Ein Date mit Michael Unterguggenberger

Heuer jährte sich der Geburtstag des Wörgler Freigeld-Bürgermeisters  Michael Unterguggenberger zum 140. Mal. Anlass für das Unterguggenberger Institut, am 15. August 2024 zu einem „Date mit Michael Unterguggenberger“ einzuladen.  Unterguggenberger veranlasste als Bürgermeister von Wörgl in der Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930-er Jahren die Wörgler Nothilfe mit Freigeld nach der Idee Silvio Gesells. Die Gemeinde schaffte ein regionales Wirtschaftswunder, das noch heute weltweit Beachtung findet.

Nach dem Auftakt im Museum Wörgl, in dem im „Zahlenraum“ an das Wörgler Geld-Experiment erinnert wird, fanden sich über 40 Interessierte im Wörgler Kulturraum sowie im Museum Wörgl zum „Date mit Michael“ ein. Bei der biografischen Reise anhand von Fotos, Dokumenten, Musik und Texten geleitete die Obfrau des Unterguggenberger Institutes Veronika Spielbichler  durch das bewegte Leben Unterguggenbergers, dem einmal mehr Prof. Wolfgang Niedermayr mit der Verlesung von Original-Zitaten seine Stimme lieh. Niedermayr verkörperte 2007 und 2008 Unterguggenberger im gleichnamigen Multimedia-Theaterstück im Komma Wörgl.

Michael Unterguggenberger – eine biografische Reise

Michael Unterguggenberger kommt am 15. August 1884 als Kind einer Arbeiterfamilie in Hopfgarten im Brixental zur Welt. Mit 12 Jahren endet für ihn die Schulzeit, nicht jedoch das Lernen.  Nach entbehrungsreichen Lehrjahren als Schlosser in Imst geht er als Geselle auf die Walz, kommt dabei weit in der österreichischen Monarchie herum und lernt in Schlesien die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung kennen. Er geht zur Eisenbahn, kommt 1905 nach Wörgl und wird Lokführer. Als Sozialdemokrat  baut er die Eisenbahner-Gewerkschaft von 100 auf 800 Mitglieder aus und zieht nach dem Ersten Weltkrieg 1919 der Wörgler Gemeinderat ein, wird Wörgls Vizebürgermeister bis zur Wahl zum Bürgermeister 1931.

Bereits 1920 unterschreibt Unterguggenberger als Vizebürgermeister auf den Wörgler Notgeldscheinen. Die 1.Republik erlaubt den Gemeinden aufgrund des Kleingeldmangels – Münzen wurden während des 1. Weltkrieges eingezogen um das Metall in der Rüstungsindustrie zu verwenden – den Gemeinden die Ausgabe dieser Kassenscheine.

Michael Unterguggenberger ist ein Mensch, der den Dingen auf den Grund zu gehen pflegte. Er gibt sich nicht mit Dogmen und Parteiprogrammen zufrieden und stößt schon 1916 auf die sozialreformerischen Schriften des deutsch-argentischen Kaufmannes Silvio Gesell. Gesell ortete im Geldsystem die Wurzel wirtschaftlicher Schwierigkeiten: Wenn Geld ein Tauschmittel ist, sollte es wie Waren und Dienstleistung im Wert schwinden, nicht durch Zins und Zinseszins an Wert gewinnen. Er schlägt vor, auf die Banknoten eine Steuer einzuheben, die in Form von Klebemarken monatlich zu entrichten ist: „Schwundgeld“, noch heute bekannt als „Freigeld“.

Als dann 1929 die Weltwirtschaftskrise ausbricht und 1931 die verheerenden Folgen auch in Wörgl hautnah zu spüren sind, greift Unterguggenberger auf diese Idee zurück. Die Arbeitslosenzahlen klettern nach oben, der Konsum geht drastisch zurück, das Wirtschaftsleben kommt vielerorts zum Stillstand. 1500 Arbeitslose in der Region, 400 davon allein in Wörgl. 200 bereits ausgesteuert – was bedeutet, dass die Armenfürsorge der Gemeinde für diese 200 Familien aufzukommen hat. Aber die Gemeindekasse ist leer, Wörgl aufgrund des Hauptschulbaues hoch verschuldet. In dieser aussichtslosen Situation wagt der Gemeinderat über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg mit einstimmigen Beschlüssen jene mutige Tat, die als „Freigeld-Experiment von Wörgl“ in die Geschichte eingegangen ist. Wörgl finanziert mit Arbeitswertbestätigungen Bauprogramme, wodurch die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgeht, während sie österreichweit weiter steigt. Auf Drängen der Nationalbank, die um ihr Geldmonopol fürchtet, werden die Wörgler Arbeitswertscheine 1933 verboten.

