Der Vorrat

Der Vorrat
Illustrator: CLIO Verein f. Geschichts- & Bildungsarbeit
Published: 2019
Das Wirtschaften der Menschen von der Steinzeit bis heute und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft  
Am Anfang war der Vorrat. Er war die Folge einer günstigen Konstellation im natürlichen Umfeld des Menschen und schickte die Menschheit auf eine Reise, die noch andauert.
Der Vorrat bewog die Menschen dazu, am selben Ort zu verweilen, sie wollten und konnten sich von ihm nicht trennen, aber er ermöglichte ihnen auch diese Sesshaftigkeit. Nachdem die Menschen sesshaft geworden waren und auf demselben Gebiet verweilten, sammelten sie Erfahrungen über die Abläufe in der Natur und griffen in diese ein mit dem Instrument, über das sie als einzige Lebewesen verfügen: der Arbeit.
Aus sammelnden – und jagenden – Gemeinschaften wurden produzierende. Aus behelfsmäßigen Behausungen wurden gebaute Siedlungen. Aus gelegentlichen Überschüssen wurden planmäßig erzeugte Vorräte, die in der Siedlung gelagert wurden. Diese neue Art einer menschlichen Gemeinschaft startete im Nahen Osten und breitete sich in wenigen Jahrtausenden vorerst über Eurasien und das Nildelta aus.
Der Vorrat änderte die Art der menschlichen Gesellschaft und bekam in ihrer Existenz und ihrer Entwicklung eine zentrale Stellung, aus der er bisher nicht wegzudenken wäre. Er trat gemeinsam mit der Menschheit in die Geschichte ein und nahm maßgeblich Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen. Die Wandlungen des Vorrats betrafen seine Art, seinen Träger, die gesellschaftlichen Schichten, die über ihn verfügten – was das „Gesicht“ der jeweiligen Gesellschaft gestaltete –, und vor allem sein Ausmaß, seine Größenordnung in der Relation mit den sonstigen Daten einer Gesellschaft. Letztere, seine Größenordnung, überschritt zu unserer Zeit alle Grenzen. Eine Gesetzmäßigkeit der Natur sorgte als Folge dieser Überschreitung dafür, dass der Vorrat seine Art verlor. Seine Vorratsfunktion wuchs ins Absurde. So endete der gesellschaftliche Vorrat als pervertiertes Ergebnis einer allumfassenden Ritualisierung und steht einer dringend notwendigen weiteren Entfaltung der menschlichen Gesellschaft im Wege.
Dieses Buch will die Aufmerksamkeit auf dieses Hauptelement im Werdegang der Menschheit lenken. Es versucht das allgemeine Verständnis anzuheben, um den Leser und die Leserin zu animieren, zu den Kernsachverhalten vorzustoßen, und verwertet dazu Erfahrungen, die mit Arbeitskreisen im Rahmen der Politischen Bildung gemacht wurden. Politisches Bewusstsein und gesellschaftliche Kompetenz können nur die Folge eines Selbstaufklärungsprozesses in Gruppen sein. Das vorliegende Buch kann dazu als Anregung und als Einstiegshilfe dienen. Zustände, Sachverhalte und Bedingungen unterliegen Entwicklungen und sind ihre Folgen. Die Dominanz der Gegenwart in der Erfahrung des Reellen bewirkt eine Erstarrung der Begrifflichkeit. Hier wird versucht mit Hilfe einer – wenn auch skizzenhaften – Darstellung des Vorlaufs in der Geschichte – und auch in der Vorgeschichte – aufzuzeigen, wie die Gegenwart tatsächlich im gesamten Entwicklungsbogen vertreten ist. Die Standfestigkeit des alles überragenden Gebäudes wird dadurch relativiert. Der Überblick über die bisherigen Entwicklungen soll uns in Erinnerung bringen, dass wir am Ufer eines Flusses stehen. Sein Ursprung verliert sich am Horizont und sein Ende auch. Wir sind nicht am Ende aller Zeiten angelangt. Studieren wir den bisherigen Lauf der Dinge, können wir lernen, zwischenzeitliche Stauungen zu überwinden.