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4. Österreichisches Sozialforum von 24.-26. Oktober 2008 in St. Peter i.d.Au/Niederösterreich

 

St. Peter in der Au im Mostviertel in Niederösterreich beherbergte von 24. bis 26. Oktober 2008 das 4. Österreichische Sozialforum ASF 2008. In der Marktgemeinde trifft man noch auf die Spuren der Niederösterreichischen Landesausstellung 2007. Die Bevölkerung setzte sich bereits aus diesem Anlass mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. Monika Karlinger aus St. Peter schuf die "Hüterin der Erde" (Bild Mitte), die vor dem Schloss wacht.  "Verweilplatz Erde" titelte ein Projekt der Polytechnischen Schule (Bild rechts), die wie das Schloss, weitere Schulen, der Pfarrhof und die Carl-Zeller-Halle als Austragungsstätten für das Sozialforum genutzt wurden.

"Einst Herrschaftssitz -nun Haus für alle" steht über dem Eingangstor zum zentralen Austragungsort, dem Schloss. Bürgerbeteiligung ist auch dem "Vater der Lokalen Agenda 21" in Österreich, dem ehemaligen Bürgermeister Karl Sieghartsleitner - hier im Bild in der Mitte bei der Anmeldung - ein großes Anliegen. Er stellte sein neues Buch "Bürger miteinander gewinnen" vor (Info hier). In Wörgl startet der LA21-Prozess 2003. Eines der Projekte ist die vom Unterguggenberger Institut iniierte und im Rahmen der Lokalen Agenda 21 von einer eigenen Projektgruppe ausgearbeitete Jugendkomplementärwährung I-MOTION, die auch beim ASF 2008 vorgestellt wurde. Weitere Infos dazu hier sowie auf www.i-motion-woergl.at

Für die organisatorische Abwicklung des Sozialforums engagierte sich eine große Schar freiwilliger Helfer - wie hier rechts im Bild das Trio beim Empfang am Freitag. Weitere Infos zum umfangreichen Programm des Sozialforums gibt es auf  www.asf2008.at

 

Die Eröffnungsfeier des ASF 2008

 

Nach der musikalischen Eröffnung durch ein Bläserquartett aus St. Peter hallte ein Münzschlag durch den Schlosshof - mit der Prägung einer Tiroler Stunden-Münze durch Georg Pleger machte das ASF-Vorbereitungsteam auf den diesjährigen Themenschwerpunkt Geld angesichts der schweren internationalen Finanzkrise und deren Folgen aufmerksam (Bild Mitte).

"Die aktuelle Krise zeigt die Niederlage des neoliberalen Kurses. Undemokratische Formen greifen heute um sich - dieser Kurs führt nicht zur Liberalisierung, im Gegenteil", eröffnete Roman Birke vom Vorbereitungsteam sein Eröffnungsstatement. Das zweite Dogma, das gefallen sei, sei der Glaube, dass die Öffnung der Märkte zu Wirtschaftswachstum führe. "Was ist gewachsen? Reichtum auf der einen Seite und auf der anderen wurde immer mehr massive Armut geschaffen." Birke sprach sich gegen Rassismus als aufkeimende "Sündenbock-Politik" aus und wies auf die ungerechte Verteilung der Einkommen hin: "Das Realeinkommen der ArbeitnehmerInnen ist heute auf dem Niveau von 1991! Die Lohnquote hat sich negativ verschoben zulasten der Beschäftigten. Es findet eine zentrale, radikale Umverteilung von unten nach oben zu den Besitzeinkommen statt." Durch das massive Gewinnstreben komme es zudem zur Ausbeutung der Natur. "Eine Aufgabe des Sozialforums besteht darin, diese Zusammenhänge aufzuzeigen", so Birke (Bild rechts).

