Veranstaltungsdoku > Unterguggenberger Preis für STRO-Projekt in Brasilien
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Preisverleihung am 25. Oktober 2007 in Wörgl
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Einen Gewinner, aber keine Verlierer gab es beim Michael Unterguggenberger Preis 2007. Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Institutes gratulierte allen Projekteinreichern, die zur Preisverleihung gekommen waren - von links Helmut Mayr von der Lernwerkstatt Zauberwinkl in Wörgl, Georg Pleger von ATTAC und Koordinator der Tiroler Regionalwährung "Tiroler Stunde", Preisträger Henk von Arkel von STRO sowie Rudo Grandits, der ausarbeitete, wie eine Energie gedeckte Regionalwährung eingeführt werden kann. Foto: WEST.Fotostudio/David Steinbacher


1983 wurde der „Michael Unterguggenberger Preis“ erstmals von der Stadt Wörgl für die beste finanzpolitische oder wirtschaftliche Idee vergeben. Im Rahmen des Freigeldjahres 2007 erfolgte nun neuerlich die Auslobung des Michael Unterguggenberger Preises, dotiert mit 5000 Euro, wobei die Kriterien erweitert wurden auf die Umsetzung und Öffentlichkeitswirksamkeit von Projekten.

Ziel der Ausschreibung war es, möglichst viele Ideen und Ansätze zu sammeln, die zur Bewusstseinsbildung rund um die Funktionsweise von Geld beitragen und die Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweise ergänzender Zahlungsmittel aufzeigen. Mit der Weitergabe dieser Informationen will das Unterguggenberger Institut Wörgl in der Tradition des Wörgler Freigeldes als Drehscheibe für Informationen rund um das Thema Regiogeld und Komplementärwährung forcieren.

In der Tradition des Wörgler Freigeld-Bürgermeisters Michael Unterguggenberger stand auch der Auftakt des Gala-Abends: Die Innberger Tanzlmusik der Landesmusikschule Wörgl spielte einen Ländler aus der Feder Unterguggenbergers, der selbst begeisterter Musikant war. Die Preisverleihung  am Vorabend des österreichischen Nationalfeiertages bildete auch den Rahmen für die CD-Präsentation "Freigeldjahr 2007" mit der Komposition "Wörgler Freigeld" des Tiroler Komponisten Werner Pirchner.

Vor versammeltem interessierten Publikum, Projektbewerbern, Jurymitgliedern und Vertretern der Stadtgemeinde Wörgl sowie der Sparkasse Kufstein/Wörgl, die das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro stiftete, stellte Veronika Spielbichler, Obfrau des Unterguggenberger Institutes, alle 12 eingereichten Projekte vor. Kurzbeschreibungen der Projekte, die in den nächsten Wochen ausführlich auf der website www.unterguggenberger.org vorgestellt werden, finden Sie hier...
Übersetzung der Projekt-Kurzinformationen auf englisch > English - the submitted projects - click here
 

Den Preisträger aus diesen zwölf Projekten zu ermitteln stellte die Jury vor keine leichte Aufgabe. „Es waren so viele interessante Ansätze dabei, so dass mir eine Differenzierung wirklich schwer gefallen ist“, kommentiert Univ.-Prof. Dr. Gerhard Senft vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Wirtschaftsuniversität Wien seine Bewertung. Er ist einer von zehn JurorInnen, die nach festgelegten Kriterien mittels Punktesystem das beste Projekt herausfilterten.

Bewertet wurden von der zehnköpfigen Jury  nicht nur wirtschafts- und finanzpolitische Ideen wie 1983, sondern auch deren praktische Umsetzung, Aktualität, soziale Aspekte, Nachhaltigkeit, Kreativität sowie die Neuartigkeit und der Informationsgehalt hinsichtlich Bewusstseinsbildung zum Thema Geld und Komplementärwährung.

Vor der Preisübergabe erklärte Vorstandsdirektor Mag. Reinhard Waltl von der Sparkasse Kufstein/Wörgl die Motivation der Bank, das Preisgeld zu stiften: "Vordergründig könnte man nun fragen, warum gerade eine Bank einen Preis unterstützt, der die Freigeld-Idee zum Inhalt hat. Sieht man sich aber die zehn Bewertungskritrien des Unterguggenberger Preises an, so fällt auf, dass neben so wichtigen Aspekten wie Nachhaltigkeit, praktische Umsetzbarkeit, sozialer Aspekt und Netto-Wohlstandssteigerung das Ziel der Gemeinwohlorientierung explizit hervorgehoben wird. Und genau dieses Gemeinwohl ist es, das uns an einem Strang ziehen lässt."

