Seit 26. September 2017 laufen die Dreharbeiten für das TV-Drama „Der Geldmacher“ über das Wörgler Freigeld-Wirtschaftswunder in den 1930er Jahren, in dem Karl Markovics den damaligen Bürgermeister Michael Unterguggenberger  und Verena Altenberger seine Frau Rosa verkörpern. Diese Woche machte der Film-Tross in Tirol Station, wo am 18. Oktober 2017 in Sautens und Inzing gedreht und zum Medienset-Besuch geladen wurde.

Kein kleines Fernsehspiel, sondern eine Großproduktion in Kino-Qualität stellt die österreichische Produktionsfirma epo-film Wien mit ihren Koproduzenten Film-Line München und FreibeuterFilm Wien mit dem ORF, dem Bayerischen Rundfunk, ARTE, dem SFR Schweiz und RAI Bozen, gefördert von Fernsehfonds Austria, FFF Bayern, Cine Tirol, dem Land Niederösterreich und Creative Europe Media auf die Beine. Epo-Film-Chef Dieter Pochlatko benötigte einen langen Atem, um die Finanzierung des 3 Millionen Euro-Filmbudgets auf die Beine zu stellen.

Eine Herausforderung stellte für die Umsetzung des historischen TV-Dramas die Suche nach geeigneten Drehorten dar. Wörgl ist nicht dabei – zu wenig historische Bausubstanz. Schauplätze wurden in Wien, Niederösterreich, in Tirol – das Wörgler Marktgemeindeamt wurde in Hall aufgebaut, Kirchenszenen spielen in Inzing, eine Brückeneröffnung in Sautens – sowie in Südtirol u.a. mit Girlan und Neumarkt gefunden. Gedreht wird auch in den Bavaria-Studios in München, wobei für die aufwändige Produktion bis Ende Oktober  nur 23 Drehtage angesetzt sind.

Hinter der Kamera sind am Set rund 60 Leute im Einsatz, vor der Kamera rund 30 DarstellerInnen mit Sprechrollen und sowie viele Komparsen, wobei rund ein Fünftel der Darsteller aus Tirol kommt.  An der Seite von Karl Markovics spielen  u.a. Verena Altenberger (derzeit im Kino im bewegenden, prämierten Drama „Die beste aller Welten“ in der Hauptrolle und ab 20. Oktober 2017 jeweils freitags um 23.00 Uhr in ORF eins in der TV-Sitcom  „Magda macht das schon“ zu sehen), Aaron Friesz als Sohn Michi, Lisa Marie Trojer, Gerhard Liebmann, Harald Windisch und Andreas Lust. Als Regisseur konnte der Schweizer Urs Egger, der u.a. beim imposanten TV-Zweiteiler über die Errichtung des Gotthard-Tunnels  Regie geführt hat, für das Projekt begeistert werden.

Ein langer Weg zur Film-Realisierung

„Vor 7 Jahren kam Oliver Neumann mit der Idee zu mir, über das Wörgler Schwundgeld-Experiment ein Drehbuch zu entwickeln“, erinnert sich Produzent Dieter Pochlatko. Neumann wurde durch Wolfgang Uchatius´ Bericht in der Zeit „Das Wunder von Wörgl“, veröffentlicht am 22. Dezember 2010 (http://www.zeit.de/2010/52/Woergl)  auf die Geschichte aufmerksam.  Epofilm beauftragte daraufhin den damaligen Jungautor und frisch gebackenen Diagonale-Preisträger  Thomas Reider damit, ein Drehbuch-Konzept zu verfassen.  Davon überzeugt holte sich Dieter Pochlatko für das aufwändige finanzielle Vorhaben als erstes den Produzenten Arno Ortmair von FilmLine München ins Boot. „Wir hatten damals gerade den Film Superwelt mit Karl Markovic fertig gedreht und ich bat ihn, das Drehbuch zu lesen. Seine Zusage war die Initialzündung, um das Paket zu schnüren“, erklärt Pochlatko.

Fasziniert von den historischen Ereignissen ging Drehbuchautor Thomas Reider ans Werk und beantwortet die Frage, wie weit sich das Drehbuch von  der Realität entfernt und wieviel Fiktion drinnensteckt: „Die Story ist kompromiert, aber  sehr nah an der Realität. Es  hat sich tatsächlich so Weltbewegendes in Wörgl zugetragen. Das ist gut dokumentiert – durch Zeitungsartikel  und das Unterguggenberger Institut. Die Hauptaufgabe war, das Riesenwerk von Michael Unterguggenberger zu komprimieren. Es klingt zwar wie eine Robin Hood Hollywood-Geschichte, ist aber passiert.“