"Geld kann gerechter funktionieren", ist Josefa Maurer, eine der Hauptorganisatorinnen des ASF 2008 in St. Peter überzeugt. "Aus dem Netzwerkgedanken sind die Sozialforen entstanden. Die Politik ist zu wichtig, um sie den Politikern zu überlassen - dasselbe gilt heute auch für die Wirtschaft", meinte Leo Gabriel, Journalist bei Südwind und ebenfalls im Organisationsteam. "Die Welt ist am Geld erkrankt. Susan George stellte beim Europäischen Sozialforum in Malmö fest, dass wir endlich zur Überzeugung kommen müssen, dass Geld ein Gemeingut ist und den natürlichen Zugang dazu herstellen, die Dinge selbst in die Hand nehmen sollen." Leo Gabriel wurde für sein Engagement für soziale Themen beim Festakt am Samstag ausgezeichnet.

Der Physiker und Ziviltechniker Adolf Staufer, zuhause in einer ATTAC-Gemeinde, hier im Bild links oben bei seinen Eröffnungsworten als Mitarbeiter im Organsiationsteam, sieht die große Krise des Finanzsystems noch nicht beendet: "Dieses System kann man nicht stabil halten. Die Geldvermögen zwingen durch die positive Rückkoppelung des Zinseszins-Systems zu exponentiellem Wachstum, damit zu mehr Energieverbrauch - das bedroht uns alle." Gegen "eine Welt voller Ungerechtigkeiten" engagiert sich Max, 20, Student, der aus Sicht der Jugend seinen Zugang zum Sozialforum schilderte: Die Studiengebühren seien noch längst nicht abgeschafft.

Für soziale Nachhaltigkeit plädierte St. Peters Vize-Bürgermeister Gerhard Wieser (Bild oben rechts) und bedankte sich bei allen HelferInnen sowie bei Initiatorin Josefa Maurer. Dass eine positive Weiterentwicklung möglich sei, dafür führte er die Geschichte des Austragungsortes an: "St. Peter war vor 400 Jahren Zentrum der Bauernaufstände. Heute ist das Schloss ein Haus für alle und wird von den Bauern mit Fernwärme beheizt."

Petition "Neues Geld" an Östereichs politische Entscheidungsträger

   

Beim Festakt am Samstag wies Georg Pleger von der Initiative Neues Geld - hier links im Bild mit den Geehrten Leo Gabriel, Anna Strasser, Maria Sator und Anna Rohrhofer (mehr zum Festakt lesen Sie hier) - auf die Petition Neues Geld hin, die von der Initiative ausgearbeitet und beim Sozialforum erstmals präsentiert wurde. Für die Initiative waren DI Tobias Plettenbacher von der Zeitbank TIMEsozial, Veronika Spielbichler vom Unterguggenberger Institut und dem Wörgler LA21-Jugendprojekt I-MOTION, Mag. Georg Pleger von der Tiroler Stunde und Mag. (FH) Rudo Grandits, Komplementärwährungsexperte mit Schwerpunkt energiegedeckte Regionalwährung vor Ort (Bild Mitte v.l.). Weitere Infos zur Arbeitsgruppe Neues Geld gibt´s auf www.neuesgeld.com

Zu den ersten Unterzeichnern zählte Claudio Nascimento, Koordinator für Bildungspolitik im Ministerium für Solidarwirtschaft in Brasilien, hier im Bild rechts mit Dolmetscherin Hermine Reichartzeder und Buchautor Tobias Plettenbacher. Claudio Nascimento kann bereits von Erfahrungen mit Komplementärwährungen in Brasilien berichten. Im Ministerium für Arbeit wurde eine eigene Abteilung für solidarische Ökonomie eingerichtet. Derzeit laufen 30 "Volksbanken" mit Mikrokredit-System unter Einbeziehung komplementärer Währungen, organisiert von der Brasilianischen Nationalbank, die nun flächendeckend auf ganz Lateinamerika ausgeweitet werden sollen. "Die Nationalbank steht auf dem Standpunkt, dass sie mit dem Geld des Volkes arbeitet und hat Interesse, das mit dem Volk zu tun. Diese Systeme laufen unter dem Motto Credito Rotativo - das Geld soll in Umlauf bleiben und nicht gehortet werden", erklärt Claudio Nascimento. Das Mikrokredit-System der Social Trade Organisation in Porto Alegre in Brasilien gewann übrigens 2007 den Michael-Unterguggenberger Preis.

