Bundesweiter Erfahrungsaustausch und überregionale Zusammenarbeit führten am 21. und 22. April 2017 einmal mehr Vertreter österreichischer Tausch- und Zeitwährungsinitiativen zum Vernetzungstreffen, das diesmal in Wien über die Bühne ging. Wobei der Talenteverbund als Gastgeber fungierte und in die Veranstaltungsräume des Vereines für nachhaltiges Leben im Wohnprojekt Wien einlud. Das vergangene Jahr stand bei vielen Tauschkreisen im Zeichen der Konsolidierung und Mitgliederbereinigung, um wieder mehr Augenmerk aufs aktive Tauschen zu richten.

Für die überregionale Zusammenarbeit in Österreich wie auch mit Tauschsystemen in der Schweiz und in Deutschland besteht der Verein za:rt mit Sitz in Vorarlberg als Plattform für Vernetzung und Organisation überregionaler Transaktionen. Wer beim Verein Mitglied ist, nimmt am Clearing – der überregionalen Leistungsverrechnung – ebenso teil wie am überregionalen Marktplatz, der vor allem für Urlaubsangebote in anderen Regionen eine attraktive Online-Plattform darstellt. Software-Entwicklung (Cyclos), die Durchführung von Projekten und die Organisation von Entwicklungswerkstätten für Komplementärwährungen sind weitere Aufgabenbereiche von za:rt.

In Österreich besteht für die überregionale Zusammenarbeit  seit 2013 eine Arbeitsgemeinschaft aus Bundesländer-Deligierten, die Themen der Vernetzung bearbeitet. „Wir haben festgestellt, dass das Interesse an der überregionalen Zusammenarbeit im vergangenen Jahr abgenommen hat“, stellte ARGE-Mitglied Gaby Carl vom Talentenetz Tirol fest, die in der Arbeitsgruppe Kommunikation an der Herausgabe eines Newsletters gemeinsam mit Lydia Leimer arbeitet. Mangels Zusendungen aus den Tauschsystemen wurde dieser vorläufig wieder eingestellt. Wird aber sofort wiederbelebt, wenn Zusendungen kommen, weshalb Carl an die Tauschsysteme den Appell richtete, den Newsletter sowohl zu Veranstaltungsankündigung als auch als Inspirationsquelle für alle zu nützen.

Dass die Kommunikation zwischen den Transaktionssystemen nicht optimal läuft, drückte sich in Problemen beim Versand der Einladung zum Vernetzungstreffen aus und spiegelte sich in der Teilnehmerbilanz – lediglich aus fünf Bundesländern fanden sich Tauschsystem-VertreterInnen ein, wobei sich Mitglieder des Talenteverbundes bei der Organisation von Räumlichkeiten, Rahmenprogramm  und der köstlichen Verpflegung mit viel Engagement beteiligten. Und so lautete am Samstag das Motto „nicht Quantität zählt, sondern Qualität“. Die Zeit wurde für Information und intensive Diskussionen bestens genützt.

Talenteverbund fusionierte Tauschkreise in Wien und Niederösterreich

Mit 1. Jänner 2017 ist die Fusion der Tauschkreise Niederösterreich und Wien nach einem dreijährigen Prozess erfolgt, in dessen Verlauf es auch zu Vereinsauflösungen kam. Sinn des Talenteverbundes ist eine Verwaltungsvereinfachung. Beim Zusammenschluss bestehen die regionalen Tauschkreise bis auf LETS Wien und dem Tauschkreis Nordburgenland weiter. Der Talenteverbund nützt das Organisationsmodell der Soziokratie. „Jede Gruppe hat ein Leitungsteam“, berichtete Hertha Horvath vom Talentetauschkreis Wien. An der Umstrukturierung sind 17 Gruppen in Niederösterreich und 3 in Wien beteiligt. Damit einher geht eine „Mitgliederbereinigung“, eine Neuregelung der Mitgliedsbeiträge und eine Neubewertung der Stunde mit 12 Euro statt bisher 10 Euro. Dieser Umrechnungsfaktor ist für jene Mitglieder relevant, die Leistungen beim Finanzamt anmelden. Der Talenteverbund bietet  eine Tauschplattform für etwa 1.000 Menschen, wobei für Tauschaktionen sowohl Verrechnungskonten als auch Zeitwertscheine wie Bargeld verwendet werden.

