstoß zur Veränderung gibt sowie danach, was ZEN dafür leisten kann, nach. Anhand zweier eigener, tiefer Krisen schilderte sie ihre Erkenntnisse daraus. Was heilt? "Verantwortung übernehmen und nicht aufhören zu lernen." Wobei hier nicht nur das Lernen mit dem Hirn, sondern vor allem mit dem Herzen gemeint ist: "Öffne dein Herz. Das ist die wichtigste Arbeit." Zum Lernen zählt auch, die eigenen Schattenseiten anzuerkennen - diese nicht verurteilen, sondern daran arbeiten: "Von der Kernverletzung zum Kernschatten zur Kernkompetenz."

Der beeindruckende Lebensweg der Schweizer Bergbauerntochter führte übers Studium, die therapeutische Arbeit mit jungen Frauen, die Konfrontation mit Armut durch Leben in einem Slum auf den Philippinen sowie mit Krieg durch Peace-Camps mit traumatisierten jungen Soldaten bis zum Kursangebot für Führungskräfte mit spiritueller Kompetenz im Lassalle-Insitut, das sie seit 2003 leitet. Wobei sie dafür ihr Feindbild Wirtschaft überwinden musste - wer Veränderungen global anstrebt, kommt um die Manager nicht herum. Zen half ihr dabei, die Wendungen im eigenen Leben zu erkennen, diese anzunehmen und das eigene Potenzial dafür zu nutzen. "Kennen Sie den Meister in sich? Sagen Sie ja zu sich selbst? Viele Menschen haben heute weniger Angst vor ihren Grenzen als vor ihren Potenzialen", stellt Anna Gamma fest. Wach sein für das, was läuft. Dabei von der Egozentrik in die Globalzentrik zu wachsen, das sei die Herausforderung. Eine tiefe Erfahrung allein verändere noch nicht - das passiert erst beim Hinausgehen in die Welt. Beginnen kann jede/r sofort - "Wir haben 60.000 Gedanken am Tag - wieviele davon sind sinnvoll und liebevoll?"

Kunst der Politik

Nach dem spirituellen Zugang zum Leben schilderte Kaspanaze Simma, Bauer und Mitbegründer der Grünen in Österreich, in seinem Vortrag "Über den Wandel - vom zu wenig zum genug" seine Sichtweise der Effizienz in der Ökonomie, gewonnene Lebensweisheiten, bedeutende ökonomische Einsichten und wies auf problematische Umverteilungen und Ansatzpunkte für Auswege hin. Während der Preis für landwirtschaftliche Produkte in den vergangenen Jahren bis zur Existenzgefährdung für die Bauern gesunken ist, wurde die menschliche Erwerbsarbeit viel zu teuer. Aus den viel zu hohen Arbeitskosten resultiert Rohstoffverschwendung - besser neu anschaffen als reparieren - ebenso wie die Tatsache, dass sinnvolle Gemeinschaftsarbeit nicht mehr geleistet wird, weil sie zu teuer ist. Kaspanaze Simma prangert die Ineffizienz der modernen Industrie an. Das führt zu nicht nachhaltiger Rohstoffnutzung und zur Zerstörung der Subsistenzwirtschaft weltweit. Die Wirtschaftsentwicklung mündet für Kaspanaze Simma in zwei grundlegende politische Forderungen zur "ökosozialen Umsteuerung": Mehr Abgaben auf Naturverbrauch und Bezahlung eines Grundeinkommens.

Mit über 300 BesucherInnen war der Rittersaal in Schloss Goldegg beim Vortrag von Christian Felber, Publizist und ATTAC-Mitbegründer in Österreich (Bild rechts) am Freitag Abend bis zum letzten Platz gefüllt. Cyriak Schwaighofer konnte dazu auch den Bürgermeister von Goldegg, Hans Mayr, begrüßen (Bild links), der als Bankmitarbeiter nach dem Vortrag den Ausführungen Felbers zustimmte.

Christan Felber: "Wir brauchen eine neue demokratische Bank und Gemeinwohlorientierung in der Wirtschaft"

"Die Banken haben sich in den vergangenen 20 bis 30 Jahren grundlegend gewandelt. Nach dem Krieg waren sie nicht gewinnorientiert und dem Gemeinwohl verpflichtet. Heute ist der Großteil der öffentlichen Banken privatisiert - das ist eine der größten Gefahren für die Demokratie", eröffnete Christian Felber seinen Vortrag "Kooperation statt Konkurrenz - von der neoliberalen zur solidarischen Ökonomie".

