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Vortrag am Montag, 2. Februar 2009 im Zukunftszentrum in Innsbruck

     

Bjorn Ludwig, Leiter des Zukunfszentrums Tirol begrüßte zum Vortrag über das Vorarlberger Zeitvorsorgemodell (Bild links). Gernot Jochum-Müller informierte über das System ebenso wie über die Motive, eine Komplementärwährung zu verwenden. 

Zeitvorsorge - ein ergänzendes Pflegesicherungsmodell

"Vorsorgen, ja klar - aber warum in Zeit? Warum geht das nicht Euro? Das werden wir immer wieder gefragt", leitete Gernot Jochum-Müller, Obmann des 1996 gegründeten Talente-Tauschkreises Vorarlberg seinen Vortrag über das ergänzende Pflegesicherungsmodell Evergreen ein. Der Grund dafür liegt in den Nebenwirkungen unseres Geldsystems, die wie in der Medizin nicht immer gewünscht sind.

Unser Geld ist Bankschuldengeld und entsteht durch Kreditvergabe.  Geld ist heute Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Wertmaßstab und Spekulationsinstrument und funktioniert nach von Menschen auferlegten Spielregeln. Diese führen zur Anhäufung von Geldvermögen in Händen weniger. Die staatliche Umverteilung von oben nach unten stockt durch neoliberale Politik und es kommt zu einer zunehmenden Polarisierung mit immer mehr Armut an der Basis bei immer größeren Vermögenswerten an der Spitze.

"Die Guthaben und damit die Schulden sind überproportional gewachsen. Das Brutto-Sozial-Produkt wächst wesentlich langsamer. Und die Nettoeinkommen, also die Realeinkommen der Beschäftigten sinken seit 1980", erklärt Jochum-Müller. Der Zinseszinseffekt als Wesensmerkmal unseres Geldsystems liegt dieser Entwicklung zugrunde, die durch die Spekulation mit virutellem Geld noch verschärft wird. Nur mehr ein ganz geringer Prozentsatz der umlaufenden Geldmenge dient der Realwirtschaft (Grafik links - zum Vergrößern Foto anklicken). Das angeheizte Wachstum führt regelmäßig zu Zusammenbrüchen und zur Instabilität des Systems. Die jetzige Krise entspringt mangelnder Transparenz und einer Fehlsteuerung der Geldmenge.

"Wir haben es also mit einem brisanten Cocktail zu tun: Zur Geldanhäufung kommt die demografische Entwicklung - der Anteil der älteren, nicht mehr im Erwerbsleben stehenden Menschen nimmt zu. Wir leben heute schon auf Kosten der Natur und vernachlässigen unser soziales Kapital, also die Fähigkeit, uns in der Gemeinschaft zu organisieren", stellt der Unternehmensberater fest und sieht in Komplementärwährungen Instrumente, um solchen Entwicklungen gegensteuern zu können.

Komplementärwährungen ticken anders...

"Komplementärwährungen sind andere Währungsformen, die in der Praxis zur Erreichung bestimmter Ziele bereits verwendet werden. Basis ist das Vertrauen in die Region und oft eine polare Ausrichtung zum bestehenden Geldsystem. Das Euro-System baut auf Knappheit des Tauschmittels und führt zu Konkurrenzverhalten. Zeitwährungen sind hingegen immer ausreichend vorhanden und begünstigen die Gemeinschaftsbildung. Zwischen diesen Polen existieren unterschiedliche Mischsysteme. Während im Tauschkreis zusätzliches Geld durch Leistung entsteht, ist das bei Euro-gedeckten Gutschein-Systemen nicht der Fall.

Wer beim Talente-Tauschkreis Leistungen bezieht, muss also nicht erst den knappen Euro verdienen, sondern kann durch eigene Leistung seinen wirtschaftlichen Spielraum erweitern und damit viele Dinge aus dem Bedarf des täglichen Lebens abdecken. So erhellte auch eine Umfrage unter den Mitgliedern deren Motivation. Die reicht von alternativ Wirtschaften, pflegen von Sozialkontakten über opportunistische Gründe bis hin zu politischer Mitbestimmung und Selbstverwirklichung. Dabei gilt für alle Tauschpartner natürlich das österreichische Steuerrecht: "Der Staat besteuert den Leistungsaustausch und Talent-Geschäfte werden dabei behandelt wie Euro-Transaktionen. Eine Ausnahme ist hier die Nachbarschaftshilfe sowie die gesetzlich definierte landwirtschaftliche Nachbarschaftshilfe. Fürs Zusatzeinkommen gelten die Zuverdienstgrenzen", stellt Jochum-Müller klar.  

