Digitalisierung im Geldsystem – was kommt auf uns zu?

Der Kitzbühel Ditigal Verein organisierte am 22. Oktober 2025 im Filmtheater Kitzbühel einen Bildungsabend zum Thema „Digitales Geld – Gefahr oder Chance?“, zu dem sich bei freiem Eintritt rund 100 Interessierte einfanden. Nach drei Fachvorträgen und einer Diskussionsrunde mit dem Publikum wurde in Kooperation mit dem Unterguggenberger Institut der mehrfach prämierte Spielfilm „Das Wunder von Wörgl“ nach historischen Ereignissen des Wörgler Freigeld-Experimentes gezeigt.

Zum digitalen Euro der EZB referierte Marlies Stubits von der Österreichischen Nationalbank-West. Peter Grosskopf von AllUnity erläuterte Stablecoins & Kryptowährungen und Paul Pöltner stellte die Digital Asset Association Austria DAAA und ihr Arbeitsfeld vor.

Bevor die beiden Moderatoren Jenny Koller und Michael Kübel vom Kitzbühel Digital Verein durch den Abend führten, begrüßte dessen Obmann Thorsten Peisl im Publikum u.a. den Landtagsabgeordneten Peter Seiwald, Kitzbühels Vizebürgermeister Walter Zimmermann und Hermann Huber von der WKO Kitzbühel und erläuterte kurz die Ziele des Vereins: „Durch Wissensvermittlung wollen wir den Einstieg in Digital-Themen erleichtern und themenspezifische Interessensgruppen und gemeinschaftliche digitale Initiativen mit regionalem Mehrwert bei der praktischen Umsetzung unterstützen.“

Der Digitale Euro als europäisches Zahlungssystem

Mehr Unabhängigkeit von internationalen, vor allem amerikanischen Kartenzahlungsanbietern, nannte Prof. Mag. Marlies Stubits, stellvertretende Leiterin der OeNB-West, den Beweggrund der EZB für die Einführung des „digitalen Euros“ als „digitales Bargeld“ im Euro-Raum. 13 von 20 Euro-Ländern verfügen über kein nationales Kartenzahlungssystem, zudem komme „Bezahl-Konkurrenz“ mit US-Tech-Unternehmen und US-Stablecoins. Stubits: „Mit dem digitalen Euro der europäischen Zentralbank soll ein gesetzliches Zahlungsmittel für den digitalen Raum geschaffen werden, mit europäischer Technologie und Infrastruktur.“

Der von der Europäischen Kommission ausgearbeitete Vorschlag sehe vor, dass der Digitale Euro als gesetzliches Zahlungsmittel der Bevölkerung im Euro-Raum „stets kostenlos“ und im Einklang mit dem europäischen Datenschutz-Recht zur Verfügung stehen soll. Dabei hätte jeder Mensch ein Recht auf ein digitales Euro-Konto parallel zum bestehenden Bankkonto, aber auch Menschen aus „vulnerablen sozialen Gruppen“ sollen damit den digitalen Zahlungsdienst nutzen können.

Nach der Erstausgabe in den 20 Euro-Ländern mit 349 Millionen Menschen ist an eine Erweiterung auf alle Länder im europäischen Wirtschaftsraum sowie auf Drittländer mit Währungsabkommen gedacht. „Der digitale Euro wird Bargeld und private Zahlungslösungen wie Karten, Überweisungen und andere digitale Zahlungsarten nicht ersetzen“, erklärte Stubits. Vielmehr sei er als paneuropäisches Zentralbankgeld „wie Bargeld in einer digitalen Welt“, mit dem man „online und offline zahlen kann“.

Der digitale Euro könne von Person zu Person ebenso weitergegeben werden wie zur Zahlung von Waren und Dienstleistungen in physischen und Online-Geschäften, aber auch für Lohnzahlungen von Unternehmen verwendet werden. Zulässig ist auch die Zahlung an und von öffentlichen Stellen wie Steuern und Subventionen. Die technische Umsetzung umfasse Smartphones, physische Karte und Webinterface, entwickelt werden Kundenoberflächen wie Eurosystem-App, Banking-App und Zahlungsdienstleister-App. Funktionieren soll das Ganze über Internet, NFC und QR-Codes.