Großbanken seien heute so mächtig, dass sie und nicht die Politik die Spielregeln am Finanzmarkt machen. Ohne Regulierung sei die Demokratie begraben. "Wir wollen jetzt gleich eine Alternative von unten aufbauen und eine demokratische Bank gründen", teilte Felber die neue Strategie des globalisierungskritischen Netzwerkes ATTAC mit. Diese Bank soll sich auf das ursprüngliche Bankgeschäft beschränken: Sparguthaben verwalten, kostenlose Girokonten anbieten und die Wirtschaft mit günstigen Krediten versorgen. "Die Eigentümer sind wir alle", lautet das Ziel. Selbstverwaltung durch die BürgerInnen sei aber nicht nur im Bankgeschäft angesagt, sondern in allen Bereichen öffentlicher Dienstleistung von der Post bis zur Universität. Die derzeitige Wirtschaft fördere gemeinschafts-zerstörende Werte wie Gier, Rücksichtlosigkeit und eine systematische Verletzung der Menschenwürde.

Dabei sei Konkurrenz nicht wie fälschlicherweise immer behauptet wird die effizienteste Wirtschaftsform: "Neun von zehn Studien zeigen, dass Kooperation effizienter ist als Konkurrenzdenken. Durch die Konkurrenz angeheiztes Effizienzdenken zerstört Vertrauen - Vertrauen hält die Gesellschaft aber besser zusammmen als Effizienz", erklärte Felber. "In der Konkurrenzgesellschaft sind Angst und Geltungssucht die Hauptmotivation. Ziel ist nicht ein freies, autonomes Leben, sondern besser zu sein als andere. Das Gewinnstreben ist die Ursache der Probleme", analysierte Felber. Wie könne man also den Leitstern für die Wirtschaft zu Werten wie Vertrauen, Solidarität, mehr Fairness, Anerkennung und gegenseitige Wertschätzung - einem angstfreien Leben in einer Gemeinwohlwirtschaft umpolen?

Felber regt unternehmerische Anreize ebenso an wie eine neue Bilanzerstellung, gemessen an Gemeinwohl-Indikatoren. Gewinne sollten ausschließlich für Investitionen im Unternehmen beziehungsweise für Lohnzahlungen an MitarbeiterInnen verwendet und nicht an unternehmensfremde Personen ausgezahlt werden. Felber rät zu einem demokratischen Erneuerungsprozess zur Weiterentwicklung der Demokratie, die mehr aktive Mitarbeit der Bürger beinhaltet,  um zu einer "Menschenwürdewahrungswirtschaft" zu gelangen.  

Am Samstag, 7. November 2009, stand der Vormittag der Goldegger Herbstgespräche unter dem Motto "Wenn Regionen und Unternehmen anders wirtschaften". Seit nunmehr 10 Jahren beschäfigt sich Robert Musil (Bild Mitte) aus Wien mit dem Thema Geld und Raum. Wozu Regionalwährungen verwenden? Was sind Regionalwährungen und was können sie für die Regionalentwicklung leisten?

Regionale Werte schöpfen - Geld und Region

Gegenden mit wirtschaftlicher Stagnation geraten in einen "regionalen Teufelskreislauf", der zur Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Kaufkraftabfluss aus der Region führt.  "Geld beschleunigt die Strukturprobleme", diagnostiziert Robert Musil. Mit der Folge, dass Investitionen ausbleiben. "Regionalwährungen werden oft gegründet, um diese Kapitalarmut zu überwinden und ein Gegenmodell aus kapitalismuskritischer Sicht zu schaffen", so Musil. Er unterschied in drei Bereiche: Kreditgenossenschaften, die im bestehenden System integriert alternative Banken betreiben - beispielsweise die GLS-Bank oder die Grameen-Bank. Weiters bargeldlose Tausch- und Bartersysteme und Regionalgeld mit Gutscheinsystemen.

In der endogenen Regionalentwicklung bieten diese Systeme eine Möglichkeit, Potentiale der Region zu entwickeln, regionale Identität und Wertschöpfung zu fördern. Gerade im Hinblick auf die Verteuerung der Kredite für kleine und mittelständische Unternehmen durch Basel 2 könnten regionale Geldwirtschaftstrukturen positiv wirken. Tauschkreise sind heute noch vielfach ökonomisch nicht relevant, sehr wohl aber als soziales Instrument und zur Bewusstseinsbildung für Regionalwirtschaft. Robert Musil sieht in in der Kombination der bestehenden Systeme ein "beträchtliches Potential" und findet es "bemerkenswert", dass sich die offizielle Regionalpolitik damit nicht beschäftigt.