Karl Markovics & die Crew im Interview

Karl Markovics kannte das Wörgler Freigeld-Experiment schon vor dem Drehbuch zum Spielfilm „Der Geldmacher“ : „Kurioserweise kam vor rund 10 Jahren bei der Gründung von  ORF3 nach Eröffnung eine Frau zu mir mit einer DVD und einem Büchlein. Sie sagte, dass das ein Stoff für mich sei“, erinnert sich Markovics, der sich beides ansah und schon damals davon überzeugt war, hier ein wirklich gutes Spielfilm-Thema in Händen zu halten.  Er gab beides bei epo-film ab mit der Aufforderung „Schauts einmal, ob ihr das nicht entwickeln könnt. Auf verschlungenen Wegen kam das Thema dann wieder zu epo-film und zu mir zurück – es hat alles scheinbar eine Bedeutung, die Rolle hat mich gefunden“, erzählt Markovics im Interview.

Was ist das Wichtigste, das sein Charakter zu erzählen hat? Markovics: „Dass die Geschichte anders verlaufen wäre, wenn dieses Projekt wirklich Erfolg gehabt hätte. Es kommt ja in einer Szene vor, die wir bereits gedreht  haben, in der Unterguggenberger zu seinem Gegenspieler, dem Ortsnazi sagt: Du hast Recht, dass wir schnell sein müssen, weil das hier abgedreht wird, sehr bald, von der Obrigkeit – aber wenn diese Sache mal so groß ist, dass man sie nicht mehr abdrehen kann, dann wird es keine Banken, keine Börsen mehr brauchen und einen Hitler auch nicht mehr – sinngemäß. Und das wäre wirklich, behaupte ich, passiert. Wenn das ein paar Monate länger gelaufen wäre, mehr Städte ergriffen hätte in Österreich, wenn das Modell, das Unterguggenberger schon entwickelt hatte,  umgelegt vom kleinen Wörgl auf den gesamten Staat  Österreich, wenn das Schule gemacht hätte, dann hätte man in Europa die Weltwirtschaftskrise sehr schnell überwinden können und eine Figur wie Hitler und die unglaubliche Zivilisationskatastrophe danach wäre uns womöglich erspart geblieben. Und das, was der Film heute erzählen kann ist, dass dieses Modell ja immer noch aktuell ist. Und dass wir uns nicht darauf ausreden müssen, dass es nur eine Möglichkeit gibt, um Krisen zu überwinden, nämlich in den Extremismus zu gehen, sondern dass man es ja auch einmal mit Hirn versuchen kann, mit einem Konzept.“

Vom Schwundgeld gehört hat vor dem Dreh auch Aaron Friesz, der Unterguggenbergers rebellischen Sohn Michi darstellt: „Aber begriffen habe ich es erst über das Buch. Es ist ja in vielen Fällen das Problem, keine Vorstellung von Alternativen zu haben. Das erzählt der Michi auch ganz schön – wenn man keine Möglichkeiten hat, sich zu entfalten, arbeiten gehen zu können, dann wird man natürlich schnell zu einer einfachen Lösung greifen, zu einem einfachen Extrem wechseln, um sich gegen das vermeintlich Böse zu stellen.“ Das passiere Michi im Spielfilm ganz stark, er wendet sich zunächst dem Nationalsozialismus zu, bevor er erkennt, dass das nicht der richtige Weg ist. „Es ist ein kleiner Kunstgriff. Der echte Michi Unterguggenberger  war kein Nazi, so wie er bei uns am Anfang dargestellt wird, sondern die Familie hat von Anfang an sehr zusammengehalten, was in diesem Fall natürlich dramaturgisch schwieriger zu erzählen wäre.“ Aaron Friesz: „Die Geschichte des Michi wird verwendet, um die Problematik, die damals da war, die heute da ist, zu erklären, eine Metapher dafür zu finden.“

„Unser Glück ist, dass diese Geschichte bis heute noch niemand verfilmt hat“, erklärt Karl Markovics in Bezug auf Spielfilm-Projekte, die in den vergangenen Jahren in England, den Vereinigten Staaten,  Deutschland und der Schweiz  gestartet  wurden und unterschiedlich weit gediehen sind,  dann u.a. aber bislang an der Finanzierung scheiterten. „Umso toller ist es, dass es Österreich, Bayern und Südtirol gelungen ist, diesen Film auf die Beine zu stellen“, so Markovics, der den „Geldmacher“ auch als geeignet  für den internationalen Markt erachtet.

