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Ein Reisebericht von Immo Fiebrig, München

   Wörgl im Freigeldjahr

       Ein Reisebericht aus Vergangenheit und Gegenwart der Tiroler Freigeldmetropole von IMMO FIEBRIG, München

Wörgl: Hey! Von München aus nicht wirklich weiter als an den Chiemsee. 100 km Autobahn plus Pickerl – heute sogar ohne Grenzkontrolle! Schon so oft beim Zugfahren nach Südtirol oder Italien hier angehalten, aber warum gerade auf diesem Bahnhof aussteigen?  Warum just diesen einen der vielen Orte des Inntals auf dem Wege nach Innsbruck besuchen? Mit einer ausgewiesenen Wirtschaftswissenschaftlerin fuhr ich tatsächlich, im Zugabteil sitzend, vor einem Jahr hier durch – die Geschichte von Unterguggenbergers Nothilfeprogramm Anno 1932 kannte sie allerdings nicht.

Eine andere interessante Geschichte weiß Veronika Spielbichler, gebürtige Tirolerin und Obfrau des Unterguggenberger-Instituts aus ihrem eigenen Leben zu erzählen: Als sie vor vielen Jahren die Handelsakademie in Wörgl absolvierte, stand eine Menge auf dem Lehrplan – nur nicht das wirtschaftlich existenzrettende Freigeldexperiment dieser selben Stadt.

Das Wörgler Heimatmuseum

Bei der Autofahrt in die Stadtmitte fällt dem Reisenden auch nichts Besonderes auf. Ein Durchgangsort wie jeder andere, an der Hauptstraße nichts sagende Funktionsbauten der Kommerzketten behängt mit schriller Werbung. Bei der Kirche angelangt wird es ruhiger...und für den Eingeweihten interessanter. Gleich neben dem Gotteshaus liegt das mit einfachen Mitteln ausgebaute Wörgler Heimatmuseum. Hier kann der Besucher sich beim Betrachten einer Vitrine und einiger Bilder erste Eindrücke zum Thema Freigeld verschaffen. In den Wirren des 2. Weltkrieges hatte die Stadt praktisch sämtliche Dokumente, die das Nothilfeprogramm hätten belegen können, verloren.

Das Unterguggenberger-Institut

Zur Hilfe kam dem Heimatmuseum das 2003 als Verein gegründete Unterguggenberger-Institut, das nur wenige 100 Meter weiter liegt und das geistige Erbe von Michael Unterguggenberger heute verwaltet. Seine zweite Frau Rosa hatte in weiser Voraussicht, nach dem Tod Ihres Mannes 1936, sämtliches Dokumentationsmaterial gesammelt und aufbewahrt – und schließlich an die noch heute in Wörgl häufig verweilende Tochter Lia Rigler vermacht. Eines der Vereinsziele ist es, die Dokumente zu sichten, zu sortieren und zukünftig über elektronische Medien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Erste Früchte trug diese Initiative bereits durch die Veröffentlichung des Buches „Schwundgeld” von Wolfgang Broer. Das Buch räumt mit vielen Mythen rund um die Zeitgeschichte auf und liefert Belege – zu den Erfolgen des Freigeldes wie auch hinsichtlich der Einschränkungen, bietet die Grundlage für Wahrheit und damit für Klarheit.