Regional wirtschaftliche Kreisläufe in Gang bringen

"Südbaden ist eine reiche Region, hoch entwickelt - aber mit Ungleichgewichten", erklärte Otmar Donnenberg (Foto oben rechts) von der Regionalgeld-Initiative Dreyecker. Und diese auszugleichen und regionale Wirtschaftskreisläufe in Gang zu bringen zählt zu den Zielen der "Gelddrucker". Der Organisationsberater und Mitbegründer der alternativen Triodos-Bank in Holland verbindet mit dem Thema Geld auch prägende Kindheitserinnerungen: Als gebürtiger Salzburger begleiten ihn die Jedermann-Spiele am Domplatz - das Sterben des reichen Mannes - seit Jahrzehnten. "Ich staune jeden Tag, was es über Geld zu erfahren gibt. Was macht Geld? Darüber wissen wir viel zu wenig." Die Geldtheorie werde von den Wirtschaftswissenschaften vernachlässigt. Sein ganz persönlicher Zugang zum Regionalgeld: "Es macht Spaß, Kreisläufe in Gang zu bringen." Dass es derzeit nicht so gut laufe, wertet Donnenberg als Lernprozess.

"Über die Liebe, den Mut, die Wirtschaft und das Leben" inszenierte der Waldviertler Schuh- und Möbelfabrikant Heini Staudinger (Bild oben links) seinen Auftritt und nahm das Publikum mit auf eine amüsante wie gleichermaßen berührende Reise in seine Lebensgeschichte. In Zeiten des Niedergangs der Schuhproduktion in Österreich schaffte es Staudinger mit den Mitarbeitern der selbstverwalteten Schuhwerkstatt und einigen ausgefallenen Ideen entgegen aller Trends, das Unternehmen mit Qualitätsprodukten erfolgreich am Markt zu platzieren. 

Heini Staudinger liefert heute nicht nur Schuhe, Taschen und Betten, sondern als Herausgeber der Zeitschrift "brennstoff" auch "geistige Lebensmittel für Herz und Seele". Unternehmer, Poet und Philosoph - was vermittelte Heini Staudinger? "Der springende Punkt ist: was lähmt uns? Was hält uns gefangen?" Der Beruf binde heute viele Menschen an Werte, "die uns nicht wichtig sind. Dabei kommen innere Anliegen zu kurz. Die Sehnsucht befreit uns. Um aus dieser Gefangenschaft auszubrechen, müssen wir uns mit Mut, Vertrauen und Zuversicht in Bewegung setzen." Wofür er in der Theologie den Wegweiser fand: "Der Himmel ist in uns" und "Fürchtet euch nicht!"

Vertrauen in die Menschen steht ganz oben auf Heini Staudingers Werteskala. So vertraut er auch in Finanzierungsfragen seit Jahren nicht mehr den Banken, sondern seinen Kunden. Den Ausschlag dazu gab seine Hausbank 1999, als der damalige Bankdirektor die Kreditlinie des Unternehmens trotz eines Umsatzplus von 12 auf 5 Millionen Schilling kürzte. Damit stand das Ziel, schuldenfrei zu werden, fest. In der Auseinandersetzung mit Geld folgten auch persönliche Konsequenzen. Vier Jahre später löste Heini Staudinger alle Sparguthaben auf. "Seither habe ich mein Geld immer im Plastiksackerl mit - das ist transparent und trägt nicht auf."

Staudinger zählte 2005 zu den Gründern des Waldviertler Regiogeldes. Mit Einlagen von Kunden finanzierte er eine 400 Quadratmeter große Solaranlage am Dach der Schuhfabrik, die rund die Hälfte des benötigten Stromes liefert. Zurückgezahlt wird übrigens nicht in Euro, sondern mit Waldviertler Schuhen. Die Gründung des GEA-Sparvereins folgte. Als 2008 Ergee in Konkurs ging, gelang es mit Kundengeldern die 4000 Quadratmeter große Halle zu kaufen. Die Sanierung läuft bereits. Dank seiner Brennstoff-Zeitschrift erreicht Heini Staudinger eine wachsende Waldviertler Fangemeinde, die dort auch investieren will. "Wir bekommen mehr Geld angeboten als wir brauchen können", erklärte Staudinger. Die Firmenphilosophie bewährt sich übrigens auch bestens seit Ausbruch der Finanzkrise: "Wir haben seit der Krise 30 Prozent Umsatzzuwachs und konnten Mitarbeiter einstellen."

Was kann Regionalgeld heute und morgen leisten?

