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"Currency is Destiny" von John Rogers, veröffentlicht im IM-Magazin

 

Currency is Destiny

Neue Währungen für Neue Zeiten
 

Sekai war ein Flüchtling aus Zimbabwe, der für einige Monate in den Strassen von Kapstadt lebte. Er war keiner der sich schnell unterkriegen liess. Eines Tages traf er Mitglieder des lokalen Community Exchange System (CES) http://www.community-exchange.org/ ; im Austausch für seinen Mädchen-für-alles-Service bekam er alles um eine Hütte einzurichten, aber dann verlor er alles durch ein Feuer. CES Mitglieder halfen ihm in einem anderen Slumviertel schnell wieder auf die Beine. Dann verlor er wieder alles als Diebe sein Haus ausraubten. Nach jedem Rückschlag arbeitete er sich durch den Austausch wieder nach oben und fand sich danach in einer besseren Umgebung als davor wieder. Schließlich war er in der Lage, sich in Marina da Gama, einem vornehmen Stadtteil von Kapstadt, eine Wohnung zu mieten. Über CES ist er jetzt mit lokalen Tauschsystemen in achtzehn Ländern verbunden. Und das alles durch das Geben und Nehmen auf gleicher Ebene mit anderen.

 

Während Regierungsschefs beim Weltgipfel in Johannisburg 2002 „innovative Finanzierungsinstrumente“ diskutierten, setzten Mitglieder von CES solche bereits in die Praxis um. Ihre Anstrengungen helfen Gemeinschaften zu stärken, neue Jobs zu schaffen, Ehrenamtliche zu belohnen und Isolation zu mindern. Menschen bleiben aktiv, Freundschaften werden gestärkt, die Umwelt wird geschützt und verbessert und Lebensbedingungen werden verändert.

 

Was genau machen diese CES? Dasselbe wie viele Tausende Menschen rund um den Globus, die die Möglichkeiten von lokalen Währungen entdeckt haben: sie nützen die Währung ihrer Arbeit als eine vorhandene Kapazität um das eigene Leben und das der Gemeinschaft zu verbessern, statt darauf zu warten, dass von irgendwoher knappes Geld kommt und Jobs geschaffen werden. Sie tauschen Dienstleistung gegen Dienstleistung; sie bringen die eigenen Potentiale mit den Bedürfnissen von anderen zusammen. Wenn etwas getan werden muss, wird es getan, weil die Währung immer ausreichend verfügbar ist, solange Menschen arbeiten wollen.

 

Menschen haben Gemeinschafts-Währungen zwischen Firmen aufgebaut, zwischen Nachbarn, zwischen Jungen und RentnerInnen, Wohngemeinschaften, Kredit-Genossenschaften und im Internet. Die Größe der Systeme reicht von ein paar Menschen bis zu Tausenden Mitgliedern.

Man hat sie genutzt um ein Gemeinschaftsgefühl zu nähren und örtliche Wirtschaftsentwicklung in Afrika, Asien, Australasien, Europa, Nord- und Südamerika zu unterstützen.

 

 

Von „kostenlos“ zu Gemeinschafts-Währungen

Wenn ein Austausch ohne Geld funktioniert, dann nennen wir das „kostenlos“. Also warum helfen wir uns nicht einfach gegenseitig? In den letzten Jahren sind verschiedene Bewegungen gewachsen, die freien Austausch fördern:

Freeconomy - www.justfortheloveofit.org  bestärkt Menschen beim Austausch von Fähigkeiten, Werkzeugen, Raum und Land;

Freecycle - http://www.de.freecycle.org/ hilft den Millionen von Mitgliedern ihre Güter wiederzuverwenden, indem sie anderen angeboten werden;

Book Crossing http://www.bookcrossers.de/bcd/home/ lädt die Mitglieder ein, ihre nicht mehr gebrauchten Bücher an öffentlichen Orten für andere zugänglich zu machen – zum selber lesen und dann wieder weitergeben.