Seit 2005 neues Freigeld: I-MOTION
Bemerkenswert ist, dass Wörgl in Zusammenarbeit mit dem Unterguggenberger-Institut über 70 Jahre nach dem Verbot der Arbeitswertscheine wieder eine Parallelwährung besitzt. Hinter dem Begriff I-MOTION und dem Motto „BEWEGT WÖRGL” verbirgt sich das LA21-Jugendprojekt[1] für Jugendliche ab 12 Jahren, das eine Möglichkeit bietet, öffentlichen Einrichtungen, Vereinen oder Privatpersonen Dienstleistungen anzubieten. Ein gelungenes Beispiel dafür ist der 14-jährige Schüler, der einem Rentner unter Einsatz von Zeit und viel Geduld das Surfen im Internet erklärt und schließlich beibringt. Eine Stunde Leistung entspricht 2,50 €, welche durch Zeitwerkarten an die Jugendlichen ausbezahlt werden. Diese können sie anschließend als Tauschmittel verwenden oder gesammelt bei der Stadt gegen Gutscheine regionaler Betriebe eingewechseln. Eingelöst werden können diese Marken für zielgruppengerechte Produkte, also für was, was Jugendliche besonders gerne mögen: Bekleidung, Besuch des Restaurants oder Friseurs, Eintrittskarten für Kino, Erlebnisbad und Konzertveranstaltungen, Pässe zum Skifahren. Alle sollen dabei gewinnen, die Gemeinschaft gestärkt, Nachbarschaftskontakte belebt und soziale Einrichtungen in Wörgl unterstützt werden.  Die „bargeldlose Währung“ von Wörgl ist das Ergebnis des bisher einzigen Komplementärwährungsprojektes im deutschsprachigen Raum, das durch eine öffentliche Trägerschaft ins Leben gerufen wurde. Komplementärwährungsprojekte anderswo hingegen beruhen in der Regel auf Privatinitiativen.

Zwei Spaziergänge in die Vergangenheit
Wenn Sie Wörgl besuchen, nehmen Sie sich einen Tag Zeit: zwei Wege sind es Wert, sie zu erkunden. Ebenfalls als ein Projekt der Lokalen Agenda 21 wurde zunächst ein Freigeld-Wanderweg durch Wörgl angelegt. Die insgesamt neun Stationen führen gut beschildert vom Heimatmuseum über die Unterguggenbergerstraße zum gleichnamigen Institut. Eine etwa 2 qm große Nachbildung eines Arbeitswertscheines ist dabei nicht zu übersehen. Das Institut befindet sich im ehemaligen Wohnhaus des damaligen Bürgermeisters, das gleichzeitig das Konfektionswarengeschäft von Rosa Unterguggenberger beherbergte. Danach geht es auf dem Freigeldweg weiter zum Waldfriedhof, auf dem Michael Unterguggenberger begraben wurde. Später werden Sie an den Ortsrand zur Müllnertalbrücke, der Sprungschanze und der Aubachschlucht geführt. Hier finden sich zum Teil noch die Überreste der Projekte, die mit Freigeld finanziert den Ort nicht zuletzt für den Tourismus interessant machen sollten.

Die Wanderung endet in der Bahnhofstraße am Gedenkstein für Unterguggenberger und kreuzt hier eine „altrömische Meile”[2]: der 2006 eröffnete Weg durch die Zeiten. Dabei sind Meilensteine als gravierte Platten in die Bürgersteige der Wörgler Innenstadt eingelegt. Maßstabsgetreu entspricht die Entfernung von einem zum nächsten Meilenstein dem zeitlichen Abstand zueinander. So wird Zeitgeschichte unmittelbar begeh- und erlebbar: die 300 wichtigsten historischen Ereignisse der letzten 2000 Jahre im Zeitraffer. Beginn und Ende der Meile liegen jeweils direkt vor dem Eingang zum Hauptbahnhof. Ein Bezug zum Zinseszinseffekt analog dem Josephspfennig ist gleich mitgeschaffen worden – auf sehr anschauliche Weise wird der Effekt begreifbar. Gedanklich beginnt das Meilensteinprojekt am 1. Januar im Jahr 1 unserer Zeitrechnung – an diesem Tag wird ein EURO zu 3 % Zins angelegt. Nachfolgend wird zu jedem Datum auf den folgenden Meilensteinen der angesparte Betrag ausgewiesen. Am Ende der Meile, zum 23.6.2006, als das Projekt eingeweiht wurde, hatte sich der Betrag auf unlesbare 26 Stellen[3] vor dem Komma summiert: 56.425.154.716.285.559.208.668.512,50 €

Aktionen anlässlich des Freigeldjahres
2007 ist für Wörgl ein besonderes Jahr – 75 Jahre Wörgler Freigeld werden heuer gefeiert. Projektleiterin Veronika Spielbichler berichtete bereits in der Ausgabe 03/2007 über die Hintergründe einer Veranstaltungsserie, die eigentlich bereits vergangenes Jahr hätte stattfinden sollen. Diesmal war es eine Naturkatastrophe, die Wörgl finanziell arg gebeutelt hatte: die Überflutung des Inntals 2005.