Neue Geldformen: Taxos-Steuergutschriften und energiegedeckte Regionalwährungen

 

Komplementärwährungsexperte Rudo Grandits arbeitet in der Initiative Neues Geld aktiv mit.

Im Rahmen des Österreichischen Sozialforums stellte Rudo Grandits, Mitarbeiter der Arbeiterkammer Niederösterreich und Experte für Komplementärwährungen anstelle des erkrankten Ernst Dorfner die Taxos-Idee vor: "Der Staat muss sich nicht verzinslich verschulden. Immer mehr Steuergeld wird für Zinszahlungen verwendet und fehlt im operativen Bereich. Der Staat kann auch Steuergutschriften als nationale Komplementärwährung emittieren und spart sich damit die Kosten der Finanzmarktabwicklung. Taxos sind auf Euro lautende Steuergutschriften, die ebenfalls als gesetzliches Zahlungsmittel als Regionalwährung weitergegeben werden können", erklärte Grandits.

Taxos-Gutschriften können von Bund, Ländern und Gemeinden verwendet werden, wobei sich besonders im Investionssektor für Infrastruktureinrichtungen die Kostenvorteile bemerkbar machen: "Dadurch, dass man sich die Zinskosten spart, werden langfristige Investitionsgüter um die Hälfte billiger." Mit diesem Verrechnungsmittel steht zudem ein zusätzliches Instrument zur Förderung der Regionalwirtschaft zur Verfügung: Wenn bei Ausschreibungen die Auftragsvergabe unter der Vorgabe erfolgt, dass ein Teil des Auftragsvolumens in Taxos bezahlt wird, bietet es vor allem für regional ansässige Betrieb den Anreiz, mit zu bieten. Beim Workshop lag auch die Petition Neues Geld auf - im Bild links unterzeichnet sie Franz Schallhas vom ASF-Vorbereitungsteam. Weitere Infos zum Taxos gibt es auf www.taxos.info

 

Energiegedeckte Regionalwährung fürs Mostviertel

Wie kann man die Themen autarke Energieversorgung mit erneuerbaren Rohstoffen und Förderung der Regionalwirtschaft durch eine Regionalwährung verbinden? Dazu arbeitete Rudo Grandits im Zuge seiner Tätigkeit für die Sozialökologische Arbeits- und Wirtschaftsgemeinschaft bereits ein Modell zur Umsetzung einer energiegedeckten Regionalwährung aus, das er nun mit DI Johannes Ertl, Obmann der Umweltberatung des Mostviertels (im rechten Bild oben rechts) zur Umsetzung einreichte. Die Begutachtungsfrist läuft, die Entscheidung über die Zuerkennung von öffentlichen Fördergeldern wird in Kürze erfolgen. Infos zum Konzept der energiegedeckten Regionalwährung gibt es auf www.neuesgeld.com

 

Analysen uns Lösungsvorschläge zur Finanzkrise: "Neues Geld - neue Welt"

 

Der Festsaal im Schloss St. Peter füllte sich am Freitag Abend beim Vortrag von DI Tobias Plettenbacher (Bild links) zum Thema "Neues Geld - Neue Welt. Die drohende Wirtschaftskrise - Ursachen und Auswege". Plettenbacher schilderte anschaulich und mit statistischen Daten unterlegt den Mechanismus des zinseszinsbelasteten Finanzsystem, das der Logik des damit verbundenen exponentiellen Wachstumes regelmäßig zum Scheitern verurteilt ist.

Plettenbachers verständliche Analysen und Lösungsvorschläge, die in der Unterstützung komplementärer Systeme, aber auch in Änderungen des Geldsystems auf nationaler und internationaler Ebene ansetzen, lassen sich auch in seinem Buch "Neues Geld - Neue Welt" nachlesen, das auf www.neuesgeld.com zum Gratisdownload zur Verfügung steht.

AK-Enquete: Wer zahlt unsere Pensionen?

