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Regionaldiakon als "sozialer Kreditvermittler": Carlo Neuhuber

"Grünes Geld ist bei uns in Steinbach kein pfarrliches Unternehmen, sondern hängt mit meiner regionalen Tätigkeit als Diakon zusammen", erklärt Carlo Neuhuber, Diakon und Pastoralassistent. Der vierfache Familienvater lebt im alten Pfarrhof in Steinbach an der Steyr und übt neben seinen seelsorglichen Tätigkeiten in der Pfarre zahlreiche Aufgaben im Dekanat Molln und in der Region Pyhrn-Eisenwurzen in Oberösterreich aus. Dazu zählt die Mitwirkung in der Ökumenischen Initiative 98+, die das ausgezeichnete  Projekt "Z´sammsitzen" und "Leben gewinnen" der Modellregion für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften in Steyr/Kirchdorf umsetzte (ausführliche Info dazu hier).  Diakon Neuhuber bearbeitet u.a. die Themen Kirche und Lokale Agenda 21, Global Marshall Plan, betreut Rumänienprojekte und ist in der Jugendarbeit aktiv.

Das Motto des "Z´sammsitzen"-Leitprojektes "durchs Reden kumman de Leut z´samm" bildet auch die Basis des "Grünen Geldes": Denn als erstes kommt Diakon Neuhuber ins Gespräch mit den Menschen. So erfährt er von Betroffenen oder von Dritten von Notlagen und lernt Menschen kennen, die ihr Geld ohne große Gewinnerwartung verleihen.

Zuerst wird die Gesamtsituation der in Not geratenen Person oder des Kleinbetriebes besprochen. Wenn sich im Zuge dieser Überlegungen, zu der bei Bedarf auch Finanzfachleute beigezogen werden, herausstellt, dass mit "Grünem Geld" geholfen werden kann, macht sich der Diakon auf die Suche nach Geldgebern. Zu den Kriterien für die Unterstützung zählt der Erhalt von Arbeitsplätzen.

Grünes Geld vermindert die Finanzierungskosten und motiviert

"Diese Form der Unterstützung geht nur dort, wo der Schulder Schulden bei einer Bank hat", so Neuhuber. "Der Geldgeber - oder ich als Treuhänder - gibt dann das Geld der Bank und bekommt dafür eine Bankhaftung, das heißt, dass der Geldgeber innerhalb einer gewissen Zeitspanne sein Geld plus Wertsicherung oder niedrigster Fixverzinsung zurück erhält. Bei uns ist das meist fünf Jahre", erklärt der Diakon. "So ist der Geldgeber immer gedeckt. Sein Geld kann er nicht verlieren, für die Bankhaftung ist ein minimaler Betrag zu bezahlen. Für die Geldgeber bedeutet das meist einen realen Verlust, aber diese Unterstützung ist ihnen etwas wert."

Der Geldgeber braucht sich durch die Bankgarantie auch keine Sorgen über die "Rückzahlungsmoral" der Kreditnehmer machen. Das bleibt bei der Bank, die den Kredit ursprünglich vergeben hat. Die Einlage des Geldgebers vermindert die Kreditkosten für den Schuldner. Der Vorteil für den Schuldner liegt bei "Grünem Geld" auf der Hand: "Für die offene Schuld ist für die ausgemachte Laufzeit nur das entliehene Kapital und die Wertsicherung oder eine niedrige Fixverzinsung zu bezahlen. Der Schuldner braucht nicht die wesentlich höheren Kreditkosten zu tragen, und für das gleichzeigtige Ansparen erhält er noch Sparzinsen."

Zusätzlich wird mit den Schuldnern meistens noch ein Zusatzabkommen über die Art der Rückzahlung abgeschlossen. "Das ist meistens das Ansparen auf ein gut verzinstes Sparbuch. Die Guthabenzinsen darf der Schuldner sich dann auch behalten. Meistens vereinbaren wir noch in regelmäßigen Abständen Begleitgespräche, vor allem bei Kleinunternehmen", so Neuhuber.

Das System basiert auf dem Vertrauen in den Diakon und das Netzwerk, das er sich aufgebaut hat. "In der Regel ist es so, dass Schuldner und Geldgeber nichts voneinander wissen. In so überschaubaren Gebieten wäre das nicht gut", ist Neuhuber überzeugt, der als Kontaktperson die Funktion des Treuhänders übernimmt. Er vernetzt sich mit Vertrauenspersonen im Ort, dem Seelsorgeteam, dem Bürgermeister und Altbürgermeister.

"Grünes Geld" stellt aber nicht nur eine materielle Hilfe dar, wie Neuhuber erfahren hat: "Es ist auch eine psychologische Unterstützung für die Menschen. Sie wissen - da ist jemand im Ort oder im Nachbarort, der Geld verschenkt. Bei entsprechender Veranlagung könnte er damit viel mehr herausholen. Aber der Geldgeber verzichtet darauf, um anderen in seiner Umgebung ein Stück weit zu helfen."

Während der vergangenen 12 Jahre betreute Diakon Carlo Neuhuber im Schnitt fünf bis sieben Schuldner, derzeit sind es sechs. Als "Grünes Geld" waren Summen zwischen 60.000 und 89.000 Euro in Umlauf. Die wertvolle Arbeit des Seelsorgers als "sozialer Kreditvermittler" spricht sich auch bei Geldgebern herum: "Vergangenen Samstag wurden mir von einem Geldgeber 20.000 Euro angeboten", freut sich Neuhuber.

Grünes Geld als kostengünstige Zwischenfinanzierung für öffentliche Projekte

Nach den vielen positiven Erfahrungen im privaten Kreditbereich denkt Carlo Neuhuber weiter: "Es könnte durchaus Sinn machen, Zwischenfinanzierungen für öffentliche Projekte wie Schulen, Gemeindezentren oder Kirchenrenovierungen im ländlichen Raum auf diese Art kostengünstig abzuwickeln."

Eine spannende und lohnende Idee, besonders in Zeiten, in denen aufgrund der weltweiten Finanzkrise mit steigenden Finanzierungskosten am Finanzmarkt gerechnet werden muss. Neuhuber: "Meistens müssen öffentliche regionale Projekte mit Überbrückungskrediten zwischenfinanziert werden. Hier können die BürgerInnen ihrer Gemeinde beim Sparen von Finanzmarktkosten helfen", so Neuhuber, der die ganze Sache auch gleich selbst bei der anstehenden Renovierung des Kirchturmes ausprobieren will. 

 



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