 

Freier Austausch ist eine ideale Art, unsere Talente zirkulieren zu lassen. Gegenseitige Verbundenheit wird bewußt gepflegt, Güter werden nicht in Müllkippen abgekippt und Verbindungen zwischen Menschen wachsen. Aber ein Geschäft in Schwierigkeiten oder jemand mit geringem Einkommen muss mit seinen vorhandenen Kapazitäten vorsichtig umgehen; Belohnungen können Menschen motivieren, einander zu helfen, und dadurch wird eine größere Menge sozialer Energie für positive Veränderung freigesetzt.

 

Eine Auswirkung der globalen Finanzkrise ist das Fehlen von Geld für wirkliche Arbeit, so wie bei einem elektrischen Gerät, das auf Strom wartet, um benutzt werden zu können. Die gute Nachricht ist, dass Gemeinschaften eigene Währungen erzeugen können, die lokale Kapazitäten nutzen um lokale Bedürfnisse zu befriedigen und Menschen zu belohnen, die ihre Talente teilen. Die Idee ist nicht neu; Menschen haben lokale Währungen für Tausende von Jahren verwendet. Lokale Währungen halfen vielen Gemeinschaften in den USA und in Europa während den frühen 1930ern (http://www.depressionscrip.com ) und in Argentinien während des Zusammenbruchs der Nationalwährung 2001 http://www.trueque.org.ar .

 

Eine Gemeinschafts-Währung funktioniert wie ein Zirkulationssystem für die Talente und vorhandenen Kapazitäten der Gemeinschaft; sie funktioniert wie ein Immunsystem um die Gemeinschaft gegen Schocks von außerhalb zu schützen. Sie liefert ein Informationssystem, um vorhandene Kapazitäten zu dokumentieren und zu bewerten: persönliche Fähigkeiten, Dienstleistungen und Güter; lokale Geschäfte, die ihre Kapazitäten nicht voll ausnützen; Bürgerzentren, Freizeitzentren und öffentliche Gebäude; sie stellt ein Belohnungssystem für die zur Verfügung, die ihre Kapazitäten teilen; sie bringt Kapazitäten in Bewegung um persönliche Probleme und Probleme der Gemeinschaft zu lösen, dringende Bedürfnisse zu befriedigen und wichtige Ziele zu erreichen. Sie funktioniert mehr als ein Austauschmedium denn als Medium zur Wertaufbewahrung. Denn Währung in Bewegung ist Währung im Einsatz. Vertrauen, Anerkennung und Freundschaft werden mit jedem Austausch vertieft.

 
Gemeinschaftswährungen im Einsatz

Einige Gemeinschaftswährungen unterstützen lokale Betriebe dadurch, dass die Währung in der Region bleibt statt zu weit entfernten Shareholdern abzufließen. Beispiele dafür sind die Ithaca Hours http://www.ithacahours.org/ oder die Berkshares http://www.berkshares.org/ in den USA, der Chiemgauer in Deutschland http://www.chiemgauer.info/ , in Österreich der Talente Tauschkreis Vorarlberg http://www.talentiert.at/ und die weltweiten Business Barter Netzwerke http://irta.com/ . Mehr Kunden werden umworben sowohl nationales wie lokales Geld bei existierenden Geschäften auszugeben und Menschen erproben neue Geschäftsideen indem sie einen loyalen Kundenstock aufbauen, der die lokale Währung einsetzt.