Stubits betonte die Vorteile – „für Kunden im ganzen Euro-Raum bei kostenfreien Basisdienstleistungen“ nutzbar, der Handel profitiere von „niedrigeren Händlergebühren“ und Zahlungsdienstleisterhätten eine „europäische Innovationsplattform“ und „neue Einnahmenquellen durch Value-Addes-Services.“ Datenschutzrechtliche Bedenken seien unbegründet, da Datenschutz „ein Hauptmerkmal des digitalen Euro“ sei: „Es wird ein eigenes Datenschutz- und Prüfungskonzept nur für den digitalen Euro geben“, so Stubits. Weder das Eurosystem, noch Anbieter von Unterstützungsdiensten „wären in der Lage, Zahlungen in digitalen Euro direkt einer bestimmten Person zuzuordnen.“

Zur praktischen Anwendung erklärte Stubits, dass „bei Zahlungen mit Karten Baraufladung und Barauszahlung möglich ist“. Dank Offline-Funktion sind Transaktionen auch an Orten mit eingeschränkter Internetanbindung möglich und neben Zahlungsdienstleistern würden „auch öffentliche Stellen als Intermediär agieren, etwa für Menschen mit eingeschränktem Bankzugang.“

Die Banken würden weiterhin eine wichtige Rolle spielen: „Die Ausgabe des digitalen Euro würde ausschließlich durch Zahlungsdienstleister erfolgen“, so Stubits. Dabei sind Bestands-Obergrenzen für End-NutzerInnen (keine für Unternehmen) vorgesehen und der digitale Euro würde nicht verzinst. Mit der Einführung von „dE“-Konten müssen die Banken ihr Geschäftsmodell allerdings „überdenken“. Der digitale Euro sei aber „keine Konkurrenz zum Kredit- und Spareinlagen-Geschäft.“

Der Zeitplan

„94 % der Notenbanken weltweit arbeiten an der Einführung von digitalen Zentralbank-Währungen“, teilte Stubits mit und gab einen Einblick in die weiteren Umsetzungsschritte: „Ab November 2025 läuft die 2. Vorbereitungsphase. Vorbehaltlich der Zustimmung durch den EZB-Rat erfolgt die Entwicklung des Piloten. 2026 soll die EU-Verordnung beschlossen werden, mit der Einführung ist ab 2028/29 zu rechnen.

Kritik am digitalen Euro

Äußerst kritische Worte von Thomas Hechenberger, Vorstand der Sparkasse Kitzbühel für den digitalen Euro: „Eine Lösung für den digitalen Euro zu entwickeln kostet viele Milliarden Euro – und das für ein Zahlungsmittel, für das es keinen Bedarf gibt. Derzeit läuft vieles über US-Anbieter, aber den Konsumenten ist das egal. Welchen Sinn macht da ein digitaler Euro?“ Zusätzlich äußerte Hechenberger Bedenken betreffend die Finanzmarktstabilität. Durch den digitalen Euro würde Geld aus dem Finanzmarkt rausgezogen, das künftig nicht mehr für das Kreditgeschäft der Banken zur Verfügung stehe, was „ein Riesenproblem“ sei. Hechenberger plädierte für „billigere Lösungen als den digitalen Euro“ und erntete Applaus vom Publikum.

Der digitale Euro wolle „das Geschäftsmodell der Banken nicht verdrängen“, meinte Stubits dazu und sieht im digitalen Euro eine „hochpolitische Frage“ – bis heute habe man es nicht geschafft, die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren. Der digitale Euro wäre das erste transeuropäische digitale Zahlungssystem, die Kosten würden „großteils vom Euro-System getragen werden“.  Es sei der öffentliche Auftrag an die EZB, den digitalen Euro als „öffentliches Gut“ bei freier Wahl der Anbieter zu schaffen. Stubits: „Wir glauben, dass das gut für den Wettbewerb ist und Gebühren senken wird.“ Der digitale Euro könne zudem nicht gehortet werden wie derzeit Bargeld, von dem „15 bis 20 % bei den Menschen daheim gehortet werden“.

Digitale Gutscheinlösungen für die Region

Die „Digital Assets Association Austrian“, kurz DAAA beschäftigt sich mit digitalen Gutscheinlösungen für die Region. Einleitend erläuterte DAAA-Geschäftsführer Walter Mösenbacher die Ziele des Vereines „von und für die Industrie“, dem 40 Mitglieder u.a. aus dem Banken- und Kryptobörsen-Sektor angehören. „Wir tragen aktiv zur Entwicklung des Kapitalmarktes für digitale Assets in Österreich und Europa bei“, so Mösenbacher.