In die Rolle der Rosa Unterguggenberger schlüpft Verena Altenberger, die mit ihrer Darstellung einer drogensüchtigen, aber sehr fürsorglichen Mutter im Film „Die beste aller Welten“ nach einer wahren Geschichte für Furore sorgt. „Im Film wird viel Raum gegeben,  um die Stärke der Rosa zu zeigen. Sie muss eine sehr faszinierende, tolle Frau gewesen sein.  Sie ist nicht nur hinter, sondern neben ihrem Mann gestanden, war Mitinitiatorin des ganzen Projektes  und hat andere zum Mitmachen motiviert. Sie hat dem Ganzen einen Aufschwung gebracht.“ Am Drehbuch habe sie sofort  „das Gefühl gereizt, dass da so etwas Großes passiert. Hätte man das machen lassen, hätte man die Geschichte anders schreiben können. Der zweite Grund war die Rosa – so eine Frau in den 1930er Jahren ist unglaublich! Starke Frauenrollen brauchen wir im Film!“

23 Drehtage und ein hoher Qualitätsanspruch

Mit 23 Drehtagen ist die Drehzeit sehr knapp bemessen. „Die Drehzeiten beim Film und im TV-Bereich werden immer kürzer, die Kosten steigen enorm. Die Sender schauen, dass sie Gesamtbudgets senken. Das Problem ist, dass das die Qualitätsschraube anzieht, wenn von der Produktionsseite versucht wird, die Drehzeiten zu verkürzen. Das ist nur zu schaffen, weil jeder sich ins Zeug  legt. Irgendwann  werden wir uns aber zusammentun und Sendern begreiflich machen müssen, dass es nicht mehr weiter runter geht“, merkt Markovics an. Es gäbe einen Punkt, nach dem nach der Selbstausbeutung dann eben auch  die Qualität sinke. „Diesen Spagat vollführen wir hier noch sehr sehr gut, weil jeder davon überzeugt ist, dass dieser Film gemacht werden muss.“

Unter 23 Tagen sei es aber nicht zu schaffen – allein aufgrund der vielen Drehorte und der Vorgabe des historischen Stoffes. Gedreht wird in verschiedene Regionen – da gilt es hinreisen, den ganzen Tross wieder aufbauen, die Strukturen jedesmal zu übersiedeln. Allein fürs Licht sind fünf Lkw im Einsatz, dazu kommen Sprinter für Garderobe, Kamera, Wohnwägen für die Darsteller. „Wir haben relativ viele Komparsen, viele Schauplätze,  wir lösen nicht fernsehdurchschnittlich auf,  auch die ganze Kameradramaturgie ist sehr aufwändig. Urs Egger fand, das ist Kinostoff – und so wird auch gedreht“, erklärt Markovics.

Als Resultat der Qualitätsarbeit will Dieter Pochlatko vor der Fernsehausstrahlung noch einen  Kino-Start in Österreich, muss das aber „erst noch mit dem Fernsehen regeln“. Diese Vorgangsweise habe sich aber auch beim Luis Trenker-Film bewährt. „Der Geldmacher“ würde  dann in Kinos in ganz Österreich gezeigt, die TV-Ausstrahlung erfolgt nicht vor Herbst 2018. 13 Drehtage sind im Kasten, noch stehen 10 bevor, u.a.  die Studio-Aufnahmen in München.

Warum sollten sich die Menschen den Film ansehen?

Aaron Friesz: „Der Film zeigt sehr schön, dass es für ein globales Problem immer eine Lösung der Mitte geben kann, nicht rechts, nicht links, in erster Linie eine menschliche Lösung.  Dass ein Problem ohne Gewalt gelöst und ein System, das augenscheinlich nicht funktioniert, geändert werden kann.“

Konstanze Duzi, als Sekretärin vor der Kamera: „Es ist die Geschichte eines Idealisten, der eine Lösung sucht und findet, die ihm leider verbaut wird. Der Film zeigt eine Alternative auf, was das Geld betrifft. Ich habe den Satz ´wenn´s du fürs geld zahlen musst, gibt’s es schneller wieder aus´. Und das beschäftigt mich schon – wenn gehortet und gespart wird und das Geld nicht in Umlauf ist, was das für eine Veränderung in der Gesellschaft bewirkt.“

Begleitende Doku geplant

Der Spielfilm hält sich zwar weitgehend an historische Fakten, beinhaltet aber dennoch Fiktives, um die Geschichte spannender zu erzählen. Geplant ist deshalb auch eine begleitende Doku in der Reihe Universum History, wobei die Finanzierung noch nicht endgültig steht, daran aber gearbeitet wird. Begeistert vom Filmthema ist auch der deutsche Produktionspartner Arno Ortmair von FilmLine München, der von der Aktualität des Themas überzeugt ist und den Bezug zur Währungspolitik der EZB mit Negativzinsen herstellt.

Text: Veronika Spielbichler, Bilder: Christian Spielbichler