 

Andere Systeme zielen darauf ab, die Gemeinschaft zu stärken indem sie Menschen ein unterstützendes Netzwerk und ein Sicherheitsnetz für harte Zeiten geben: zu den Beispielen gehören Zeitbanken, auch bekannt als Time Dollars in den USA http://www.timebanks.org/ , http://www.timebanking.org/ , Local Exchange Trading Systems (LETS) http://letslinkuk.org/ , http://www.lets.org.au/ und Fourth Corner Exchange in den USA http://www.fourthcornerexchange.com/ . Nachbarn helfen Nachbarn und Freiwillige unterstützen Gemeinschaftsprojekte. Menschen erledigen Alltagstätigkeiten wie Hundeausführen oder füreinander einkaufen, sie kaufen lokale Nahrungsmittel von lokalen Produzenten, sie beteiligen sich beim Bäumepflanzen oder beim Betreiben von lokalen Cafes und Gemeinschaftszentren.

 

Bewußt geplante Gemeinschaften wie Findhorn in Schottland und Damanhur in Italien haben Währungen entwickelt, die sowohl von Mitgliedern als auch von Besuchern genützt werden.

 

Touristen können einige lokale Währungen mit der Nationalwährung kaufen, die lokale Währung bleibt bis zum zurücktauschen in der Region; viele Touristen nehmen ihre Scheine als Souvenir mit nach Hause und das Geld wird in lokale Projekte investiert: z.B. bei den Salt Spring Island Dollars in Kanada http://www.saltspringdollars.com/ .

 

Andere Währungen wurden um bestimmte Themen oder Gruppen herum entwickelt: ein Jugendgericht in den USA; Elderplan in New York und Fureai Kippu in Japan für ältere Menschen; Gesundheitsversorgung bei einer Arztpraxis in London; Mikrokredite die eine Gemeinschaftswährung in Brasilien decken http://www.strohalm.net/en/bonus.html.

 

Klimawandel, das Aus für billiges Öl und ein dysfunktionales Finanzsystem erzeugen große Herausforderungen, die innovatives Denken und Lösungsansätze brauchen, während die Welt lernt, sich selbst zu organisieren; das Internet, Social Networking und Open Source Software zeigen neue Wege wie Menschen miteinander kooperieren; lokale Geschäfte, Bürgergruppen und Gemeinschaften bauen ihre eigenen Rettungsboote für stürmische Zeiten. Vor zwei Jahren löste die Stadt Totnes in Großbritannien die inzwischen globale Transition Bewegung aus: BürgerInnen zeigen BürgerInnen, wie sie sich auf eine Welt mit verändertem Klima und weniger Öl vorbereiten können. Viele Städte in der Transition Bewegung haben ihre eigene Währung entwickelt: Totnes Pound http://totnes.transitionnetwork.org/totnespound/home und Lewes Pound http://www.thelewespound.org/ sind entwickelt und funktionieren; Gemeinschaften in Neuseeland werden wahrscheinlich bald folgen http://transitionaotearoa.org.nz/ .

 

Einige der am weitesten fortgeschrittenen Experimente zielen darauf ab, dass Konsumenten ihren gesamten Energieverbrauch reduzieren und den Anteil der erneuerbaren Energien erhöhen: Kilowattkarten in den USA http://kilowattcards.com/ sind Geschenk-Karten, die für 10 Kilowattstunden elektrischer Energie stehen und gehandelt werden können. Sonnenschein in Deutschland http://www.sonnen-scheine.de/eine-seite/ gibt Gutscheine heraus, die für Euro gekauft werden und als Geld zirkulieren, während die Euros in die Erschließung von lokalen erneuerbaren Energiequellen investiert werden.

 

Einige Systeme verzeichnen alle Transaktionen, andere haben zirkulierende Scheine, Münzen oder Gutschriften mit Sicherheitsmerkmalen und Designs von lokalen Künstlern; einige Systeme schöpfen Geld durch gegenseitigen Kredit beim Austausch zwischen Menschen, andere werden von einer zentralen Instanz herausgegeben und sind durch Dienstleistungen gedeckt oder werden mit Nationalwährung gekauft.

 

Mehrere Systeme nützen die Möglichkeiten des Internets um Plattformen für den Austausch von mehreren Währungen zu schaffen: z.B. Community Exchange System http://www.community-exchange.org/, Open Money http://openmoney.ning.com/ und Ripple https://ripplepay.com/ .

