Kommentare (0)

Erfahrungsaustausch und Vernetzung - Österreichs Tauschsysteme arbeiten stärker zusammen

 

Gruppenfoto zum Abschluss des österreichweiten Treffens der Tauschsysteme in Salzburg mit Teilnehmern aus allen Bundesländern.

Nützliche Ratschläge für den Tausch-Alltag

Tauschen statt kaufen - immer mehr Menschen in Österreich entdecken für sich die Vorteile der Mitgliedschaft in einem Tauschsystem. Tauschen schafft neue Werte - auf sozialer Beziehungsebene ebenso wie bei ganz materiellen Dingen. Wer sich auf seine Talente besinnt und seine persönlichen Fähigkeiten einbringt, erweitert seinen Aktionsradius und erfährt Wertschätzung. Wirtschaften im Austausch mit Nachbarn stärkt die regionale Wirtschaft und die sozialen Netzwerke, wirkt gemeinschaftsbildend über Generationen hinweg.

An Österreichs Tauschsystemen - derzeit sind ungefähr 35 registriert - nehmen Tausende Menschen teil. Beim Treffen der Tauschsysteme in Salzburg widmete man sich im Erfahrungsaustausch ganz praktischen Ansätzen für die alltägliche Abwicklung. Schließlich muss das Rad nicht jedesmal neu erfunden werden, man kann von den Erfahrungen anderer profitieren.

Gernot Jochum Müller, in der Leitung des Vereins za:rt sowie des Talente-Tauschkreises Vorarlberg zählt zu Österreichs Tauschsystem-Spezialisten mit umfangreichem Fachwissen zum Thema.

Am Vormittag diskutierten die Teilnehmer über steuerrechtliche Aspekte beim Anbieten von Waren und Dienstleistungen, wobei in Österreich durch die Steuer- und Gewerberechtsgesetzgebung hier klare Einschränkungen im Leistungsumfang gegeben sind. "Nachbarschaftshilfe ist im Gesetz nur einmal erwähnt - und zwar wenn ein Bauernhof abbrennt und die Nachbarn beim Wiederaufbau helfen", weiß Gernot Jochum-Müller, Sprecher des Tauschkreises Vorarlberg. Die Steuerpflicht beginnt da, wo Tätigkeiten wiederholt, mit Gewinnabsicht und in gewerberechtlich festgelegten Tätigkeitsbereichen erbracht werden.

Für die Steuerpflicht gelten unterschiedliche Freibeträge und Zuverdienstgrenzen. Auch darauf sollte bei der Tätigkeit im Tauschkreis Bedacht genommen werden. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht - im Zweifelsfall sollten sich Mitglieder also von der Tauschkreisleitung beraten lassen. "Baut euch ein Netzwerk auf, in dem Berater dabei sind. Sehr hilfreich sind oft die Rechtsberater der Arbeiterkammer", riet Gernot Jochum-Müller den Tauschsystemen.

Einen Ratschlag gibt´s auch noch für alle Tauschgruppen, die sich nicht auf Vereinsbasis  zusammenfinden: "Wer kein Verein ist, gilt nach dem Gesetz als Arbeitsgruppe, und das wird als Gesellschaft bürgerlichen Rechts gewertet. Hier ist jeder, der mitmacht, persönlich voll in der Haftung", so Jochum-Müller.

Praktische Tipps aus der Steiermark

Nicht immer läuft alles glatt im Tauschkreis - davon berichtete Willi Gürtler vom 1995 gegründeten Talente-Tausch Graz. Als Gemeinschaft von Idealisten achtete man jahrelang nicht so genau darauf, was eigentlich in den Statuten steht und ob diese noch zeitgemäß sind. Willi Gürtler übernahm den Verein vor Jahren mit 80 Mitgliedern, der mittlerweile auf einen Mitgliederstand von 300 angewachsen ist. Bis 2006 lief alles rund. Bis ein enttäuschtes Mitglied in die Rechnungsprüfer-Funktion gewählt wurde. Dieser ortete Mängel, deckte die Vereinsführung schließlich mit Klagen ein.

