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Buchtipp: Leopold Kohr - "Entwicklung ohne Hilfe"

Wie schafft man Wohlstand ohne Geld?

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Leopold Kohr, Philosoph, Ökonom (1909 - 1994). Bild: tauriska.at

Das weltbekannte Buch des austro-amerikanischen Philosophen Leopold Kohr   "Entwicklung ohne Hilfe" liegt jetzt auch in deutsch vor. Kohr zeigt Strategien, wie man arme Regionen ohne viel Geld in vitale Lebensräume verwandeln kann.


Leopold Kohr war schon vor 1938 ein erbitterter Gegner Hitlers, arbeitete im Spanischen Bürgerkrieg als Zeitungskorrespondent an der Seite von George Orwell und Ernest Hemingway. Später emigrierte er nach Kanada und in die USA. Es folgten Lehrtätigkeiten des Doppeldoktors als Ökonom, Politikwissenschafter und Philosoph in Nordamerika, Puerto Rico und Wales.

Weltbürger und Regionalist
Bruno Kreisky nannte Kohr einen "Sozialromantiker", für andere war er ein bahnbrechender Geist. Der gebürtige Salzburger aus dem Flachgau - der 1994 in Großbritannien verstarb - gilt als Schöpfer des international bekannten Slogans "Small is beautiful", der eigentlich populistischer Titel eines Buches war und von Kohrs Schüler Fritz Schumacher 1973 in Großbritannien erstmals verwendet wurde.

Im Sinne von Kohrs Vorschlägen würde besser passen: "Small is powerful". Kohr sagte von sich, er sei ein gewaltloser Anarchist, der an der Zerschlagung der Großmächte und großen Nationalismen interessiert sei. Er lieferte - teils durch empirische Methoden abgestützt - eine Theorie zur Erhaltung regionaler und dörflicher Strukturen - unabhängig von ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten.


Entwicklung ohne viel Geld dauert länger, ihre Ergebnisse währen aber auch nachhaltiger, so ein zentraler Gedanke Kohrs. Gleichzeitig wird die Arbeit des Einzelnen nicht durch geschenktes Geld oder geschenkte Waren entwertet, sondern Eigeninitiative, Selbstwert und Arbeit werden gefördert.

 

Provokante Thesen
Sein Buch „Development without Aid“ erschien 1973 und war einer der Gründe, warum Kohr zehn Jahre später den Alternativ-Nobelpreis erhielt. Nun wird es erstmals in deutscher Sprache herausgegeben. Es ist ein provokantes Buch. Und es bietet ausreichend Stoff für harte Diskussion, denn seine Kritiker - besonders aus dem marxistischen Sektor - sehen in Kohrs Thesen reine Theorie und Schöngeistigkeit. Andere schätzen sie als Werkzeuge für praxisnahe Lösungen.

„Entwicklung ohne Hilfe“ bedeutet laut Kohr nicht, die so genannten "unterentwickelten" Staaten ihrem Schicksal zu überlassen, sondern eine andere Art von Entwicklung zu ermöglichen. Kohr lehnt milliardenschwere "Hilfe" ab, die Gemeinwesen abhängig mache wie Drogensüchtige vom Dealer und neue Formen des Kolonialismus bringe. Kohr geht es um Schaffung und Stärkung regionaler Kreisläufe, die größtmögliche Autonomie von Wirtschaft und Politik zum Ziel haben. Dieser Ansatz basiert im Gegensatz zum marxistischen und großkapitalistischen Zentralismus auf anarchistischen Prinzipien.

 

Schritt für Schritt skizziert Leopold Kohr, wie eine solche Entwicklung zu mehr Eigenständigkeit, Selbstversorgung und Selbstachtung ablaufen kann. Ohne dabei in Abhängigkeiten zu geraten.

 

Messerscharfe Prophezeiungen
Nach mehr als 30 Jahren ist Kohrs Analyse der Entwicklungspolitik relevanter denn je.

Durch den Prozess der ökonomischen Globalisierung sind viele Probleme, die in diesem Buch angesprochen werden, noch deutlicher hervorgetreten.

 

 

Globalisierungsdiskussion
In welchen Kontext Kohrs Gedanken heute eingebunden sind, zeigt sich in der Person von Kenneth Kaunda, der 1972 als Präsident Sambias das Vorwort zur englischen Erstausgabe schrieb. Im Jänner 2007 hielt er in Nairobi die Eröffnungsrede beim Weltsozialforum, einer der wichtigsten „globalisierungskritischen“ Veranstaltungen.

Buchcover. Bild: Otto Müller Verlag, Salzburg 2007
Der vorliegende Band ist die deutschsprachige Erstausgabe des 1973 auf Englisch erschienenen „Development without Aid“. Kritik an milliardenschwerer "Hilfe"
Der richtige Weg zum Wohlstand führe nicht über die Abkürzung in Form hoher Summen an
Entwicklungshilfe, so Leopold Kohr:

"Diese seit Jahrzehnten geübte Praxis ist menschenunwürdig. Und finanzielle Hilfe führe meistens dazu, die Entwicklung gar nicht in Gang kommen zu lassen."

Durch die Globalisierungsdiskussion und die weltweite Kritik an den Großmächten erfahren Kohrs Ideen neue Aktualität. Die Doktrin vom freien Handel verstärkt die Diskrepanz zwischen über- und unterentwickelten Gesellschaften, indem sie letztere zum Status quo verdammt.

 

Buchtipp:

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Bild: Otto Müller Verlag, Salzburg 2007

Bibliografie
Kohr, Leopold: Entwicklung ohne Hilfe. Die überschaubare Gesellschaft. Übersetzung von Andreas Wirthensohn, ca. 230 Seiten. Otto Müller Verlag, Salzburg 2007. ISBN 978-3-7013-1129-3.
Herausgeber: Ewald Hiebl, Günther Witzany

 

Biografische Details zu Leopold Kohr
Der Salzburger ORF-Redakteur Gerald Lehner hat 1994 im Bundesverlag eine Biographie über Leopold Kohr publiziert. Sie wird 2009 - anlässlich von Kohrs 100. Geburtstag - in aktualisierter Fassung neu aufgelegt. Infos siehe http://www.mountainfuture.at/deutsch/team/0310KohrLeopold.htm

 

24. Juli 2007

Textquelle: http://salzburg.orf.at/magazin/leben/stories/209546/

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