Die Wahrheit schafft sich ab

Die Wahrheit schafft sich ab
Illustrator: Reclam
Published: 2019

Wie Fake News Politik machen

Warum gibt es Fake News? Und warum verbreiten sie sich so erfolgreich? Weil der Mensch nicht so rational ist, wie er gerne denkt. Denn Fake News gibt es schon, solange es Nachrichten gibt. Neu ist nur ihr Ausmaß. Und das hat mit der Funktionslogik sozialer Netzwerke zu tun. Inhalte werden geteilt, weil man zu einer Gruppe gehören möchte, oder weil sie zu dem passen, was man ohnehin schon glaubt. Die Autoren des Bandes bieten eine umfassende Analyse der Erfolgsgeschichte von Fake News sowie Lösungsmöglichkeiten an, wie wir ihrem Einfluss wieder entkommen können.

Die Autoren
David Lanius
ist Postdoc am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit Forschungsschwerpunkt auf Unbestimmtheit in Recht und Politik, öffentliche Debatte, konstruktiver Diskurs, Argumentationsanalyse, Fake News und argumentativen Strategien des Rechtspopulismus.
Romy Jaster ist eine deutsche Philosophin und Argumentationstrainerin.

Romy Jasters und David Lanius Arbeit “Die Wahrheit schafft sich ab” kommt zur rechten Zeit. Die Frage, inwiefern “Fake News Politik machen” ist virulent: Sie stellt sich angesichts der Menge an falschen beziehungsweise irreführenden Meldungen, die mit der Absicht zu täuschen oder einer Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit verbreitet werden, mit besonderer Dringlichkeit.
Jasters und Lanius bemühen philosophische, soziologische und psychologische Ansätze, um Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von “Fake News” und Politik vorzuschlagen. Ihre Schreibe bleibt dabei stets gut verständlich, ist reich an Zitaten und Beispielen; die auf etwas mehr als 100 Seiten dieses Reclam-Büchleins versammelten Ausführungen sind hervorragend informiert und sinnvoll strukturiert.
Der Aufbau von “Die Wahrheit schafft sich ab” ist überzeugend, es beginnt mit einer Auffächerung aktueller Vorkommnisse: das Verständnis Donald Trumps und seines Teams von Fakten und die durch seine Anhänger verbreiteten Verschwörungstheorien aber auch erfundene Schlagzeilen über Angela Merkel und via WhatsApp kommunizierte Falschmeldungen werden knapp aufgeschlüsselt.
Die Entscheidung, erst im Anschluss eine Definition von “Fake News” vorzuschlagen und diese durch eine Checkliste zu ergänzen, erweist sich als eine das Buch tragende. Im Laufe der Überlegungen werden immer wieder Ergänzungen und Abwandlungen erarbeitet, die verdeutlichen, inwiefern sich Fake News von zum Beispiel Propaganda abgrenzen und ein neuartiges Phänomen darstellen, das sich gerade nicht, wie unlängst kritisiert wurde, in einem “leeren Begriff” erschöpft.
Als die Debatte am stärksten bereichernd verstehe ich das dritte Kapitel: Hier führen Jasters und Lanius an, was uns empfänglich macht für Fake News: Unter Bezugnahme auf Bestätigungsfehler und kognitive Dissonanz, Informations- und Konformitätskaskaden, Echokammern und Gruppenpolarisation können die Philosoph*innen den anhaltenden Erfolg von Fake News erklären.

Das titelgebende Kapitel wiederum führt die Überlegungen elegant zusammen: Was motiviert die Verbreiter von Fake News und wie gehen sie vor? Die Begründung greift auf die Aufrechterhaltung von Machstrukturen zurück: Lügen als Zeichen der Stärke, massenhafte Desinformation mit der Absicht, Vertrauenserschütterungen gegenüber “Demokratie, Medien, Rechtsstaat und Wissenschaft” einzuleiten.
Vorschläge, wie mit dieser Gefahr umzugehen ist, liefern Jasters und Lanius in einem abschließenden Kapitel: Fake News gilt es nicht nur als solche auszumachen und das heißt auch: hinsichtlich ihrer Plausibilität, ihrer Quellen, ihrer Verfasser, der Seriosität der dahinter stehenden Medien zu überprüfen. Inwiefern einen kompetenten Umgang mit ihnen zu pflegen außerdem heißt, demokratische Streitkultur und kritisches Denken zu praktizieren sowie Strukturen zu etablieren, die mit unserer Empfänglichkeit für Fake News verantwortungsvoller verfahren, das wird in vielversprechenden Skizzen vorgestellt.

Der analytische Hintergrund Jasters und Lanius ist der Erschließung des Themas absolut zuträglich, Fake News wahrheitstheoretisch und unter zusätzlichem Bezug auf soziologische und psychologische Ansätze aufzuschlüsseln, zielführend und bereichernd: Die Arbeit Jasters und Lanius füllt eine Lücke, sie bietet absolut überzeugende Antworten auf die Frage an, wie Fake News Politik machen.

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