Grußwort der Sparkasse > hier anklicken


"And the winner is -The local Currency-Microcredit-System Brasilien"

Trotz der großen Bandbreite und der Vielfalt der eingereichten Projekte war sich die Jury im zweiten Wertungsdurchgang über den Preisträger einig: Das von der STRO-Group entwickelte und bereits umgesetzte Mikrokredit-System unter Einbeziehung lokaler Währungen in Porto Alegre, Brasilien. Als Vertreter der Social Trade Organization war Henk van Arkel aus den Niederlanden angereist.

Die STRO-Group versteht sich als  Netzwerk von Organisationen mit Hauptsitz in den Niederlanden und zahlreichen Partnern in Lateinamerika, die ergänzende Währungs- und Verrechnungsysteme als Wirtschaftshilfe in armen Regionen entwickeln und umsetzen. Die Social Trade Organization ist eine Forschungs- und Entwicklungseinrichtung, die seit mehr als 30 Jahren forscht und seit über fünf Jahren bemüht ist, die Theorie auch in die Praxis umzusetzen. STRO arbeitet wie Greenpeace als Dachorganisation und vereint mittlerweile auch Initiativen in Asien, Spanien und Australien. "Wir sagen nicht, dass wir die Lösung haben, aber wir lernen aus der Vergangenheit und wollen verantwortungsvoll die Zukunft gestalten", erklärt Henk van Arkel die Philosophie von STRO.


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Rubi - die Lokalwährung im District Rubem Berta - rechts: der Rubi-Markt im Sommer. Fotos: STRO

Das Siegerprojekt:

STRO entwickelte ein Mikrokredit-Finanzierungskonzept unter Einbeziehung lokaler Währungssysteme. Die Kleinstkredit-Organisation ICC innerhalb des Programms „Credimicro“ der Entwicklungsbank des brasilianischen Bundesstaates Rio Grande do Sul bietet zielgruppengerecht maßgeschneiderte Mikrokredite in drei Formen an: Als herkömmlichen Mikrokredit in nationaler Währung zu üblichen Konditionen, Mikrokredite in lokal gültiger Währung und Mikrokredite in Form einer virtuellen Verrechnungseinheit, die in nationale Währung konvertierbar ist.

Die Initiative basiert auf zwei Pilotprojekten von STRO in Porto Alegre, der Hauptstadt von Rio Grande do Sul. Seit 2006 wird die Mikrokredit-Komponente mit alternativen Finanzierungsformen kombiniert. Im Rahmen des Projektes „Valuable Local Currency - VLC RS“ fördert die Lokalwährung Rubi seit 2004 die Schaffung und Stärkung lokaler Wirtschaftskreisläufe mit dem Ziel der Bekämpfung der Armut unterentwickelter Gemeinden. Mit Hilfe der auf Mikrokredit-Kriterien beruhenden Zinspolitik wird parallel ein Fonds aufgebaut, aus dem Gemeinschaftsprojekte finanziert werden.

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Der Verband CompRaS bietet den Teilnehmern ein virtuelles Verrechnungssystem, das Kleinstunternehmern und Konsumenten zu Gute kommt. Bild Mitte und rechts: Das Team von Compras auf der Messe Mercopaar, um neue Mitglieder für das Projekt zu werben. Fotos: STRO

Hilfe zur Selbsthilfe bewirkt seit 2005 auch der regionale Zusammenschluss von Konsumenten und Produzenten innerhalb des Verbandes CompRaS, in dem alle getätigten Transaktionen in einem internen Verrechnungssystem registriert werden. Die intern aufgenommenen Investitions- oder Konsumentenkredite können zu besonders günstigen Konditionen angeboten werden, da sie nahezu unabhängig von den üblichen Preisen des lokalen Finanzmarktes vergeben werden können.