"Die Staatsanwaltschaft hat den Akt zurückgelegt", berichtete der Obmann über die aktuellste Entwicklung und leitete aus den ganzen Vorfällen einige Ratschläge ab: "Klären Sie ab, ob Ihre Initiative ein eingetragener Verein oder eine Interessensgemeinschaft ist. Achten Sie bei der Besetzung der Rechnungsprüfer auf die Auswahl der Personen. Seit 2005 kommt laut neuem Vereinsrecht dieser Funktion wesentlich mehr Bedeutung zu als vorher. Wenn Sie Vereinsstatuten haben, sehen Sie sich diese genau an, ob sie dem Tätigkeitsbereich entsprechen oder zu korrigieren sind - und schieben Sie Korrekturen nicht jahrelang vor sich her." Diese und weitere Tipps wurden protokolliert, um sie den Tauschinitiativen zugänglich zu machen.

Um den Informationsaustausch unter den Tauschsystemen zu verbessern, soll künftig ein Service-Teil auf der Vernetzungsplattform za:rt für die bessere Vernetzung der Initiativen intern eingerichtet werden.

Beispiele aus dem Tauschkreis-Alltag wurden bei der Versammlung von den Teilnehmern vorgebracht und diskutiert.

Wenn Unternehmen tauschen: Barter für Profis

Was der Tauschkreis auf privater, ist Barter auf Unternehmensebene. Dr. Ralf Gruber (rechts im Bild) vom steirischen Familienbetrieb GIT stellte die zinslosen Ein- und Verkaufsmöglichkeiten mittels Barter vor. Das Dienstleistungsunternehmen tritt als Vermittler der Tauschgeschäfte auf, die Verrechnung der Dienstleistungen oder Waren erfolgt ähnlich wie beim Tauschkreis über eigens geführte Konten. Zu den fast 300 Mitgliedern des Barter-Betriebes zählt auch ein Tauschkreis: "Auf diese Weise können Tauschkreismitglieder Barter-Leistungen in Anspruch nehmen, z.B. den Druck von Broschüren oder Hotelbuchungen", erklärte Dr. Gruber. Die Zusammenarbeit mit dem Tauschkreis Graz besteht seit 2004 und zeigt eine ausgewogene Bilanz. Als Umrechnungsschlüssel zwischen Talent und Euro gilt, dass ein Talent - das einer Stunde entspricht -  mit acht Euro bewertet wird. Infos zu GIT gibt´s auf der Website http://www.gitrade.com

Viel Neues aus dem Ländle - erstmals Kooperation mit einer Gemeinde

Der Talente Tauschkreis Vorarlberg ist mit rund 690 Konten, die durchschnittlich von 1.500 bis 1600 Leuten in acht Regionen genutzt werden, derzeit das größte Tauschsystem Österreichs und gilt in vielen Bereichen als Vorreiter und Vorbild. Der Umsatz betrug 2007 2,4 Millionen Talente. Gernot Jochum-Müller berichtete beim Tauschkreistreffen über die neuesten Entwicklungen.

Seit Sommer 2007 besteht die Onlineplattform auf Cyclos-Basis. "Etwa ein Drittel der Mitglieder nutzt die Onlineplattform selbst", so Jochum-Müller. Die Marktzeitung, in der Angebote und Nachfragen regelmäßig veröffentlicht werden, besteht weiterhin und verzeichnet jetzt um ein Drittel mehr Einträge: "Cyclos und die ergänzenden Tools erleichtern viele Abläufe. Die Arbeit im Serviceteam konnte besser verteilt werden."

