Unter dem Buchtitel „Wildcat-Banking“ gab Prof. Dr. Gerhard Senft vom Institut für Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schichte der Wirtschaftsuniversität Wien 2017 eine Sammlung von „Materialien zur monetären Gestaltungsfreiheit“ heraus und würdigte in der geschichtlichen Einordnung des „Free Banking“ die Rolle des Wörgler Freigeldes, das „bis heute eine zentrale Vorbildfunktion“ habe. Senft spürt den historischen Wurzeln der dezentralen Geldschöpfung nach, deren Vertreter darin ein höheres Maß an Stabilität und Fairness im wirtschaftlichen Geschehen sehen als in der derzeitigen Praxis der Geldschöpfung.

„Bis heute ist es nicht gelungen, die Krisen auslösenden Momente des Geld- und Finanzsektors wirksam zu entschärfen. In steter Regelmäßigkeit wird die Gesellschaft mit Inflationsprozessen oder mit geldpolitischen Verengungen hinsichtlich der produktiven Betätigung und der sozialen Erfordernisse konfrontiert“, heißt es im Klappentext der Buches, das im Verlag Max Stirner Archiv/edition unica Leipzig erschienen ist. Die Textsammlung bringt wesentliche Argumente der Befürworter autonomer Geldschöpfung durch dezentrale Strukturen in einem historischen Kontext.

„Zu keiner Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg war die Innovationshäufigkeit auf dem Geld- und Finanzsektor derart hoch wie in den vergangenen zehn Jahren“, stellt Senft einleitend fest, wobei „die abenteuerlich anmutende `Produktvielfalt´ des Bankensektors hier nicht gemeint ist. Senft, seit 1989 lehrend und forschend am Institut für Wirt­schafts- und Sozi­al­ge­schichte an der WU Wien tätig, übt Kritik am Monopol der Zentralbanken, die „nicht selten an der Entstehung von Finanz- und Wirtschaftskrisen beteiligt waren“.

Ein Blick in die Geschichte zeige, dass gegenüber dem Notenmonopol von Zentralbanken lange Zeit Vorbehalte bestanden und diese die Entstehung des „Free Banking“, der autonomen Geldschöpfung, begünstigten. 1716 begann in Schottland die über einhundert Jahre dauernde Free-Banking-Ära. Im 19. Jahrhundert praktizierten England, die Schweiz, Schweden und Kanada Free Banking, auch in den USA sowie in Frankreich gab es Zeiten mit dezentraler Geldschöpfung.

„Die Beseitigung des Monopols im Bereich des Geldwesens hat zur praktischen Folge, dass jede Person und jede Gruppe für sich und andere monetäre Mittel herstellen und in Umlauf bringen kann“, erklärt Senft das „Free Banking“, das in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Zugkraft gewonnen habe.

Die gedanklichen Ansätze von Silvio Gesell, dessen Idee des Negativzinses beim Wörgler Freigeld erprobt wurde, haben seit den 1980er Jahren an Stellenwert gewonnen. „Die in Wörgl unter der Bezeichnung Arbeitswertschein in Umlauf gebrachte lokale Geldeinheit hat bis heute zentrale Vorbildfunktion“, schreibt Senft und hebt unter den neuen Vertretern eines differenzierten Währungssystems Richard Douthwaite hervor.

„Die vorgestellten Regulierungsinnovationen wenden sich explizit gegen den Satz, dass es keine Alternative zum heute vorherrschenden Wirtschaftssystem gibt“, erklärt Senft. Cyberwährungen hätten bereits Wege aufgezeigt und mittlerweile den Sprung vom Spielfeld zum ökonomisch relevanten Faktor geschafft. Senft stimmt mit anderen Experten überein, dass Kryptowährungen und Blockchain-Technologie nicht verschwinden, sondern in Zukunft an Bedeutung massiv zulegen werden.

Das Buch „Wildcat Banking – Materialien zur monetären Gestaltungsfreiheit“ enthält neben dem Beitrag von Prof. Dr. Gerhard Senft Lebensläufe und Texte von Vordenkern wie Benjamin R. Tucker, Lysander Spooner, William B. Greene, Albert Brisbane, Josiah Warren, Laurance Labadie, Claude Bourdet (Ein neues ökonomisches Mekka: Wörgl oder das „Schwundgeld“), Ulrich von Beckerath und Siegfried H. Schwenke. Das Buch ist im Buchhandel um 12,50 Euro erhältlich.