Preisgeld hilft den Straßenkindern von Rubem Berta

Die lokal gültige Gutscheinwährung Rubi zirkuliert im unterentwickelten Bezirk Rubem Berta in Porto Alegre im Süden Brasiliens. Die Währung kommt durch Mikrokredite an Kleinstunternehmer in Umlauf. Für ihren Wert stehen die Waren und Dienstleistungen der Kreditnehmer, die sich verpflichten, die Mikrokredite in der nicht mit nationaler Währung gedeckten Lokalwährung zurück zu  bezahlen. Die Zinsen, die dafür bezahlt werden, kommen in einen Fonds, aus dem wiederum Kredite vergeben werden - an wen, darüber entscheidet die Gemeinschaft der Kreditnehmer. Alle zwei Wochen wird ein Rubi-Markt organisiert, auf dem lokale Produkte angeboten werden.

"Rubem Berta ist eine sehr arme Gegend. Hier leben viele alleinerziehende Mütter, die auswärts arbeiten. Sie gehen morgens gegen 7, 8 Uhr aus dem Haus und kommen meist erst um 22 Uhr wieder heim. Die Folge ist, dass viele Kinder tagsüber auf der Straße leben. Die Ernährung ist schlecht und sie wachsen in eine rauhe Straßenkultur hinein. Klebstoff Schnüffeln ruiniert ihre Gesundheit. Das Wichtigste ist, diesen Kindern eine andere Kultur zu geben, ihnen zu zeigen, dass sie aus ihrer Zukunft etwas machen können. Für die Straßenkinder von Rubem Berta richten wir ein Restaurant ein, um sie von der Straße weg zu holen", verkündete Henk van Arkel den Verwendungszweck des Preisgeldes.

"Bezahlt wird von den Kindern mit Lernen. Gelernt werden kann dabei alles - vom Restaurant führen bis zum Jonglieren. Das Ziel ist, dass die Kinder ihre Fähigkeiten und Talente erkennen und  entwickeln, auf die sie stolz sein können. Das gibt Selbstvertrauen. Der Essenspreis ist anderen etwas zeigen oder selber lernen. Finanziert wird das Projekt teilweise aus der Schwund-Gebühr von CompRaS sowie aus Spenden. Das Preisgeld des Michael Unterguggenberger Preises verwenden wir zum Aufbau dieses Restaurants", erklärte Henk van Arkel, der im Selbstvertrauen der Menschen auch eine Parallele zum Wörgler Freigeld-Experiment in den 1930er Jahren sieht: "Tiroler sind sehr selbstbewusste Menschen. Das ist die Basis, um neue Dinge zu tun." Wie damals in Wörgl wird auch beim STRO-Projekt in Brasilien die Schwundgebühr für einen sozialen Zweck verwendet.

Weitere Informationen zum Projekt: www.socialtrade.org
Die Projektbeschreibung der Bewerbung des Siegerprojektes (auf englisch) lesen Sie hier...


Ein besonderer Dank geht  an die JurorInnen des Michael Unterguggenberger Preises, die diese Aufgabe ehrenamtlich und mit viel Einsatz übernommen haben:
MSc. Hans Ebert, Hochschullehrer für Marketing, Betriebswirtschaft und Management an der Fachhochschule Kufstein
Univ.Doz. Dr. Manfred Füllsack vom Institut für Philosophie an der Universität Wien
Dr.in Margareth Gfrerer, Advisor on International Master Programmes and Co-ordinator of European Programmes an der Wirtschaftsuniversität von Indonesien
MMag. Dr. Robert Musil, Wirtschafts- und Humangeografie an der Universität Salzburg und Buchautor

Prof. Dr. Josef Nussbaumer und Andreas Exenberger vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und –geschichte, Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Dr. Ao Univ.Prof. Alfred Rinnerthaler, Rechts- und Sozialgeschichte/Religionsrecht am Institut für Rechtsgeschichte und Kirchenrecht an der Universität Salzburg
Univ.Prof. Dr.in Ursula Schneider, Dean of the Faculty of Economics and Social Sciences an der Universität Graz
ao. Univ. Prof. Doz. Ing. Mag. Dr. Gerhard Senft vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Wirtschaftsuniversität Wien
Dr. Wolfgang Zinggl, Nationalratsabgeordneter, Künstler, Leitung der handlungsorientierten Kunstgruppe WochenKlausur


Geleitwort des Wörgler Bürgermeisters und Landtagsabgeordneten Arno Abler > hier anklicken