Die positiven Effekte der Verwendung von Komplementärwährungen bleiben nicht auf den Einzelnen beschränkt, sondern wirken sich auf die ganze Gesellschaft aus. Als Beispiel dafür führte Jochum-Müller den Schweizer WIR-Franken an. Das 1934 gegründete, eins zu eins an den Franken gebundene Verrechnungssystem wird derzeit von rund 110.000 Unternehmen der mittelständischen Wirtschaft genutzt und wirkte über die Jahrzehnte nachweislich wirtschaftsbelebend bei schwacher Konjunktur: "Eine Arbeitslosenzunahme von 2 bis 3 % kann damit über Monate ohne staatliche Hilfe abgefedert werden."

Die Zielsetzung des Talente-Tauschkreises Vorarlberg

Zu den Zielen des Talente-Tauschkreises zählt, die Talente der Menschen zu nutzen und das soziale Kapital ebenso zu stärken wie die regionale Wirtschaft. Von kurzen Wegen und Ressourcen-Stärkung vor Ort profitiert die Umwelt. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist die Verantwortung über Generationen.

Mitmachen erhöht die Lebensqualität und ermöglicht Lernen fürs Leben anhand konkreter Projekte und Erfahrungen. Der Tauschkreis macht zudem die Effekte zinsfreien Geldes erlebbar und bringt Dualität ins Währungswesen.

"Es hat sich gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, alle Lebensbereiche dem Wettbewerb auszuliefern", bringt Gernot-Jochum Müller als weiteres Argument ins Rennen. 

Einem dieser Bereiche, der Altenbetreuung, widmete der Tauschkreis das Projekt Evergreen, das 2005 im Leiblachtal mit seinen 13.000 Einwohnern gestartet wurde. Nach einem tollen Start - 120 Leute kamen zur Auftaktveranstaltung -  erlebte das Projekt 2006 einen Rückschlag, nach einem Wechsel in der Geschäftsführung des Sozialsprengels eine Verflachung eintrat. "2008 erhielten wir den Auftrag vom Seniorenreferat des Landes Vorarlberg, das Projekt zu überarbeiten für den landesweiten Einsatz", freut sich Jochum-Müller.

Ausgangslage ist die Bevölkerungsentwicklung im Bundesland, die bis 2025 ein starkes Anwachsen der Bevölkerungsgruppe der Senioren bei Abnahme der Altersgruppe der Erwerbstätigen zeigt. "Daraus leitet das Land eine Verdreifachung der benötigten Mobilen Hilfsdienste ab", erläutert der Tauschkreis-Obmann. Was zwangsweise die Frage nach der Finanzierbarkeit nach sich zieht. 

"2007 waren in 52 Mobilen Hilfsdiensten insgesamt 1661 HelferInnen im Einsatz. Landesweit konnten 3.115 Personen in insgesamt 426.243 Stunden betreut werden", fügte Jochum-Müller hinzu, um einen Eindruck vom Volumen der benötigten Leistungen zu geben.

Für das Zeitvorsorge-Modell Evergreen im Leiblachtal stellt der Talente-Tauschkreis das Talent-Verrechnungs- und Gutschein-System zur Verfügung. Die personelle Abwicklung läuft über den Sozialsprengel. "Mit der Zielgruppe der 55jährigen und älteren sprechen wir eine neue Gruppe, die meist schon eine eigene Pension und eine andere Motivation hat, als Geld zu verdienen. Dieses Engagement bringt damit auch eine andere Qualität der Betreuung", erklärt Jochum-Müller und nennt ein praktisches Beispiel: "Irmgard ist 52 Jahre alt und betreut ca. 5 Wochen in der Stunde zwei ältere Menschen in der Nachbarschaft, die so länger zuhause bleiben können.  Bezahlt, unterstützt und vermittelt wird sie dafür vom Sozialsprengel Leiblachtal. Sie erhält 100 Talent je Stunde oder die Hälfte davon in Euro." Auch Pflegepersonal des Sprengels akzeptiert einen Teil der Bezahlung in Talent.

