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Rezension von Prof. Dr. Max Otte

Buchbesprechung

„Wie der Nil in der Wüste – der moderne Feudalismus in Deutschland (Meudalismus)“ von Rechtsanwalt Harald Wozniewski

Von Prof. Dr. Max Otte

Der Karlsruher Rechtsanwalt und Querdenker Harald Wozniewski hat ein Buch zu den ökonomischen Zuständen in Deutschland geschrieben und im Selbstverlag als Book on Demand veröffentlicht (bei www.amazon.de erhältlich, ISBN: 978-3-8334-9717-9.)

In seiner Schrift entwickelt Wozniewski die These vom modernen Feudalismus: Geld und Vermögen sind immer ungleichmäßiger verteilt. Immer weniger Menschen haben immer mehr. Zum Schluss ist der Geldstrom sehr mächtig und tief, erreicht aber immer weniger Menschen. Dafür hat Wozniewski den Begriff der Nilwirtschaft geprägt, in der wir uns nach seiner Auffassung schon längst befinden.

Superreiche können ihr Einkommen beim besten Willen nicht mehr konsumieren, sondern legen es wieder in ‚gewinnbringendem Kapital’ an. Damit wird sowohl die weitere Entwicklung als auch die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft gebremst beziehungsweise erhöht.

Wozniewski zieht für seine These eindrucksvolle Argumente zu Rate: Zählen Sie zum Beispiel einmal Ihr gesamtes Bargeld und ihre Kontoguthaben (nicht aber Termingelder etc.) zusammen. Wenn Sie jederzeit

 

Bargeld und Kontoguthaben in Höhe von 23.347 €

vorhalten, hätten Sie eine durchschnittliche Menge Geldes auf Ihrem Konto. Rechnen Sie die Termingelder und Spareinlagen hinzu, müssten Sie

 

Gelder und Spareinlagen in Höhe von 47.042 €

besitzen. Gehören Sie zum Durchschnitt? Wenn Sie weniger als 50% dieser Summe auf dem Konto haben, sind Sie nach Wozniewski arm (und hierbei zählen nicht die anderen Vermögensgegenstände).

Textzitat Harald Wozniewski: „Wie der Nil in der Wüste“

Im Jahr 2003 hatte ich die so berechneten Einkommen der Reichen einmal mit den Personalkosten des Bundesverfassungsgerichts verglichen. Das Bundesverfassungs- gericht ist deshalb besonders interessant, weil mit den hohen Richtern dort ein guter Maßstab dafür existiert, wie hoch der Lohn für eine höchstqualifizierte Arbeit sein kann. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts verdienten rund 120 000 € im Jahr. Die Personalkosten 2003 für das gesamte Bundesverfassungsgericht betrugen laut Haushaltsplan des Bundes 13.099.000 €. Laut Auskunft des Bundesministeriums der Finanzen waren hierbei 93 Richter und Beamte, 62 Angestellte, 10 Arbeiter und 66 Hilfskräfte, also 231 Menschen erfasst. Demgegenüber lag das nach obiger Methode berechnete durchschnittliche Jahreseinkommen jedes Einzelnen der 100 reichsten Deutschen des Jahres 2003 bei 123.149.485 € — wohlgemerkt ohne die im Absatz zuvor berechnete Steigerung. Noch einmal übersichtlich zum Vergleich:

 

231 (Richter, Beamte und Angestellte des Bundesverfassungsgerichts) verdienen 13.099.000 €, das sind durchschnittlich 57.706 € pro Person.

 

Jeder der hundert reichsten Deutschen verdient hingegen 123.149.485 € (einhundertdreiundzwanzig Millionen einhundertneunundvierzig Tausend vierhundertfünfundachtzig) pro Jahr.

 

Der Stundenlohn von Karl Albrecht beträgt z.B. 451.000 Euro, der von Susanne Klatten 217.000 Euro.

Mittlerweile besitzen 95 Prozent der Deutschen weniger als die Durchschnittsgeldmenge. Das Geld staut sich – zwangsläufig – bei den Superreichen. Eine Konsequenz der immer ungleicheren Verteilung der Vermögensverhältnisse ist der starke Rückgang der Mittelschicht, eines der vielen Symptome das Ladensterben. Im März 2007 hat der Verfasser alleine in der Innenstadt von Karlsruhe 93 leerstehende Läden erfasst und kartographiert.

Wozniewski diskutiert im letzten Teil seines Buches die verschiedensten Lösungsansätze der Politik, die nach seiner Meinung alle versagt haben (und da ist ja einiges dran). Auch mit dem Vorschlag einer durch eine Konsumsteuer finanzierten Mindesteinkommens von Götz Werner geht er – zu Recht – sehr kritisch ins Gericht. Dieser Vorschlag würde nur die Stellung der Meudalherren, der „modernen Feudalherren“, stärken, da ihre Einkommensquellen in keiner Weise berührt werden.

Wozniewskis Vorschlag: Die Beschränkung von inländischem gewinnbringendem Vermögen bei natürlichen Personen! Das ist so, als ob es beim Monopoly eine Obergrenze des Vermögens gäbe. In diesem Fall kann auch nie ein einziger Spieler übrig bleiben, das Spiel würde ewig weitergehen, die Geldversorgung der Wirtschaft wäre gesichert. Wozniewski schließt mit einer ökonomischen und juristischen Würdigung seines Vorschlags.

Insgesamt enthält die Schrift eine Vielzahl von kritischen Denkanstößen und Fakten. Der Lösungsansatz ist im Prinzip interessant, wird sich aber kaum durchsetzen lassen.

Fazit: Lesenswert!

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