Die Vorarlberger sind offenbar auch beliebtes Ausflugsziel für "Talentierte" aus anderen Regionen: "Wir mussten den Einkauf von Mitgliedern aus anderen Tauschsystemen bei uns stark einschränken, da wir die vereinbarte Grenze an fremden Talenten im Tauschsystem sonst überschritten hätten", berichtete Jochum-Müller und wies damit einmal mehr auf die Notwendigkeit der überregionalen Zusammenarbeit und Regelungen diese betreffend hin.

Bewährt hat sich beispielsweise die Kooperation des Tauschkreises Graz mit dem Tauschkreis Vorarlberg hinsichtlich von Übernachtungsmöglichkeiten.

Langenegger Talente ab Mai 2008

"Im Mai startet das Gemeindeprojekt Langenegger Talente", freut sich Jochum-Müller über die erste Ortsgruppe des Talente-Tauschkreises Vorarlberg. Die Langenegger Talente sollen regionale Leistungen und Produkte besser mit regionalen Kunden verbinden. Ausgegeben werden die Gutscheine im Wert von 1, 5, 10, 50 und 100 Euro von der Raiffeisenbank und dem Postlädele. Bei einem monatlichen Abo spart sich der Konsument bei jedem Einkauf im ersten Jahr 5 Prozent. Die Gutscheine, die auch als Geschenkgutscheine beworben werden, können gegen einen Abschlag von 10 % in Euro rückgetauscht werden. Die Rücktauschgebühr kommt Projekt im Ort zu Gute. "Die Gemeinde zahlt auch Förderungen künftig in Talenten aus", so Jochum-Müller. Weitere Infos zum Projekt auf www.langenegg.at

"Eine Untersuchung der FH Vorarlberg ergab, dass ein Drittel der Gemeinden mit dem Talente-Tauschkreis in Kooperation treten möchte. Schwerpunktthemen sind Soziales, Umwelt und teilweise die Nahversorgung", teilte Gernot Jochum-Müller mit.

Genossenschaftsgründung

Im Herbst 2007 gründeten 30 Mitglieder die Talente Genossenschaft, die Aufgaben des Vereins betreffend steuerrechtliche und gewerberechtliche Fragen sowie Anstellungen übernimmt. Sie wickelt das Talente-Gutscheinsystem ab und entwickelt Geschäftsfelder in der regionalen Wirtschaft auf Talente-Basis. Derzeit werden z.B. eine Stückholzbörse (Verbindung von Landwirten und Konsumenten) und  gemeinsame Marktstände bei Wochenmärkten oder Kunsthandwerksmärkten besprochen.

Gute Erfahrungen sammelte der Tauschkreis Vorarlberg mit dem 2006 gestarteten Modellprojekt, Talente-Gutscheine gegen Euro zu verkaufen. Bis Ende 2007 wurden um rund 8000 Euro Gutscheine gekauft. Die Einlösung erfolgt zu 100 % in Talente. Genutzt wurden diese hauptsächlich von Nicht-Mitgliedern, um am System teilzunehmen. Was allerdings auch zu neuen Mitgliedern führte.

Vernetzungplattform für komplementäre Währungssysteme: der Verein [za:rt]

Der Verein [za:rt] wurde als Vernetzungsplattform und zur Förderung und Entwicklung komplementärer Währungssysteme im deutschsprachigen Raum gegründet. Zu den aktuellen Projekten zählt die Weiterentwicklung der Open Source Software Cyclos für die speziellen Bedürfnisse der verschiedenen Komplementärwährungssysteme.

 

"In etwa sechs Wochen erscheint eine neue Cyclos-Version, die von uns wieder auf deutsch übersetzt wird", kündigte Gernot Jochum-Müller an. Die Software wurde ursprünglich von STRO entwickelt und wird von einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter betreut und weiterentwickelt.