Durch die gleichbleibende Betreuung entstehen Beziehungen, längst nicht alles wird verrechnet - und gemütliches Café-Trinken und plaudern nach getaner Arbeit gehört vielfach auch dazu. Irmgard kann die Talente gleich durch Mitmachen im Tauschkreis nützen oder als Zeitvorsorge ansparen. Bis  zu 500 Stunden. "Das ist die durchschnittliche Zeit, die jetzt Mobile Hilfsdienste in Anspruch genommen werden", so Jochum-Müller.

Sollte in ihrer eigenen Familie nun jemand pflegebedürftig werden, kann Irmgard die Talente auch hier als Unterstützung verwenden. Sollte sie ihr angespartes Talentguthaben nicht aufbrauchen, so geht das Guthaben ins Erbvermögen. Und wechselt sie den Wohnort, kann sie die Guthaben mitnehmen oder sich in Euro ausbezahlen lassen. Dafür legt der Sprengel eine Euro-Rücklage an, die sich aus noch in Euro bezahlten Betreuungsdiensten speist.

Verlierer im System gibt es nicht. Und welchen Nutzen es über lange Zeit stiftet, wird sich in 15 bis 20 Jahren zeigen. Auf jeden Fall wirkt es der Armutsentwicklung entgegen. Von Zeitbanken in den USA liegen schon wissenschaftliche Untersuchungen vor, dass aktive Senioren länger fit bleiben. Die Krankenversicherung Elderplan akzeptiert Time Dollars. Senioren werden mit der Zeitwährung für die Instandhaltung der Heime bezahlt und können die Time Dollars zur Bezahlung der Heimgebühr verwenden.

Die doppelte Absicherung durch das ergänzende Vorsorge-Modell bringt Sicherheit - wobei Gernot Jochum-Müller Mauricio Wild von der equadorianischen Komplementärwährung Ecosimia zitierte: "Geld ist keine Sicherheit, nur die Gemeinschaft kann Sicherheit bieten."

Die Publikumsdiskussion

Fragen aus dem Publikum betrafen vielfach haftungs- und steuerrechtliche Fragen. Im Grunde sind Talent-Transaktionen gleich zu behandeln wie alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die in Euro abgerechnet werden. Der Nachteil dabei: Wenn Steuerpflicht besteht, muss diese aus gesetzlichen Gründen in Euro bezahlt werden. "In anderen Ländern wurde von den Regierungen bereits der gesellschaftliche Nutzen solcher Systeme erkannt und diese steuerfrei gestellt", weiß Jochum-Müller. Steuerfreistellung oder die Akzeptanz von Komplementärwährungen als Steuerzahlungsmittel stellen eine Förderungsmöglichkeit für Zeitvorsorge-Modelle dar, die die öffentliche Altersvorsorge entlasten.

Haftungsfragen im Zusammenhang mit Dienstleistungen, die in Talent bezahlt werden, sind wie bei Euro-Bezahlung zivilrechtlich zu klären: "Wir überlegten bereits eine Versicherung unserer Mitglieder. Aber das hätte die Mitgliedsbeiträge auf 70 bis 80 Euro jährlich vervielfacht, was schließlich von der Jahreshauptversammlung abgelehnt wurde." Auch die Gewährleistung ist Sache der Tauschpartner. "Das Statut sieht eine zweistufige Intervention beim Verein vor: Information des Vorstandes und Mediation sowie ein Schiedsgericht, das wir aber seit 1996 noch nie gebraucht haben", so Gernot Jochum-Müller.

"Was passiert mit der Euro-Rückstellung?" lautete eine weitere Publikumsfrage. "Dieses Geld abzusichern obliegt der Gemeinde, die das in Form einer Rückstellung macht", so Jochum-Müller. "Konkurrenzieren diese Betreuungsdienste nicht den Arbeitsmarkt?" lautete eine weitere Frage. Jochum-Müller: "Derzeit nicht - es ist niemand bereit, dieses Geld auszugeben, das zeigt sich ja auch bei der sogenannten Osthilfe. Die öffentliche Hand hat dafür kein Geld und die Haushalte auch nicht. Ich gehe davon aus, dass es in Zukunft beides geben wird."

Anstatt auf die allgemeine Entwicklung und Lösungen von oben zu warten, nehmen die Vorarlberger ihre Altersvorsorge mit einem inflationssicheren Zahlungsmittel - der Zeit - eben selbst in die Hand. Das große Interesse bei der Informationsveranstaltung im Zukunftszentrum lässt hoffen, dass es ihnen Menschen in anderen Bundesländern nachmachen werden.

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