Zu den historischen Wurzeln der Regionalwährungs-Bewegung heute führte das Referat von Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger Institut in Wörgl. Der Einsatz des Wörgler Freigeldes als regionale Zweitwährung zur Finanzierung eines kommunalen Infrastrukturprogrammes zur Wirtschaftskrisenbekämpfung gilt heute noch als Vorbild für die positiven Wirkungen einer Komplementärwährung. In der Tradition des historischen Geldexperimentes besteht in Wörgl seit 2005 mit dem Jugendprojekt I-MOTION eine Zeitwährung für Jugendliche. "Im Unterschied zu den privaten Regiogeld- und Tauschkreisinitiativen heute wurden die Wörgler Arbeitswertscheine 1932/33 ebenso wie die I-MOTION-Zeitwertkarten heute von der Gemeinde, also von der öffentlichen Hand ausgegeben", erklärte Spielbichler. 

In der Geld-Architektur der Zukunft können Regionalwährungen für die Grundversorgung der Bevölkerung mit Energie, Lebensmitteln und Betreuungsdiensten mehr Stabilität in die Wirtschaft bringen und im Zusammenhang mit Regionalentwicklungsprozessen eingesetzt werden. Die regionalen Transaktionssysteme sollen dann auch entsprechend dem gemäßigten Wachstumspotential dieser Wirtschaftszweige gestaltet werden und nicht der von Zinseszins und Spekulation getriebenen Dynamik des bestehenden Finanzmarktes ausgeliefert werden.

Zu den zukunftsträchtigsten Regionalwährungsinitiativen zählen heute jene, die neben Euro-gedecktem Regiogeld auch über ein leistungsgedecktes Verrechnungssystem arbeiten. In Österreich gilt der Talentetauschkreis Vorarlberg hier als richtungsweisend, der derzeit an der Ausarbeiten von unterschiedlichen Zeitvorsorgemodellen für die Altersversorgung im Rahmen eines EU-geförderten Projektes mitarbeitet.

Tauschkreis und Regiogeld zur wirtschaftlichen Förderung der Region sind Bestandteil der RegioSTAR-Genossenschaft im benachbarten Bayern in Berchtesgaden, die ein Gesamtkonzept zur Regionalentwicklung vorweist. Annette Bickelmann vom "Sterntaler" - hier im Bild rechts mit Veronika Spielbichler - arbeitet seit September 2009 für die Genossenschaft und wird in drei Währungen bezahlt: Regiogeld, der Tauschkreiswährung Talent und Euro. "Mit den Talenten kann ich die Miete bezahlen und mit dem Regiogeld Einkäufe des täglichen Bedarfes erledigen", berichtete sie und stellte das Modell näher vor. "Unsere soziale Genossenschaft hat 130 Mitglieder. Ein Gewinn daraus wird nicht an einzelne Mitglieder ausgezahlt, sondern bleibt in der Gemeinschaft. Wir fühlen uns der Satzung der Lokalen Agenda 21 verpflichtet", so Bickelmann, was einem Bekenntnis zu nachhaltigem Wirtschaften gleich kommt.

Anlass für die Gründung der Genossenschaft war die Erhaltung eines Dorfladens, der dank der regionalen Initiative nun wieder schwarze Zahlen schreibt. Im Frühjahr 2009 startete die Genossenschaft ein Permakulturprojekt nach den Prinzipien kooperativen Wirtschaftens und im Rahmen eines weiteren Gartenprojektes werden Gartenparzellen an interessierte HobbygärtnerInnen verpachtet. Der Genossenschafts-Kooperationsring kombiniert den privaten Tauschring mit genossenschaftlichen Geschäftsbereichen. In Planung befinde sich zudem eine regionale Geldanlagemöglichkeit ohne Bank. Nach dem Vorbild der japanischen Pflegewährung Fureai Kippu können Talenteguthaben als Zeitvorsorge in Stunden angelegt werden, mit denen haushaltsnahe Dienstleistungen bis zur Pflegestufe eins bezogen werden können.

"Die Vision ist Sicherheit über eine gelebte Gemeinschaft durch gegenseitiges Vertrauen", so Bickelmann. Das eurogedeckte Sterntaler Regiogeld gibt´s als Gutscheingeld ebenso wie in Form einer Regiocard. Davon unabhängig wird das leistungsgedeckte Tauschsystem gehandhabt. "Sollte der Euro in Turbulenzen kommen, haben wir ein wertstabiles System unabhängig davon."

Berichte über die Themenbereiche Grundeinkommen und Energie-Autonomie bei den Goldegger Herbstgesprächen folgen. Weitere Bilder von der Veranstaltung gibt´s hier in der Galerie.

Text und Fotos: Unterguggenberger Institut/Veronika Spielbichler

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