Die Arbeiterkammer Niederösterreich hinterfragte bei der Enquete "Wer zahlt meine Pension" das österreichische Pensionssystem, an der sich auch Landeshauptmann-Stv. Dr. Josef Leitner (Bild links) beteiligte. Dr. Alfred Obermayr (Bild rechts im Vordergrund) stellte dabei das staatliche Pensionssystem vor und plädierte einmal mehr dafür, die private Vorsorge auch unter dem Dach der staatlichen Pensionsvorsorge zu organisieren: "Das wäre eine wesentlich bessere Zukunftssicherung."

Nach wie vor sichert der Staat die Pensionen. Die betriebliche Vorsorge rangiert unter "ferner liefen" und ist wie die private Vorsorge kapitalmarktabhängig. Die AKNÖ-Enquete beleuchtete im
Rahmen des Österreichischen Sozialforums das Drei-Säulen-Modell des Pensionssystems. 90 Prozent der Pensionsleistungen werden vom Staat finanziert. Die aktiven ArbeitnehmerInnen finanzieren durch ihre Beiträge die Pensionen. Dieses Umlageverfahren ist nicht kapitalmarktabhängig. Jeder zweite Arbeitnehmer im EU-Ausland wird eine Betriebspension
bekommen, in Österreich nicht einmal jeder Sechste. Nur 11.500 heimische Unternehmen zahlen laut Fachverband der Pensionskassen in eine Pensionskasse ein.

Aus für jede zweite Lebensversicherung
81 Prozent der ÖsterreicherInnen halten private Vorsorge für wichtig. Allerdings geraten sie - schlecht beraten - häufig an die falschen Produkte. Immerhin wird jede zweite Lebensversicherung vorzeitig
gekündigt und das mit Verlust. Angesichts der derzeit herrschenden Finanzkrise werden Kritiker bestätigt, die der zweiten und dritten Säule des Pensionssystems misstraut haben. Vor diesem Hintergrund diskutierten Experten der Arbeitskammer, der Wirtschaftskammer, der Pensionskassen und Banken sowie der Politik.

Mit großer Begeisterung waren Kinder und Erwachsene aus St. Peter und Umgebung in die Gestaltung des Abendprogramms am Samstag eingebunden, dessen Höhepunkt der Auftritt des Wiener Kollegium Kalksburg war. Die drei Herren gaben zu vorgerückter Stunde Wiener- und Heurigenlieder zum Besten und eroberten die Herzen des Publikums mit ihrem Musik-Kabarett, das von der Interpretation originaler Volksmusik ebenso lebt wie von Beatles-Songs in freier Übersetzung ins Wienerische. Mehr zur Kult-Combo inklusive weiterer Auftrittstermine gibts auf www.kollegiumkalksburg.at

 

Am Sonntag Morgen versammelte Leo Gabriel zur Podiumsdiskussion zum Thema Krisen und Kriege - Ursachen und Auswege Friedensaktivisten am Podium: Tseten Zöchbauer von der Österreichisch-Tibetischen Gesellschaft, Peter Melvin als jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, Michael Probsting vom ASF-Vorbereitungsteam, den griechischen Friedensaktivisten Evangelis Pissas von der Aktion "Friedensboot für Gaza", Susanne Mader vom Netzwerk für gewaltfreie Konfliktlösung sowie Franz Schallhas vom ASF-Vorbereitungsteam (Bild links v.l.). Dabei rief Markus Schallhas (Bild Mitte) zur Mitgestaltung des Kongresses Solidarische Ökonomie von 20. bis 22. Februar 2009 an der Universität für Bodenkultur in Wien auf. Vorschläge können noch bis 1. Dezember 2008 eingereicht werden, Infos unter www.solidarische-oekonomie.at

Zum feierlichen Ausklang des Sozialforums stand ein gemeinsames Mittagessen im Stift Seitenstetten auf dem Programm, bei dem Josefa Maurer und ihre Familie - hier im Bild rechts mit Tochter Stefanie und Gatte Stefan - einen Riesenapplaus von den TeilnehmerInnen für ihr Engagement erhielt.

Weitere Bilder vom ASF 2008 sehen Sie hier in der Galerie.

Einen Bericht mit Bildern zum ASF lesen Sie außerdem auf www.cross-press.net

 

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