 
Aus den Erfahrungen lernen

Der amerikanische Baseball Coach Yogi Berra scherzt: „In der Theorie gibt es keinen Unterschied zwischen Theorie und Praxis, in der Praxis schon.“ Einige Jahrzehnte Praxis haben wichtige Lektionen über das Organisieren von nachhaltigen Gemeinschaftswährungen gelehrt: (a) Entwickler arbeiten eng mit einer lokalen Gemeinschaft um ihre Ziele und Ressourcen zu identifizieren; (b) sie entwickeln im Hinblick auf lokale Arbeitsbedingungen statt ein System zu kopieren, das woanders funktioniert hat; (c) sie wählen einen Währungsmechanismus, der die lokalen Ziele und Bedingungen unterstützt; (d) sie entwickeln eine effektive Organisation um eine lebendige Währung zu steuern und zu managen, die von ihren Nutzern geschätzt und anerkannt wird.

Das herkömmliche Geld bewegt sich leicht. Es geht überall hin und tut alles. Gemeinschaftswährungen bewegen sich auch leicht, wenn sie neue Wege für den Austausch erschließen. Aber sie bauen Beschränkungen ein: bestimmte Ziele, Größe des Handelsgebiets, Art der Mitgliedschaft, erwünschte Aktivitäten, Austausch-Regeln um faires Verhalten zu bestärken. Grenzen machen Gemeinschaftswährungen attraktiv für Menschen, die die Währung verwenden, um ihre Werte zu verbreiten: Gegenseitigkeit, Wertschätzung von Personen, Nachhaltigkeit, fair trade – und jeder einzelne Austausch macht diese Werte im Gemeinschaftsleben sichtbar. Dies ist ein ökologischer Zugang zum Währungs-Design.

 

Geld kann auch in seiner Verwendung eingeschränkt werden durch ethische Fonds, gemeinnützige Projekte, Mikrokredite, Kooperativen oder Sozialunternehmen aber es kann immer wieder aus der Region oder aus Projekten woanders hin abfließen. Gemeinschaftswährungen bleiben wo sie sind. Diese Begrenzung ermöglicht die gemeinsame Kontrolle von einem der mächtigsten Werkzeuge der Menschheit: von Währungen. Auf unserer Reise in eine nachhaltige Zukunft wird der Pass  „Gemeinschaftswährungen“ sicher mit dabei sein.

 

 

Verwandlung der Gemeinschaft

Eine Gemeinschaftswährung zur Welt bringen fördert die Sozial- und Wirtschaftsgerechtigkeit. Wir sind so abhängig von der Verfügbarkeit des Gelds in unserem persönlichen Leben und unserem lokalen Wirtschaften geworden, daß unsere Vorstellungskraft dabei oft verkümmert. Edgar Cahn, dem Erfinder des „time banking“ sagt: “Die wahre Preis den wir für Geld bezahlen ist die Art, wie es unseren Sinn für das Mögliche einschränkt – das Gefängnis, das es für unsere Vorstellungskraft errichtet.“

 

Sekai in Kapstadt ist nur einer von vielen, der seine Vorstellungskraft und die Austauschkraft genutzt hat, um seine Lebenschancen zu verbessern. Während Gemeinschaften weltweit ihr Potential erkennen um vorhandene Kapazitäten den jeweiligen Bedürfnissen anzupassen, werden Gemeinschaftswährungen ein Teil des Alltagslebens im 21sten Jahrhundert.

Autor: John Rogers, Value for People, www.valueforpeople.co.uk

Artikel auf Englisch auf der Internetseite von IM Magazine, Portugal: http://immagazine.sapo.pt/novostempos_novasmoedaseng/texto.html

Aus dem Englischen von Georg Pleger u. Sitara Enders

 

 

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