2018 wurde als Folge des Fintec-Beirates der Verein DAAA zur Schaffung eines Ökosystems für digitale Vermögenswerte ins Leben gerufen. Zu dessen Aufgaben zählt Interessensvertretung, Unterstützung von Projekten und Initiativen, Bereitstellung von Informationen über digitale Vermögenswerte und Vernetzung mit Politik, Behörden und Institutionen zur Schaffung standortfreundlicher regulatorischer Rahmenbedingungen. Die Ausrichtung von Events zählt ebenso dazu –  z.B. der Digital Assets Rechtstagung in Wien am 18. November 2025.

„Am 12. Jänner 2009 erfolgte die erste Bitcoin-Transaktion für den Kauf von Pizza. Heute liegt der Kurs bei 107.000 Dollar für einen Bitcoin und eines ist klar: Das Thema ist da und wird es bleiben“, ist Mösenbacher überzeugt. Und da bestehe viel Bildungs- und Informationsbedarf, nicht nur bei Jugendlichen.

Was ist nun unter digitalen Vermögenswerten zu verstehen? Die Blockchain-Technologie bildet dafür die Basis: „Die Blockchain ist ein weltweites Betriebssystem“, erklärte Paul Pöltner und erläuterte Basiswissen über die Ausformungen von „Tokens“ (das sind digitale Einheiten, die bestimmte Werte oder Rechte darstellen, vereinbart in smart contracts) sowie den Finanzmarkt, der sich durch die Kryptowährungen gewandelt hat. Neben der traditionellen, zentristisch ausgerichteten Finanzindustrie mit Zentral- und Geschäftsbanken entstand mit DeFi – dezentralisiertem Finanzmarkt ein digitales Finanzsystem, das ohne Banken als Vermittler auskommt und Regulierungsbehörden weltweit vor Herausforderungen stellt. Basiert das CeFi (zentralistischen Geldsystem) auf dem Vertrauen in Behörden, Institutionen und menschlichen Entscheidungsträgern, so ist es beim DeFi das Vertrauen in den Code, die mathematische Gewissheit der Blockchain-Technologie.

Die DAAA sieht Chancen durch DeFi im regulierten Umfeld – mehr Menschen Zugang zu Finanzdiensten wie Sparen und Investieren ermöglichen, durch direkte Transaktionen Risiken senken und Transparenz erhöhen und als Innovationsmotor in Handel, Tourismus und Verwaltung dienen. Pöltner plädiert dafür, solche Lösungen auch in der Region zu verwenden: „Schnell und einfach per APP oder QR-Code bezahlen. Das Geld bleibt in der Region, jede Transaktion ist sichtbar und durch die Blockchain digital nachvollziehbar. Druck- und Verwaltungskosten entfallen.“

Was das praktisch bedeuten kann? „Digitale Gutscheinsysteme sind programmierbar. Sie fördern die Kommunikation, sind Low-Level-Marketing – Touristen geben digitale Gutscheine leicht weiter, die Region wirbt für sich selbst. Die Kundenbindung kann gestärkt werden mittels Belohnung für wiederkehrende Gäste und lokale Einkäufe“, nennt Pöltner Einsatzgebiete. Damit ließen sich auch Solarparks vorfinanzieren. Solche Gutschein-Modelle stärken Gemeinschaften und Netzwerke, ermöglichen gemeinsame Aktionen von Hotels, Handel und Gemeinden. Durch automatisch eingebaute Rückflüsse in die Region können regionale Projekte oder Vereine unterstützt werden. Pöltner setzt auf „Tokenisierung“, um den Finanzmarkt der Zukunft nachhaltiger und resilienter zu gestalten.

Stablecoins als Internetgeld

„Das Geld ist schon lange digital“ eröffnete Peter Grosskopf im Hinblick auf das digitale Buchgeld der Banken seinen Beitrag über Stablecoins und Krypto. Peter Grosskopf gilt als führender Experte für digitale Finanzinfrastrukturen und Blockchain-Technologien, verbindet Unternehmertum, Regulierung und technische Innovation und ist Leiter von AllUnity, einem Joint Venture, das in Deutschland ein E-Geld-Institut für einen MICAR-konformen Euro-Stablecoin aufbaut.