Der Verein bietet zudem ein "3 Länder Clearing"-System zur Verrechnung in unterschiedlichen Systemen an. Zudem unterstützt durch kostenloses Hosting von Cyclos den Aufbau eines Jugend-Tauschrings einer Gruppe im süddeutschen Raum. Weiter Infos: www.zart.org

Timesozial - Projektstart im März 2008

Am 12. März 2008 fand in Ried i. I. mit 200 Besuchern die Auftaktveranstaltung für das länderübergreifende LA21-Projekt Timesozial zwischen Oberösterreich und Bayern statt. TIMEsozial ist ein soziales Zeittauschsystem  für organisierte Nachbarschaftshilfe: Wer anderen 1 Stunde hilft, erhält einen Zeitgutschein und kann damit wieder 1 Stunde Hilfe beziehen. Die Zeitbörse gliedert sich in drei Bereiche - die Nachbarschaftshilfe und die in Planung befindlichen Bereiche Wirtschaftsnetz und Altersvorsorge. "Das Modell wurde von einer Arbeitsgemeinschaft aus 15 Leuten in etwa 1000 Stunden ausgearbeitet", erklärte Initiator Tobias Plettenbacher, der bei dem Tauschsystem-Treffen sein druckfrisches Buch "Neues Geld - Neue Welt" präsentierte. Weitere Infos zu TIMEsozial: http://www.timesozial.org

Gernot Jochum-Müller und Tobias Plettenbacher von TIMEsozial mit den Zeitgutscheinen. Tobias Plettenbacher (rechts) präsentierte sein Buch über Komplementärwährungen unter dem Titel "Neues Geld - Neue Welt".

John Rogers zu Besuch beim Tauschsystem-Treffen

Um einen Überblick über die österreischischen Tauschsysteme zu erhalten, besuchte John Rogers (Bild rechts)  das Treffen in St. Virgil. Er befasst sich seit 15 Jahren intensiv mit Komplementärwährungen. Er gründete 1993 das erste LETS-System (lokales Austausch- und Handelssystem) in Großbritannien und baute maßgeblich das Wales Institute for Community Currencies (Institut für Gemeinschaftswährungen in Wales) auf, das er seit 2003 als erster Direktor leitete. Seit 2007 arbeitet er als Berater, Trainer und Sprecher von Komplementärwährungsinitiativen. John Rogers  verfasst derzeit ein Handbuch über Komplementärwährungen und bietet  Workshops für  Komplementärwährungsdesign an.  Das Ziel des Währungs-Workshops ist es, neue Währungen anhand klar formulierter Ziele zu schaffen. Dazu gehört eine Analyse der Ausgangslage ebenso wie das Definieren von klaren Zielen. Der Workshop vermittelt methodisches Vorgehen, erstellt eine Strategie zur Umsetzung und  prüft das Vorhaben auf Nachhaltigkeit. Besondere Bedeutung kommt dem Training und der Betreuung der WorkshopteilnehmerInnen zu.  John Rogers reichte die Ausbildungsinitiative für Währungsdesign auch zum Michael Unterguggenberger Preis 2007 ein.

Infos zum Workshop im Internet: www.valueforpeople.co.uk

Arbeitsgruppe Neues Geld für Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying

Ein Resultat des Tauschsystem-Treffens in St. Virgil ist die Gründung der Arbeitsgruppe  Neues Geld, die sich mit dem Thema Öffentlichkeitsarbeit und Lobbying für Komplementärwährungssysteme befassen wird. In dieser arbeiten Tobias Plettenbacher von TIMEsozial, Georg Pleger und Barbara Wackerle von der Tiroler Stunde, Komplementärwährungsexperte Rudo Grandits, Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger Institut und Ralf Meyer vom Talente-Tausch Graz mit. Informationen zum Thema Geld und Komplementärwährungen sind seit 2007 auf www.neuesgeld.com erhältlich.

Die neu gegründete Arbeitsgruppe Neues Geld, hier abgebildet mit John Rogers (rechts hinten): vorne Barbara Wackerle und Ralf Meyer, hinten Tobias Plettenbacher, Georg Pleger, Rudo Grandits und Veronika Spielbichler (v.l.).

Text und Fotos: Veronika Spielbichler/Unterguggenberger Institut

Nicht angemeldet.