Kunst im Raum: was rastet, das rostet
"Geld als Werkzeug zum Aufbau und Erhalt der Gemeinschaft, des Sozialwesens und der Regionalwirtschaft” – so erklärte Frau Spielbichler mir die Freigeld-Bewegung, als sie mich anlässlich meines Besuches an den Wörgler Geldbrunnen führte. Irgendwie ein skurriles Monster mitten in der Einkaufsstraße, habe ich mir insgeheim gedacht, als ich den Erklärungen lauschte. Das „Eiserne Raumschiff mit einer heimatlosen Galionsfigur – Zeit ist Geld” wurde als Stahlskulptur von Alois Schild geschaffen. Es ist Kristallisationspunkt für Kommunikation zum Thema Geld in mehrerlei Hinsicht. Zunächst machen es zwei Flächen im unteren Bereich möglich, dass die Bürger und Besucher Wörgls sich mittels Graffiti öffentlich ausdrücken können. Darüber hinaus irritiert das Monument optisch und regt die Diskussion im Ort an. Mit der Galionsfigur ist sinnbildlich M. Unterguggenberger gemeint – heimatlos vielleicht deswegen, weil er unter den Bürgern Wörgls zunehmend in Vergessenheit geraten war. Aber – das ändert sich ja nun. Das Rostige passt ebenso gut zum Gedanken des Abzinsens: Geld das rastet, muss rosten.

Multimediales Theater : das Freigeldkonzept und das Geldwunder Wörgls in anschaulicher Weise auch für Kinder verständlich gemacht

Einen krönenden Abschluss meiner Wörgl-Tour bot am Abend das Veranstaltungszentrum Komma mit einer multimedialen und interdisziplinären Theaterperformance unter dem Titel „Unterguggenberger & das Freigeldexperiment von Wörgl”. Eine komplett schwarze Bühne, Schreibtisch, Telefon und Stuhl, fünf Flachbildschirme sowie eine Beamer-Projektionsfläche waren das, was ich zunächst wahrnehmen konnte. In über mehr als zwei Stunden erfuhren die  Zuschauer Spannendes, Humorvolles und Tragisches über die Geschichte des Wörgler Freigeldes.

Die zwei Hauptdarsteller für Michael Unterguggenberger und den Conférencier Ezpou waren in Person auf der Bühne. Ezpou in Erinnerung an den Dichter Ezra Pound[4], feuerte den Bürgermeister immer wieder an und begleitete die Zuschauer durch die Bühnenshow. Wiederholt von Zweifeln geplagt führte der Bürgermeister Dialoge mit seiner Frau und seinen Beratern – diese erschienen rechts und links auf den Bildschirmen und unterstützten ihn. Was die Wörgler Bürger dabei bewegte, wurde zwischendurch auf eine große Leinwand als Video projiziert. Im Frühjahr 2008 wird das Theaterstück erneut im Komma aufgeführt.

Was Wörgl 2007 in Sachen Freigeld noch zu bieten hat

Das Freigeldjahr bot und bietet noch einiges mehr an Veranstaltungen und Projekten, die in einer 35-seitigen Broschüre beschrieben sind, unter anderem:

    Wirtschaftsraumspiele, wie z. B. das Brettspiel „Marktwirtschaft”, das die Zusammenhänge rund um Vermögensverteilung durch positiven Zins klarmacht.

   Plakatausstellung NeuesGeld.com: Die Plakatserie und die begleitenden Medien vermitteln eine Kulturgeschichte des Geldes ebenso wie Hintergründe zum bestehenden Geldsystem – so gestaltet, dass vor allem junge Menschen Interesse für das Thema entwickeln

   Freigeldjahr-Gedenkmünze: eine von der Stadtgemeinde ausgegebene Kupfermünze im Gegenwert einer Arbeitsstunde und einem Mindestverkaufspreis von 10 €.

