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Übersetzung von Robert Mittelstädt

Englische Original-Quelle: http://www.nytimes.com/2009/04/19/business/economy/19view.html
Übersetzung von Robert Mittelstädt


Meinung zur Wirtschaft:


Es ist vielleicht an der Zeit für die Fed
negativ zu werden


von N. GREGORY MANKIW


New York Times, 19. April 2009
Mit steigender Arbeitslosigkeit und einem Finanzsystem in heillosem Durcheinander ist es
derzeit nicht schwer, einen negativen Eindruck von der Ökonomie zu bekommen. Die
Antworten auf unsere Probleme könnten jedoch noch mehr ins Negative gehen. Aber ich
spreche hier nicht über unsere Einstellung. Ich spreche über Zahlen.
Beginnen wir mit den Grundlagen: Welches ist der beste Weg für eine Ökonomie, um aus
einer Rezession zu heraus zu kommen?
Bis vor kurzem haben sich die meisten Ökonomen auf die Geldpolitik verlassen.
Rezessionen sind das Ergebnis unzureichender Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen
- und daher, so die Schlussfolgerung, kann unsere Zentralbank den Mangel
behandeln, indem sie die Zinsraten senkt. Niedrigere Zinsraten ermutigen Haushalte und
Unternehmen, Geld zu leihen und es auszugeben. Höhere Ausgaben bedeuten grössere
Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, was wiederum zu mehr Beschäftigung von
Arbeitern führt, um die Nachfrage zu befriedigen.
Das heutige Problem scheint darin zu liegen, dass die Federal Reserve die Zinsrate
bereits so weit gesenkt hat, wie sie nur kann. Die Zinsrate für die Geldbasis ist etwa Null,
daher hat sie sich anderen Mitteln zugewandt, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, wie
dem Ankauf langfristiger Schuldverschreibungen. Aber die Wirksamkeit dieser Mittel ist
unsicher und sie sind mit Risiken verbunden.
In vieler Hinsicht befindet sich die Fed in unbekannten Gewässern.
Warum sollte die Fed also die Zinsraten nicht noch weiter senken? Warum nicht die
Vorgabe der Zinsrate auf, sagen wir, Minus 3 Prozent anstreben?
Bei dieser Zinsrate könnte man 100 Dollar leihen, ausgeben, und im Jahr darauf 97 Dollar
zurückzahlen. Diese Gelegenheit würde sicher die Kreditnachfrage und damit die
Nachfrage nach Gütern und Leistungen hervorrufen.
Das Problem mit negativen Zinsraten ist jedoch sofort zu erkennen: niemand würde unter
diesen Bedingungen sein Geld verleihen. Bevor man sein Geld einem Kreditnehmer gibt,
legt man sein Geld besser unter die Matraze. Denn das Halten von Geld verspricht eine
Rendite von exakt Null Prozent und weniger können die Verleiher nicht anbieten.
Es sei denn, wir finden irgendwie einen Weg, um die Geldhaltung weniger attraktiv zu
machen.
Auf einem meiner kürzlichen Harvard-Seminare hat ein graduierter Student eine clevere
Methode vorgeschlagen, mit der genau das erreicht werden kann. (Ich halte den
Studenten anonym. Für den Fall, dass er eine Karriere as Zentralbänker anstrebt, wäre
sein Name in Verbindung mit dieser Idee wahrscheinlich nicht hilfreich.)
Stellen sie sich vor, die Fed verkündet, dass heute in einem Jahr eine Losnummer mit
einer Ziffer von Null bis 9 aus einem Hut hervorholt würde. Alle Geldscheine, deren
Seriennummer mit dieser Ziffer endet, wären dann kein gültiges Zahlungsmittel mehr.
Ganz plötzlich wäre damit die zu erwartende Rendite für Geldhaltung Minus 10 Prozent.