Familienmensch und Musikant

Unterguggenberger heiratet 1908 seine erste Frau Maria Ender aus Hopfgarten, die ihm zwei Söhne, Hans und Michael, zur Welt bringt. 1917 stirbt sie an Tuberkulose. Michael lernt im Café Central in Wörgl seine zweite Frau Rosa Schnaiter kennen und lieben. Die beiden heiraten 1922 und bekommen mit Luis (1923), Lia (1926) und Silvio (1935) drei Kinder. 1926 zieht die Familie ins neue Eigenheim in der Jahnstraße, das im Zuge eines genossenschaftlichen Eisenbahner-Wohnbauprojektes errichtet wurde. Unterguggenberger war dabei ebenso federführend wie beim Aufbau des Wörgler Arbeiterheimes. (weitere Info: https://unterguggenberger.org/unterguggenbergers-zukunftsweisender-wohnbau-in-woergl/)

Rosa eröffnet in den 1920er Jahren ihr eigenes Geschäft, das im Lauf der Zeit mehrfach erweitert wird. Die Freigeld-Aktion unterstützt sie als aktives Mitglied der Freiwirtschaftsgruppe Wörgl, hilft bei der Aufklärungsarbeit und vermittelt mit ihren Italienisch- und Französisch-Kenntnissen. Sie bekennt sich ebenso wie Michael zur Freiwirtschaft und deren Geld- und Bodenreform, bewahrt trotz Verbotes der Freiwirtschaftsbewegung in der Nazizeit Michaels Schriftverkehr, Literatur und Dokumente auf und legt damit die Basis für ein umfangreiches Familien-Archiv, das Tochter Lia mit vielen Unterlagen und Sohn Silvio mit seiner Diplomarbeit übers Wörgler Freigeld-Experiment erweitern wird.

Michael Unterguggenberger war neben seiner politischen Tätigkeit in 18 Vereinen und Vereinigungen  seiner Heimatgemeinde Wörgl aktiv, u.a. auch im 1932 gegründeten Heimatmuseum. Besonders engagierte er sich im musikalischen Leben. Er trat als Trompeter der 1902 gegründeten Wörgler Arbeitermusikkapelle bei und mit dem Tanzmusik-Quartett „D´lustigen Vier Wörgl“ auf, komponierte selbst und arrangierte Stücke für große und kleine Besetzungen. Er erlernte autodidakt das Spielen verschiedenster Blas- und Saiten-Instrumente, gründete und leitete als Kapellmeister 1921 die Arbeiterjugendmusikkapelle und bildete den Großteil des Nachwuchses auch selbst aus. Unterguggenberger komponierte 1912 den Erinnerungsfestmarsch zum 10-jährigen Bestehen der Arbeitermusik, schrieb etwa eine „Turnfest-Ouvertüre“ für das “Eisenbahner Streichorchester Flügelrad in Wörgl” und Hausmusik für Zither, die er gemeinsam mit Rosa spielte. (weitere Info: https://unterguggenberger.org/musikalische-gruesse-vom-freigeld-buergermeister/)

Nach dem Verbot des Freigeld-Experimentes und seiner Absetzung als Bürgermeister im Zuge der Februar-Aufstände 1934 verschlechterte sich Unterguggenbergers Gesundheit zusehends. Sein Lungenleiden, das Asthma, machte ihm schwer zu schaffen. Im Jänner 1934 verfasst er sein bemerkenswertes politisches Manifest (https://unterguggenberger.org/unterguggenbergers-politisches-manifest-1934/) Er hält noch zahlreiche Vorträge im In- und Ausland in der Hoffnung, dass das in Wörgl erprobte Freigeld auch andernorts die Wirtschaft aus der Krise holt. Lunge und Herz versagen, Unterguggenberger stirbt am 19. Dezember 1936 im Alter von 52 Jahren.

„War Michael Unterguggenberger ein Rebell oder ein Realpolitiker?“ fragt Dr. Wolfgang Broer, Autor des Buches Schwundgeld. „Ich denke er war beides. Er war ein Rebell im Herzen. Aber mit dem Kopf und dem Verstand war Unterguggenberger ein Realpolitiker, weil er sehr genau wusste, dass Kompromisse nicht bloß faul, sondern notwendig sind und dass ein Zugeständnis einen viel weiterbringen kann als stures Beharren.“ Broers wissenschaftlich und historisch exakt recherchiertes Buch sei auch jedem empfohlen, der sich eingehender mit Michael Unterguggenberger und dem Wörgler Freigeld-Experiment beschäftigen will.