Am 25. Oktober wird schließlich der Michael-Unterguggenberger-Preis verliehen. 1983 wurde dieser Preis erstmals von der Stadt Wörgl für die beste finanzpolitische oder wirtschaftliche Idee vergeben. 2007 erfolgte die neuerliche Auslobung, die mit 5.000 € dotiert, um die Kriterien Umsetzung und Öffentlichkeitswirksamkeit von Projekten erweitert wurde. Es konnten sich Komplementärwährungsinitiativen genauso bewerben wie ForscherInnen und Bildungs- oder Kunstprojekte.

Ein Projekt ist hierbei besonders erwähnenswert. Am Tag meines Besuches hatte die freie Schule „Lernwerkstatt Zauberwinkl” Tag der offenen Tür.

Die als Privatinitiative organisierte Schule mit derzeit 12 Schülern und 2 Lehrerinnen, wird in Anlehnung an die Erkenntnisse von Maria Montessori in einem großen Bauernhaus auf zwei Stockwerken geführt.

Bei dampfendem Kaffee und einem Stück selbst gemachtem Kuchen erzählte mir der Obmann des Vereins für selbstbestimmtes Leben und Lernen Helmut Mayr mit leuchtenden Augen, wie diese freie Schule funktioniert.

Der besondere Bezug zum Feigeld: Da einige der Eltern Schwierigkeiten haben, die Kosten einer Privatschule zu tragen gibt es für sie die Möglichkeit, das Lehrpersonal in Talenten aus dem Talente-Netz-Tirol zu bezahlen. Voraussetzung für das Funktionieren der Schule ist jedoch vor allem, dass alle Eltern voll und ganz hinter dem Konzept stehen.

Es erschien mir insgesamt beeindruckend, dass eine kleine Gemeinde damals wie heute es fertig gebracht hat, in ihrer Auswirkung so weit reichende, positive Projekte auf die Beine zu stellen.

Dass es möglich ist, wirtschaftlich desolate Regionen mit innovativen Konzepten nachhaltig zu sanieren, hat Österreich jüngst auch mit dem Energiekonzept in Güssing unter Beweis gestellt. Der im südlichen Burgenland, einer der wirtschaftlich schwächsten Regionen Österreichs, gelegene Ort produziert heute mit nachwachsenden Rohstoffen insgesamt doppelt so viel Energie, wie die Stadt selbst verbraucht. Solche Beispiele machen Mut an Zukunftskonzepten wie der Humanwirtschaft, dem Equilibrismus oder Joytopia weiter zu arbeiten.

Wörgl stand in der Phase seiner Industrialisierung hauptsächlich für Holzwirtschaft und die drei Zetts: Zellulose, Zement und Ziegel. Wer heute in die Gegend kommt, dem sind neben den Spuren des Freigeldes aus Vergangenheit und Gegenwart noch andere touristische Schmankerl geboten. Die nahe gelegene Höhle an der Hundalm beispielsweise, die Eis- und Tropfsteinhöhle zugleich ist. Die mehrstündige Wanderung auf den Angerberg führt in die Höhen und Tiefen, in die Wärme und Kühle Tirols. Die Eisformationen allerdings sind leider auch vom Klimawandel bedroht.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Immo Fiebrig - Bericht zum Download mit Fotos (2,33 MB) > hier anklicken



[1] Eine Lokale Agenda 21 (LA21) ist ein Handlungsprogramm, das eine Kommune in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln soll. Vorbild für diese kommunalen Projekte ist ein 1992 von der UNO verabschiedetes globales Programm, die sog. Agenda 21.

[2] (≈ 1,48 km)

[3] Wer wissen möchte, wie sich eine solche Zahl liest: unter „Zahlennamen” gibt Wikipedia Aufschluss.

[4] Amerikanischer Dichter, der das Wörgler Freigeldexperiment in den Mittelpunkt seiner dichterischen Wirtschaftskritik stellte - als geschichtlichen Lichtblick, als Gegenbeispiel zu Kapitalismus und Kommunismus. Er war, 1935 und 1936 in Wörgl, um sich an Ort und Stelle zu informieren.

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