Dieser Schritt würde für die Fed den Weg frei machen, die Zinsrate unter Null zu drücken.
Die Leute würden sich freuen, Geld für minus 3% zu verleihen, denn 3 Prozent zu
verlieren ist besser als 10 Prozent.
Natürlich könnten einige Leute auch beschliessen, dass sie ihr Geld bei solchen Zinsraten
lieber selber ausgeben - z.B. um sich ein neues Auto zu kaufen. Aber da die Ankurbelung
der Nachfrage genau das Ziel beim Absenken der Zinsrate ist, ist solch ein Anreiz kein
Fehler - sondern ein Gewinn.
Die Idee, dass Geld eine negative Rendite haben könnte, ist nicht vollkommen neu. Im
ausgehenden 19. Jahrhundert setzte sich der deutsche Ökonom Silvio Gesell für eine
solche Steuer auf Geldhaltung ein. Er machte sich Gedanken darüber, dass die Menschen
in Stresszeiten ihr Geld lieber horten, anstatt es zu verleihen. John Maynard Keynes
erwähnte diese Idee über eine Geldhaltesteuer und hielt sie für gut. In der Situation von
Banken, die übergrosse Reserven halten, erscheint Gesells Sorge über die Haltung von
Geld ganz plötzlich sehr modern.
Wenn das alles etwas ausserirdisch erscheint, gibt es auch einen einfacheren Weg, um
negative Zinsraten zu erreichen: durch Inflation. Nehmen wir in der Vorausschau an, dass
die Fed sich der Aufgabe widmet, eine bedeutsame Inflation zu produzieren. In diesem
Fall, während die nominalen Zinsraten auf Null blieben, würden die realen Zinsraten - also
die Zinsraten in Kaufkraft gemessen - negativ werden. Wenn die Menschen darauf
vertrauen könnten, dass sie ihre Nullzins-Darlehen mit abgewerteten Dollars zurückzahlen
könnten, dann hätten sie einen bedeutenden Anreiz, um sich Geld zu leihen und
auszugeben.
Eine Zentralbank, die es darauf anlegt, eine Inflation zu erzeugen, würde Ökonomen und
Beobachter der Fed schockieren, die die Preisstabilität als das primäre Ziel der Geldpolitik
betrachten. Aber es gibt schlimmere Dinge als eine Inflation. Raten Sie, was? Wir haben
das heute. Eine etwas höhere Inflation wäre einer höheren Arbeitslosigkeit vorzuziehen
oder einer Reihe fiskalischer Massnahmen, die den künftigen Generationen einen höheren
Schuldenberg hinterlassen.
Ben S. Bernanke, der Fed Vorsitzende, ist genau die richtige Person, um sich um diese
höhere Inflation zu bemühen. Mr. Bernanke ist seit langem ein Befürworter für das
Anstreben einer höheren Inflation. In der Vergangenheit betonten die Befürworter der
Inflation die Notwendigkeit, die Kontrolle über die Inflation nicht zu verlieren. Aber in der
gegenwärtigen Situation könnte ein höheres Inflationsziel sicher stellen, dass die reale
Zinsrate ausreichend negativ wird.
Die Idee negativer Zinsraten mag manchen Leuten absurd erscheinen, als das Gebräu
eines Theoretikers ohne Praxiserfahrung. Vielleicht ist es das. Aber denken Sie daran: in
alter Zeit hielten Mathematiker die Vorstellung von negativen Zahlen für absurd. Heute
sind solche Zahlen Allgemeingut. Sogar Kindern kann beigebracht werden, dass manche
Problemstellungen (z.B.: 2x + 6 = 0) keine Lösung haben, wenn man nicht bereit ist,
negative Zahlen einzuführen.
Vielleicht erfordern manche ökonomischen Probleme denselben Trick.
N. Gregory Mankiw ist Professor für Wirtschaft an der Harvard Universität. Er war Berater von
President George W. Bush.

 

Kommentar dazu von Tobias Plettenbacher - hier anklicken

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