Das Auslisten nicht aktiver Mitglieder beschäftigte im vergangenen Jahr auch die Tauschsysteme in Tirol, Kärnten und der Steiermark. „Wir haben jetzt rund 300 aktive Mitglieder“, teilte Gaby Carl vom Talentenetz Tirol mit, das aus Regionalgruppen in Innsbruck, Landeck, Außerfern, Osttirol, Kufstein und Schwaz besteht. Auf 160 aktive Mitglieder kommt der Talentetauschkreis in Graz, wie Obmann Rudi Pezzei mitteilte. Mit rund 300 Aktiven bezifferte Wolfgang Kogler beim Vernetzungstreffen den Mitgliederstand beim Talentetauschkreis Kärnten.

Die „Sonnenzeit“ experimentiert mit Grundeinkommen

Rund 300 Mitglieder zählt der Verein Sonnenzeit, die vorwiegend in Oberösterreich zuhause sind, in Wien besteht eine kleine Regionalgruppe. Zu den Spielregeln dieses zeitbasierten Systems zählt, dass monatlich das Stundenkontigent auf 80 Stunden pro TeilnehmerIn immer wieder aufgestockt wird. Hat der positive Anreiz zu mehr Aktivität im System geführt? „Wir machen die gleichen Erfahrungen wie alle Tauschkreise“, teilt „Sonnenzeitler“ Harald Kaiser hinsichtlich der Aktivität der Mitglieder mit. Die Teilnahme am za:rt-Clearing ist aufgrund der limitierten Außenhandels-Regeln trotz der geschenkten Zeit und den dadurch ohne direkte Gegenleistung geschöpften Sonnenzeit-Stunden möglich. Das Sonnenzeit-Prinzip kehrt das Knappheits-Prinzip unseres Geld-Denkens um. Nach dem Motto „Sonnenzeit für alle“ bekommen die Stunden ihren Wert dann, wenn der Mensch aktiv wird. Anliegen der Wiener Gruppe ist, Unternehmen vermehrt einzubinden.  Diese erhalten allerdings kein Grundeinkommen.

Themen beim Vernetzungstreffen

Die Tagesordnung des Vernetzungstreffens am Samstag wurde gemeinsam erarbeitet, wobei die Interessensschwerpunkte bei Verbesserung der überregionalen Zusammenarbeit sowie des Informationsflusses, der Weiterentwicklung der Systeme, bei Kooperationen  und der Abgrenzung von ideologischen Gruppierungen lagen.

Za:rt-Scheine Gültigkeitsdauer verlängert

Für den überregionalen Austausch werden za:rt-Zeitwertscheine verwendet, die vor drei Jahren erstmals ausgegeben wurden. Üblicherweise verwaltet der Kassier des Tauschvereins die Stundengutscheine, die bei allen Clearing-Partnersystemen gelten. Das aufgedruckte Ablaufdatum mit Juni 2017 wird auf Beschluss der Clearing-Mitglieder um weitere 27 Jahre entsprechend dem österreichischen Gutschein-Recht verlängert. Alle einzusammeln und mit neuem Datum zu versehen sei zu aufwändig, lautete die Argumentation für die Entscheidung, die Scheine einfach weiterhin ungeachtet des aufgedruckten Datums zu verwenden.

Was ist za:rt und wie funktioniert der überregionale Austausch? Da es bei den Tauschkreismitgliedern an der Basis dazu vielfach ein Wissensdefizit gäbe, solle besser informiert werden. Angeregt wurde eine Mitgliederinfo bereits beim Eintritt neuer Mitglieder – etwa in Form einer Begrüßungsmappe  oder beim Erstgespräch – aber auch in Marktzeitungen sowie online bei den Tauschsystemen wie auch auf der za:rt-Internetseite www.zart.org Es geht darum, die gemeinsame Plattform ins Bewusstsein zu rufen. In der Steiermark werden vierteljährliche Einschulungen für Mitglieder für die Cyclos-Verrechnungssoftware für Mitglieder-Info genützt.

Kooperationen und Vernetzung nützen

Konsens herrscht in Österreichs Tauschsystemen darüber, dass Mitmachen einen starken sozialen Aspekt hat und nicht eine reine Leistungsabwicklung wie im kommerziellen Geschäftsleben bedeutet. Daraus ergeben sich Chancen, brachliegende Talente zu nützen und Freundschaften aufzubauen, aber auch Probleme, wenn erbrachte Leistungen nicht die Erwartungen an Qualität und Professionalität erfüllen. „Beim Tauschkreis geht es nicht ums Geld – da steht die Person im Vordergrund. Das soll sich nicht aufs Gegenverrechnen beschränken – kann ich großzügig handeln. Dafür liebe ich meinen Tauschkreis“, brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ – diesen Spruch von Erich Kästner nehmen sich viele Akteure des gesellschaftlichen Wandels zu Herzen, die sich aktiv engagieren. Viele Tauschsysteme nützen auch bereits Kooperationen, um gemeinsam etwas zu bewegen. So sind örtliche Bildungsanbieter, ATTAC oder die Bank für Gemeinwohl bei Veranstaltungen in Niederösterreich und Wien bereits Partner. Das Talentenetz Tirol übt seit Jahren die Praxis, bei Veranstaltungen präsent zu sein – ob Arche Noah-Pflanzenmarkt, Repair Cafés mit den Stadtwerken Kufstein oder bei Veranstaltungen mit der Lebensinsel Schwaz. Ein Leihladen für Werkzeug gehört ebenso zu den Kooperationspartnern wie der Verein Mut zum Frieden, der heuer am 3. Oktober zum zweiten Mal ein Friedensfest in Kufstein veranstalten wird.