Im Zahlungsverkehr sieht Grosskopf die Notwendigkeit zusätzlicher digitaler Angebote in Europa, um unabhängiger zu werden. Er setzt dabei auf Tokens auf Blockchainbasis, sogenannter Stablecoins. Was sich auf Wertstabilität bezieht – sie seien mit unterschiedlicher Deckung in Umlauf, wobei die sicherste Variante die eins-zu-eins-Deckung in realer Währung sei. Besonders dieser Sektor habe sich stark entwickelt, weshalb nun mit dem EURAU ein Euro-basierter Stablecoin mit BAFIN-Bewilligung als „Internetgeld“ entwickelt werde. Grosskopf ist überzeugt davon, dass mit Stablecoins die ersten realen Vermögenswerte auf der Blockchain massentaugliches Finanzinstrument im Krypto-Investment sowie als E-Geld bei der Abwicklung von Handelsgeschäften werden – verbunden mit dem Vorteil der Nachverfolgbarkeit. Es werde nicht eine digitale Währung geben, sondern verschiedene Plattformen.

„Wir sind mitten in der Transformation des digitalen Geldes“, stellte Marlies Stubits in der von Thorsten Peisl geleiteten Panel-Diskussion fest und teilte mit, dass die Zentralbank dem Thema Stablecoins grundsätzlich positiv gegenüberstehe, diese allerdings keine Währung seien und es einen regulativen Rahmen samt Aufsicht brauche – das sei für das Euro-System wichtig.

„Ist der Blockchain-basierte DeFi eine Demokratisierung des Geldsystemes?“ wollte ein interessierter Zuhörer wissen. So wie jetzt praktiziert – nein. Die Technologie könnte sie aber verwirklichen, schätzte Peter Grosskopf die aktuelle Lage ein. „Der Bitcoin ist die Dampfmaschine unter den Kryptos – die Entwicklung dezentraler Finanz- und Zahlungssysteme geht weiter“, so Grosskopf.

„Mit dem Bitcoin gäbe es keine Korruption!“ lautete eine weitere Wortmeldung eines selbstredend als „Bitcoin-Enthusiasten“ bezeichneten Zuhörers aus dem Publikum. Dem pflichtete Peter Grosskopf bei: „Mit Blockchain-Lösungen könnte Korruption und Geldwäsche wirksam unterbunden werden.“

Thorsten Peisl wies auf die Rolle der regionalen Banken als Finanzdienstleister hin, wobei sowohl Sparkasse als auch die Raiffeisenbank in Kitzbühel die Veranstaltung unterstützten. Franz Lechner von der Raiffeisenbank formulierte seinen Vorschlag – er wünsche sich ein „regionales Gutscheinsystem für den ganzen Bezirk Kitzbühel“ und setze dabei nicht nur auf die digitale Form, sondern auch weiterhin auf physisch angreifbares Papier, das sich als Geschenkgutschein vor allem bei älteren Semestern bewähre.

„Das Wunder von Wörgl“

Modern formuliert war das Wörgler Freigeld ein „Schilling mit smart contract“: der Gemeinderat beschloss 1932 einstimmig das Reglement der lokalen Währung, die zur Umsetzung eines Infrastruktur-Bauprogrammes ausgegeben wurde und während der Weltwirtschaftskrise ein „regionales Wirtschaftswunder“ durch Ankurbelung des  lokalen Wirtschaftskreislaufes bewirkte. Zu den damals vereinbarten neuen Geldregeln zählte der „Schwund“, der monatlich durch das Aufkleben von Marken im Wert von 1 % des Nennwertes auszugleichen war. Die Geld-Gebühr beflügelte den lokalen Geld-Umlauf und damit Kaufkraft und Wertschöpfung im Ort. Ein reales Experiment, das eindrucksvoll zeigte, wie sehr das Geldsystem das Leben der Menschen beeinflusst.

Kitzbühel Digital Verein

„Heute stehen wir erneut vor einem tiefgreifenden Wandel. Während Bargeld an Bedeutung verliert und regionale Gutscheinsysteme großteils in Papierform existieren, gewinnen digitale Kryptowährungen und staatliche Digital-Währungen an Bedeutung“, begründet der Kitzbühel Digital Verein sein Engagement. „Das Thema betrifft alle – Konsumenten, Unternehmen und Politik. Die Umstellung kann unser Leben in vielen Bereichen verändern und wirft wichtige gesellschaftliche, wirtschaftliche und ethische Fragen auf.“  Der Kitzbühel Digital Verein versteht sich als Plattform zur Förderung digitaler Bildung und Organisations-übergreifender Digitalisierung im Bezirk Kitzbühel. Weitere Infos in Kürze auf https://www.kitzbuehel.digital/

Text: Veronika Spielbichler