RAN-Projekt und steiermark.gemeinsam.jetzt

In der Steiermark startete heuer das Pilotprojekt RAN – Regionales Austausch Netzwerk, an dem der Talentetauschkreis, die eurogedeckte Regionalwährung Styrrion und Gemeinwohlökonomie-Betriebe beteiligt sind. Der Styrrion dient dabei als Schnittstelle zwischen Tauschkreis und Wirtschaftsunternehmen, da die Regionalwährung verrechnungstechnisch in der Buchhaltung kein Problem darstellt.

„Wir entwickeln und betreuen ein Spielfeld für Pionier*innen des Wandels und begleiten deren Gemeinschaftsbildungsprozess“ lautet die Philosophie der Initiatoren der zivilgesellschaftlichen Internet-Vernetzungsplattform steiermark.gemeinsam.jetzt. Sie dient der Vernetzung von Menschen und Intitiativen in den Themenbereichen Ernährung, Gesellschaft, Kultur, Ökologie, Politik, Raum und Wirtschaft. Zum Online-Angebot zählt ein Veranstaltungskalender ebenso wie die Vorstellung der Initiativen. Für die Pflege des Netzwerkes sind die TeilnehmerInnen selbst verantwortlich. „Dieses System ist auch auf andere Bundesländer übertragbar“, informiert Rudi Pezzei.

Das andere Wirtschaften leben – aber wie?

In Österreichs Tauschsystemen praktizieren rund 6.000 Menschen organisierten Tauschhandel. Bei der Frage nach der Zukunft und einer Weiterentwicklung kamen Fragen auf: Reicht das bestehende Angebot? Wollen wir mehr? Was fehlt uns? Wie kommen wir dorthin? Ist der Tauschkreis „eine große Marmeladenfabrik“ oder kann er mehr? Die Tauschkreis-Aktivität hängt an den individuellen Erwartungshaltungen der Mitglieder. Die reicht von „Ich habe genug, weil neben Job und Haushalt habe ich nicht mehr Zeit übrig dafür“ bis hin zu „könnte durchaus mehr sein“.

Öffentlichkeitsarbeit in Regionalmedien kann dabei helfen, den Tauschkreis bekannter zu machen und damit zu neuen Mitgliedern und Tätigkeitsfeldern zu kommen. Den Bekanntheitsgrad steigert auch die Durchführung von Veranstaltungen, die nicht direkt das Tauschen im Mitgliederkreis betreffen. „Wir veranstalten am 17. Juni wieder einen Schenktag. Dabei werden Leute über die Regionalzeitungen eingeladen, gebrauchsfähige Dinge vormittags zu bringen. Nachmittags werden die Sachen verschenkt“, erklärt Gabi Carl eine Initiative des Talentenetz Tirol.

Klare Distanzierung von Staatsverweigerern und Esotherik

Eine klare Distanzierung der Tausch- und Zeitwährungsinitiativen gibt es hinsichtlich esotherischer Gruppen oder Menschen, die sich als Staatsverweigerer oder Freeman bezeichnen und Tauschkreise als „Missionierungs-Plattform“ verwenden wollen. So geschehen in Niederösterreich wie auch in Kärnten. Nach lokalen Vorkommnissen lautet der Rat an Mitglieder in Leitungsfunktionen, für das Thema sensibilisiert zu sein und Vereinnahmungs-Versuche zu  unterbinden.

Vernetzungstreffen 2018 in Kärnten

20-Jahr-Feiern stehen heuer beim TK Wien und TK Kärnten an, genaueres ist allerdings noch nicht fixiert. Festgelegt wurde von den TeilnehmerInnen des Vernetzungstreffens der Termin fürs Jahrestreffen 2018 am 6. und 7. April 2018, das im Raum Klagenfurt stattfinden wird – die Organisation übernimmt der Talentetauschkreis Kärnten.

Autor: Veronika Spielbichler/Unterguggenberger Institut Wörgl